Universal Audio 4-710d

4-710d

„Das Beste beider Welten“

Der amerikanische Hersteller Universal Audio, in erster Linie bekannt für seine legendären Kompressoren 1176LN und LA-2A, hat im Jahr 2008 einen Mikrofonvorverstärker vorgestellt, der eine Röhrenstufe und eine Transistorstufe in einem Gerät bietet. Jetzt gibt es diesen Vorverstärker als 4-Kanal Gerät mit Analog-Digitalwandler zu einem attraktiven Preis. Grund genug für uns, das Gerät unter die Lupe zu nehmen.

Überblick

Der Universal Audio 4-710d ist ein 4-Kanal-Mikrofonvorverstärker, der durch eine geschickte Kombination von Transistor- und Röhrenverstärkung klanglich sehr flexibel ist. Darüber hinaus bietet das Gerät einen Preset-Kompressor mit zwei verschiedenen Regelgeschwindigkeiten und einen fest eingebauten 8-Kanal Analog-Digitalwandler mit ADAT und AES-Digitalausgängen, der Sampleraten bis zu 192 kHz unterstützt. Und dies alles gibt es zu einer unverbindlichen Preisempfehlung von 2400 Euro.4-710d

Analoge Ein- und Ausgänge

Da wir es hier mit einem Gerät zu tun haben, das einerseits ein 4-kanaliger analoger Vorverstärker mit Kompressor ist und andererseits ein 8-kanaliger Analog-Digitalwandler, gibt es eine Vielzahl von Anschlüssen:
Auf der analogen Seite bietet jeder der vier Vorverstärkerkanäle auf der Rückseite je einen Mikrofon-Eingang mit einer Impedanz von 2 Kiloohm, einen Line-Eingang mit 10 Kiloohm sowie auf der Vorderseite einen Instrumenten-Eingang mit 2,2 Megaohm. Die Eingangsstufe ist übertragerlos und elektronisch symmetriert.
Zusätzlich bietet jeder der 4 Kanäle symmetrische Inserts mit je einer 6,3mm Stereo-Klinkenbuchse für Send und Return, die auf der Vorderseite zuschaltbar sind, sowie über je einen ebenfalls übertragerlosen symmetrischen Line-Ausgang, der als XLR-Buchse ausgeführt ist. Die Ausgänge der vier Preamps sind zusätzlich zu den Line-Ausgängen intern fest mit den Eingängen 1-4 des Analog-Digitalwandlers verdrahtet.

Digitale Ausgänge

Für die Kanäle 5-8 des Analog-Digitalwandler gibt es auf der Rückseite 4 symmetrische Line-Eingänge, als 6,3mm Klinkenbuchse ausgeführt.
Über den Wordclock Ein-und Ausgang auf BNC lässt sich der Wandler mit einem externen Taktgeber (z.B. von einer Masterclock oder einem Audiointerface einer Workstation) synchronisieren. Hier gibt es auch einen kleinen Taster, mit dem man einen Abschlusswiderstand von 75 Ohm aktivieren kann, denn das Ende von Wordclock-Verbindungen sollte immer mit 75 Ohm terminiert werden, um Probleme zu vermeiden.
Die Ausgänge des Wandlers gibt es in zwei Formaten – einmal als ADAT-Paar und zusätzlich als AES-Ausgang auf Sub-D Stecker. Der zweite ADAT-Ausgang wird für Sampleraten jenseits der 48kHz benötigt, hierfür wird das S/MUX-Format unterstützt, bei dem sich die Zahl der Kanäle unter 88,2/96kHz im Vergleich zu 44,1/48kHz halbiert. Bei Sampleraten von 176,4/192kHz liefert allerdings nur der AES-Ausgang die Signale aller 8 Wandlerkanäle.
Die gleichzeitig aktiven Digitalausgänge ADAT und AES haben einen netten Nebeneffekt als Signalsplitter: Hier kann man z.B. in einer Live-Aufnahme-Situation eine zweite Workstation als Backup-Recorder anschliessen.
Zu guter Letzt verfügen alle 8 Wandler-Kanäle über einen zuschaltbaren Limiter mit einem Threshold bei -3dBFS (+17dBu), der zusätzlich Sicherheit vor Übersteuerungen bietet.

