Universal Audio A800 PlugIn

Mollige Wärme

Wärme in der Wohnung muss in diesen Tagen teuer bezahlt werden. Das gilt auch für analoge Wärme. Die Preise für eine »echte« Studer A800 sind immer noch recht hoch, wurde die Maschine doch einmal als Standardausstattung für ein seriöses Tonstudio gewertet. Würde man einmal nachforschen, wie viele großartige Bands auf dieser Maschine aufgenommen wurden, würde man sicherlich eine Liste des »who-is-who« der Pop- und Rockmusikgeschichte erhalten. Nicht nur, dass man in der »Prä-Protools-Ära« der Musikaufnahmen diese Maschine wegen ihres Handlings schätzte, man benutzte sie auch ganz bewusst als Klangwerkzeug.

 

Bandmaschinen haben einen ganz unverwechselbaren, klanggebenden Charakter, den man mit digitaler Technik nur schwer erreichen kann. Ich kenne einige Produzenten, die die Summe Ihres Mischpultes durch eine mitlaufende Bandmaschine schicken, um den Klang besser miteinander zu verweben.

Universal-Audio-Digital hat nun eine solche Klangwaffe im Arsenal. Die Ankündigung des neuen A800 PlugIns machte so viel Aufsehen, dass die gleichzeitige UAD-Veröffentlichung des Channel-Strips und Bus-Compressors der SSL-E-Serie zum beiläufigen Event wurde. Vielleicht ist das ein Beweis für die Sehnsucht nach edlem Klangcharakter und das machmal auch übertriebene Interesse für Vintage-Gear.

Die Zeit digitaler Emulationen von »alten« Geräten ist mittlerweile doch recht gut vorangeschritten, und es hat einen echten Quantensprung des Sounds in der digitalen Klangwelt gegeben. Umso aufregender, einmal dieses neue UAD-Flagschiff zu testen und herauszufinden, was man mit so einem Teil alles anstellen kann.


Installation:

Um die UAD-A800 zu nutzen, muss man im Besitz einer UAD-2 Karte sein - das ist die Vorraussetzung. Keines der UAD PlugIns kann ohne diese Basis-Hardware, die im Rechner festinstalliert sein muss, betrieben werden. Das ist ein Nach- aber auch ein Vorteil, denn die Rechenleistung, die die PlugIns benötigen, wird nicht vom Hauptrechner in Anspruch genommen. Somit bleibt ein großes Stück CPU-Reserve für alle weiteren Anforderungen der DAW, die die Musikproduktion erfordert. Die letzte Software Revision von UAD beinhaltet das neue A800 PlugIn. Sie muss von der UAD-Seite (www.uaudio.com) heruntergeladen und installiert werden.  Wenn der Host gestartet wird und dort das PlugIn aufgerufen wird, kann man das Teil vierzehn Tage im Demo-Modus ohne Funktionseinschränkungen testen. Wird das kleine Dollar-Zeichen (nicht das in den Augen) unten rechts im PlugIn-Fenster betätigt, kann man »online« die Lizenz erwerben. Man erhält so ein kleines Applet, das die Lizenz enthält und per »Drag & Drop« auf das im Dock befindliche UAD-Control-Panel gezogen wird. So wird das PlugIn für den permanenten Betrieb freigeschaltet. Das ist alles, hört sich etwas aufwändig an, ist aber einfacher als es sich liest. Der ganze Vorgang dauert keine fünf Minuten.
Funktionsweise:

Das PlugIn wird entsprechend des verwendeten Hosts im Kanalzug der DAW aufgerufen, und ich muss schon sagen: Die Grafik ist sehr ansprechend. In der kulinarischen Welt isst das Auge ja bekanntlich mit, und das gilt auch für die akustische. Beide Vorgänge, das Kochen und Mixen, haben ja durchaus Gemeinsamkeiten. Die beiden Spulen »drehen« sich sogar mit, und man erhält so eine Art »Leightweight-Pocket-Ausführung« der legendären Bandmaschine, die im Original vom Gewicht eher mehreren Sumo-Ringern entspricht. Wenn einem die Animation nach einiger Zeit auf den Wecker geht, kann dem gestressten Auge Abhilfe geschaffen werden, indem man auf IPS klickt und die Spulen zum »stehen« bringt (das PlugIn bleibt jedoch uneingeschränkt in Betrieb).

Interessant ist auf jeden Fall der Tape-Regler. Mit ihm kann man verschiedene Tape-Arten anwählen. Die verschiedenen Bandsorten brachten durchaus Unterschiede im Klang hervor. Auf dieses Feature wollte man bei der Entwicklung des PlugIns deswegen auch nicht verzichten. Wählt man die Bandsorten an, werden auch unterschiedliche Spulen grafisch »aufgezogen« - nett gemacht.

Ganz wichtig ist auch die Emulation der unterschiedlichen Bandgeschwindigkeiten. Es gibt vier anwählbare Schalterstellungen: Off, 7, 8, 15 und 30 IPS (IPS = Inch per Second). Steht der Schalter auf Stellung »Off« entspricht das einer Bypass-Funktion. So lässt sich leicht das bearbeitete Signal mit dem Original vergleichen. Langsamere »Bandgeschwindigkeiten« klingen eher weicher und fetter (7,5 bietet eine ganze Oktave tiefere Frequenzen in der Basswiedergabe), also wenn´s eher »fett untenherum« klingen soll, wählt man 7,5 oder 15 IPS. 30IPS klingt deutlich feiner und exakter. Ein weiterer Klangparameter sind die unterschiedlichen Kalibrierungsarten. Unterschiedliche Tapes benötigen unterschiedliche Kalibierungen des Magnetisierungsstroms (in unserem Falle auf der virtuellen Ebene ; ). Wählt man eine bestimmte Bandsorte, sollte entsprechend die Kalibrierung der jeweiligen Bandsorte gewählt werden - oder nicht? Hier hat man ohne Aufwand Raum für Klangexperimente.