4-710d_back

Bedienelemente

Optisch orientiert sich der 4-710d an dem einkanaligen Universal Audio 710. Die Regler verwenden die vom 1176LN bekannten Kunststoffknöpfe mit Aluminiumkappe, zusätzlich sind die 4 VU-Meter rautenförmig, was dem Gerät ein „70er-Jahre-Flair“ verleiht und sich damit optisch vom „50er-Jahre-Flair“ des reinen Röhrenpreamps Universal Audio 610 abhebt.
Die VU-Meter zeigen wahlweise den Pegel hinter dem Gain-Regler, den Pegel am Ausgang des Gerätes oder aber die Gain-Reduction des Kompressors an.
Alle Schaltfunktionen sind über kleine Kippschalter realisiert, die einen sehr stabilen Eindruck machen und gut zu bedienen sind. Hier befindet sich die Auswahl zwischen Mikrofon- und Line-Eingang, die Anzeigeoptionen für das VU-Meter, die Phantomspeisung (48V), ein High-Pass-Filter mit der Eckfrequenz 75 Hz, einen Phasenschalter und ein 15dB Pad.

Der Vorverstärker

Die Verstärkung geschieht parallel über je einen Transistorverstärker und einen Röhrenverstärker, der um eine ECC83S Doppeltriode aufgebaut ist. Im Inneren finden sich 4 diskrete, gesockelte Bipolar-Transistoren wieder (vermutlich für den Kompressor), der Rest ist, bis auf die Röhren natürlich, in SMD-Technik ausgeführt. Die maximale Verstärkung liegt bei 56dB.
Der Gain-Regler auf der Vorderseite des Gerätes regelt die Verstärkung für Transistor- und Röhrenstufe gleichzeitig. Je zwei Kanäle teilen sich eine Doppeltriode: Die Kanäle 1 und 2 teilen sich eine, und die Kanäle 3 und 4 teilen sich die zweite Röhre.
Die Signale der beiden Verstärkerstufen lassen sich über einen Regler auf der Vorderseite des Gerätes stufenlos mischen. Sehr gut finde ich, dass es einen Regler für den Ausgangspegel gibt, wodurch man in der Praxis zusätzliche Flexibilität bei der Wahl zwischen sauberer und gesättigter oder angezerrter Verstärkung bekommt. Der Ausgangspegel wird vom Hersteller mit moderaten +20dBu Maximalpegel angegeben, allerdings hatte ich beim Test keine Probleme, über den XLR-Line-Ausgang einen Wandler mit +24dBu voll auszusteuern, ich hatte auch nicht das Gefühl, der Vorverstärker würde keinen Headroom besitzen.

Zum Test habe ich den Vorverstärker bei Gesangsaufnahmen, Sprachaufnahmen und für Schlagzeug-Overhead ausprobiert.  Bei den Gesangsaufnahmen habe ich zum Vergleich Übertrager-basierte Preamps anderer Hersteller antreten lassen.

Die Transistorstufe wirkt ausgesprochen neutral und rauscharm – sie ist zurückhaltend in den Höhen und relativ schlank in den unteren Mitten und bleibt es auch bei weit aufgedrehtem Gain-Regler. Dadurch wirkt sie manchmal etwas blass im Vergleich zu „Charakter-Preamps“. Trotzdem ist das Signal detailliert. Als neutralen Allround-Verstärker würde ich diese Stufe z.B. bei Stimmen verwenden, die scharfe S-Laute haben. Beim Schlagzeug-Overhead mit zwei Schoeps MK4 hat mir diese Stufe sehr gut gefallen.