Die Input- und Outputregler sind logischerweise extrem wichtig für die Klangeigenschaften. Weniger Input bringt mehr Authentizität des Klanges. Gibt man aber ein bisschen »Gas«, kommt man in den interessanten Bereich der Bandsättigung, und die harmonischen Verzerrungen und der Kompressionseffekt nehmen deutlich zu. Darf man den Aussagen der erfahrenen Produzenten und Toningenieure im Feature-Video über die A800 Glauben schenken, ist der »Sweet-Spot«, also der Punkt, bei dem es »geil« wird im Klang, authentisch getroffen. Deswegen sollte man dem Input-Regler viel Aufmerksamkeit schenken, um ein gutes Klangergebnis zu erhalten. Hier braucht man vielleicht ein wenig Praxis und Experimentierfreudigkeit.
Im »Transportfeld«, in dem normalerweise die Bedienungen für die Bandfunktionen liegen, hat UAD einen »THRU«, also einen Bypassschalter, implementiert. INPUT emuliert den Klang der A800 ohne die Beeinflussung durch den Klang des Tonbands - lediglich die Elektronik bestimmt den Sound. SYNC bringt den Klang, der am Aufnahmekopf der Bandmaschine anliegt, und REPRO die Summe aus Aufnahme- und Wiedergabekopf. Hier gibt es auch bemerkenswerte Unterschiede im Klang.

Es gibt auch eine ganze Reihe von Sekundärfunktionen, die man »aufklappen« kann, wenn man auf die „Studer-Plakette“ slots klickt. Hier finden sich etliche weitere Wahlschalter, um die entsprechenden Charakteristika hervorzubringen, die Bandmaschinen zu eigen sind. Der Emphasis-EQ wird hier angewählt (NAB oder CCIR). Laut UAD-Maunal soll CCIR für mehr den »British-Sound« stehen, und NAB war die bevorzugte Betriebsart der amerikanischen Toningenieure.


Ach ja, ein wichtiger Punkt: Was wäre eine Bandmaschine ohne ihr Bandrauschen. Auch das kann ein- und ausgeschaltet werden. Um maximale Treue bei der Imitation zu wahren, kann man dem Klang auch das typische Bandrauschen hinzumischen.

Eine sehr clevere Funktion ist auch die Gang-Control (das wäre sicherlich auch ein großer Wunsch der amerikanischen Polizei). Im Falle der UAD A800 kann man in der DAW so die Verhaltensweise einer echten Mehrspurmaschine imitieren. Das ist ein wichtiges und gutes Feature! Wählt man im Host auf der ersten Instanz des Kanalzuges eine A800 an und tut das gleiche in den darauffolgenden Kanalzügen, lassen sich über die eingeschaltete Gang-Control sämtliche Justierungen, die man am PlugIn des ersten Channel-Strips an der A-800 vornimmt, automatisch auf alle weiteren übertragen. So hat man das exakte Verhalten einer Mehrspurmaschine. Ruft man beispielsweise am Anfang einer Produktion 24 A800 auf 24 Kanalzügen auf, erhält man eine kleine 24-Spur Maschine. Ändert man die Bandsorte oder die Bandgeschwindigkeit so werden die Änderungen auf alle weiteren Instanzen übertragen - sehr cool!

Über die Calibration Control lässt sich, wie im Original, die UAD A800 kalibrieren. Hier ist ein wahres Eldorado für Klangfetischisten verborgen. Wer die A-800 im Original kennt, wird erstaunt sein, wie exakt diese verschieden Emphasis-EQs dem Original nachkommen.


Klang:

Ich habe die A800 nun schon auf mehreren Produktionen eingesetzt und kann sagen, dass dieses PlugIn ein mächtiges Tool für die moderne Musikproduktion ist. Der Gesang wird fetter, Drums kriegen einen echten Schub und Bässe werden weicher und voller. Gut macht sich auch eine UAD A800 auf Bussen. Der Komprimierungseffekt, der Bandmaschinen zu eigen ist, bringt auch hier seine positiven Klangeffekte. Spitz und hart klingenden Playbacks kann man mit diesem PlugIn klanglich auch sehr gut auf die Sprünge helfen. Die Flanken der Transienten werden »analog« bearbeitet und somit weicher und angenehmer. Die einzelnen Spuren/Instrumente werden sehr ästhetisch miteinander verwoben und das Klangbild wird einheitlicher. Ich persönlich mag auch sehr das imitierte Bandrauschen. Ein leises Rauschen war für mich nicht immer unmusikalisch, sondern hat auch ein wenig Natürlichkeit in den Gesamtklang gebracht (in der Natur gibt es ja auch keine absolute Stille).  Man denke auch an die verschiedenen Arten des Ditherings, die ursprünglich einen technischen Hintergrund haben und als ästhetisches Klangmittel beim Mastering benutzt werden. Alles in allem muss ich sagen, dass das große Brimborium um den Release dieses PlugIns durchaus berechtigt war. Eingefleischte Kenner des originalen A800 Sounds werden sicherlich etwas die Nase rümpfen und das Original vorziehen, aber die Unterschiede sind im Minimalbereich. Wer hat auch schon die Kohle und den Platz, eine A800 anzuschaffen.

*UVP: 349 US$

Weitere Informationen auf
www.uaudio.com und YouTube

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