Bild 1 -Mic Input, 15dB Pad, 40dB Gain TransistorDie Röhrenstufe hingegen klingt je nach Klangquelle subtil bis deutlich anders – auf einer Gesangsstimme verleihen die Obertöne dem Signal eine gewisse Frische in den Höhen, in den Tiefen bekommt das Signal mehr Biss. Wie viel Biss das Signal bekommt, ist abhängig vom Gain-Regler, denn mit steigender Verstärkung steigt auch die harmonische Verzerrung der Röhrenstufe. Was der Transistorstufe an Charakter fehlt, macht die Röhrenstufe wieder wett. Auf den Overheads hat mir das manchmal nicht so gut gefallen, bei schnellen Titeln klang mir das zu aggressiv.
Bild 2 -Mic Input, 15dB Pad, 40dB Gain TubeBild 1 zeigt das Frequenzspektrum des Transistorverstärkers bei einer Verstärkung von 40dB (Pad aktiviert), Bild 2 zeigt im Vergleich dazu den Röhrenverstärker bei gleicher Einstellung. Man sieht hier sehr schön die Obertöne 2. und 3. Ordnung des Röhrenverstärkers, wobei die Obertöne 3. Ordnung etwas dominieren. Der Hersteller gibt die harmonische Verzerrung (THD) des Gerätes bei minimaler bzw. maximaler Verstärkung mit 0,0009% bzw. 0,03% für die Transistorstufe und 1,0% bzw. 3,1% für die Röhrenstufe an – dies spiegelt meinen Höreindruck ziemlich gut wider.

Die grosse Stärke des 4-710d liegt nun in der Möglichkeit, stufenlos beide Spektren mischen zu können – also in der Aufnahmesituation mit einem Reglerdreh beide Extreme hören und sich, falls gewünscht, für eine Mischung der beiden entscheiden zu können.

Der Kompressor

Mehr als eine nette Zugabe ist der Kompressor - er wird vom Hersteller als „1176-style“ bezeichnet und suggeriert damit eine Verwandtschaft zum erfolgreichen Universal Audio/UREI 1176LN.
Die Ähnlichkeit zum 1176LN liegt scheinbar zunächst einmal in der Bedienung des Kompressors: sowohl der 1176LN als auch der eingebaute Kompressor des 4-710d besitzen keinen Threshold-Regler, sondern einen Threshold, der fest bei +10dBu liegt. Das bedeutet in der Praxis, dass man beim Ansteuern des Kompressors den Gain-Regler aufdrehen, dabei aber den Output-Regler zurückregeln muss damit die Gesamtverstärkung gleich bleibt.
Über einen Kippschalter kann man zwischen zwei verschiedenen Zeitkonstanten wählen: „Fast“ mit 0,3ms Attack- und 100ms Releasezeit, sowie „Slow“ mit 2,0ms Attack- und 1100ms Releasezeit. Die Ratio liegt fest bei 4:1, was wiederum der niedrigsten Ratio eines 1176LN entspricht.
Der Fast-Modus bietet mit seinen Zeitkonstanten praxisgerechte Werte, die auch beim 1176LN häufig verwendet werden. Der Slow-Modus hingegen weicht mit 2,0ms Attackzeit vom Vorbild ab – die langsamste Attackzeit des 1176LN liegt bei unter einer Millisekunde.

Klanglich kommt der Kompressor neutraler als der 1176LN daher, er verändert das Klangbild nicht so stark und hat auch nicht den Biss eines 1176LN. Das Regelverhalten des Kompressors ist dem 1176 jedoch durchaus sehr ähnlich und eignet sich für viele unterschiedliche Signale. Das hat mir persönlich gut gefallen, denn in manchen Aufnahmesituationen würde mir ein echter 1176 den Klang zu stark verändern. Die langsamere Attack-Zeit greift auch nicht so hart in die Transienten ein. Dies alles macht den 4-710d sogar als Outboard-Kompressor interessant – immerhin besitzt das Gerät ja wählbare Line-Eingänge.

Der Wandler

Der eingebaute Wandler ist mit zwei 4-kanaligen AKM AK5388EQ-Wandlern ausgeführt und meiner Meinung nach nicht nur blosse Zugabe, sondern stellt auch anspruchsvolle Ohren zufrieden. Bei der Overhead-Aufnahme habe ich den Wandler mit einem Fireface 800 verglichen, bei der Gesangsstimme mit einem digidesign 192 I/O.  In beiden Fällen klingt der Wandler des 4-710d eine Spur natürlicher, in den Höhen etwas offener. Im Vergleich zum digidesign 192 I/O wirkt der Universal Audio-Wandler etwas schlanker.

Einen für den Nutzer in der Praxis wichtigen Punkt möchte ich an dieser Stelle erwähnen: Universal Audio wird in Europa über die Firma S.E.A. in Emsbüren vertrieben. Aus persönlicher Erfahrung weiss ich, dass S.E.A. über eine eigene Servicewerkstatt verfügt und die meisten Geräte in Deutschland repariert – ein nicht zu unterschätzender Vorteil, wenn man Geräte beruflich nutzt und darauf angewiesen ist, dass ein Reparatur oder ein Garantiefall zügig bearbeitet wird. Dies wird oft beim Kauf eines Gerätes übersehen oder unterschätzt und spricht in diesem Fall eindeutig für Universal Audio-Produkte.

Der einzige echte Wermutstropfen ist für mich der Gain-Regler – er ist recht empfindlich und macht damit eine möglichst genaue Anpassung von zwei Kanälen im Stereo-Paar sehr schwierig. Beim vorsichtigen Korrigieren der Verstärkung während einer Aufnahme braucht man etwas Fingerspitzengefühl. Schöner wäre ein gerasterter Poti gewesen – aber natürlich auch teurer.

Einsatzbereich und Fazit

Der 4-710d ist ein echtes Arbeitspferd, sowohl im Studio als auch im Live-Einsatz. Das Visuelle Feedback ist mit den 4 VU-Metern hervorragend und gerade beim Live-Einsatz unerlässlich, der Klang der Vorverstärker ist ungeheuer flexibel und der Wandler spielt auf hohem klanglichen Niveau. Die integrierte Kompressor-Sektion ist auch nicht ohne, sie könnte so manchen, unter Umständen sehr teuren Outboard-Kompressor überflüssig machen.
In der Mix-Situation kann man das Gerät durch den Line-Eingang als 4-kanaligen analogen Kompressor mit zumischbarer Röhrenstufe verwenden. Dies alles gibt es zu einem Strassenpreis von derzeit ca. 1900 Euro. Das ist ein wirklich guter Gegenwert für’s Geld. Hierzu gibt es auf dem Markt nicht viele Alternativen.

UVP*:  2400 EUR

Facts

-    Vier 710 Twin-Finity Mikrofon-/Line-Vorverstärker, Übertragerlos
-    Eingangsimpedanz: 2k Ohm (Mic), 10k Ohm (Line), 2,2M Ohm (Hi-Z)
-    Vorverstärker-Doppelsignalweg (Class-A Röhre und Solid-State)
-    Maximale Verstärkung: 56dB, Phasenrichtige Klangmischung
-    LF Filter: 75Hz/-23dB
-    Maximaler Ausgangspegel: +20dBu
-    Vier Kompressoren mit zwei wählbaren Regelzeiten
-    Kompressor Threshold: 10dBu
-    Symmetrischer, zuschaltbarer Insert in jedem Kanal
-    Hochwertige 8-Kanal 24-bit A/D-Wandlung
-    Wählbare Sampleraten bis zu 192 kHz und Wordclock Anschlüsse
-    Digitaler Ausgang über doppelte ADAT- und AES/EBU-Anschlüsse, gleichzeitig nutzbar
-    8-Kanal Soft-Limiter vor dem Wandler (zuschaltbar für alle Kanäle)
-    Gewicht: 5,2 kg


Autor: Tobias Eichelberg
Kommentare (2)add comment

Tobias Eichelberg said:

0
...
Hallo Herr Freymann, warum sind Sie da verwundert? Werfen Sie doch einen Blick auf die von mir erstellten Messungen mit dem 1kHz Testton, da ist die harmonische Verzerrung gut zu erkennen. Meine Messung des Klirrfaktors (THD im üblichen Fall) lag auch im vom Hersteller angegeben Bereich - auch dieser Wert steht im Testbericht.

Allerdings hört man harmonische Verzerrung nicht mit jedem Testsignal gleich gut, die eigene Stimme ist manchmal ein guter Indikator, da man sie selber gut kennt, Klavieraufnahmen sind ebenfalls sehr gut geeignet, weil sie Verzerrungen kaum verzeihen. In vielen Fällen nimmt man dies aber auch als Glanz auf dem Signal war, ähnlich wie bei einem Exciter, der tatsächlich ähnlich arbeitet.

Viel Spass beim Hören!
September 19, 2013

Arne Freymann said:

0
...
Ich bin schon sehr verwundert, das Sie einen Unterschied zwischen Transistor- und Röhren-Verstärkung heraushören können. Das müsste sich ja auch messtechnisch nachweisen lassen. Vielleicht können Sie ja eine Klirrfaktormessung anfügen.
September 18, 2013

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