AVID Mbox 3

Ohne Übertreibung könnte man 2010 als das Reformationsjahr der US-Firma AVID bezeichnen. Der Audio-Bereich (ehemals Digidesign) wurde mit den anderen Produktsparten unter dem einheitlichen Label vereint, das Pro Tools HD-System (seit Jahren Standard im professionellen Studiobereich) wurde auch in einer nativen Version präsentiert und - was noch vor nicht allzu langer Zeit niemand für möglich gehalten hätte - die feste Bindung von von Hard- und Software durch Pro Tools 9 erstmalig aufgebrochen.

 

Bislang war man darauf angewiesen, die passende Hardware des Herstellers zu verwenden, um beispielsweise mit Pro Tools LE ein mobiles Setup betreiben zu können und dabei mit den großen Studios kompatibel zu sein. Dies war zum Teil mit Kompromissen behaftet, wenn man die Hardware auch noch mit anderen DAW-Programmen verwenden wollte.

Die neue Philosophie von AVID bietet nun mit PT9 (Test in Xound zwei11) eine Software, die sich mit jeder Art Audio-Interface nutzen lässt, und mit der dritten Generation der Mbox eine Hardware, die auch mit anderen Sequencer-Softwares perfekt harmonieren soll.

 

Überblick

Neben der zum Test vorliegenden Mbox 3 sind noch die Varianten Mini und Pro erhältlich, die sich durch den Funktionsumfang und die Anzahl der Ein- und Ausgänge unterscheiden. Alle drei Modelle kommen im Paket mit der Pro Tools LE Software (derzeit Version 8.0.4.), ein Upgrade auf PT 9 ist ab ca. 250 Euro möglich. Ein umfangreiches Arsenal an Effekt- und Instrumenten-Plugins ist ebenfalls im Preis enthalten, so dass die neue Mbox-Reihe einen einfachen Einstieg in die Welt der digitalen Musikproduktion auf professionellem Niveau ermöglicht.

Die Mbox 3 ist als 4x4 USB-Audiointerface ausgelegt (je zwei analoge und digitale Inputs/Outputs) und bietet so ziemlich alle Features, die man im mobilen oder heimischen Projektstudio benötigt:
Zwei Preamps, die sich mit Instrumenten-, Line- oder Mikrofonsignalen (inkl. 48V Phantompower) füttern lassen und wahlweise durch Limi-
terschaltungen ungewünschte Übersteuerungen verhindern, eine nahezu komplette Monitorsektion mit Schaltern für Lautstärkereduzierung (praktisch, wenn man sich kurz unterhalten will, ohne danach die Abhörlautstärke neu einstellen zu müssen) und Monowiedergabe (wichtig zur Phasenkontrolle), Kopfhörerausgang sowie Anschlüsse für MIDI- und S/PDIF-Signale.


Hardware

Auf der Vorderseite des Geräts befinden sich für die beiden analogen Eingangskanäle jeweils Pegelsteller, Signal/Clip-LED, Schalter für den Soft-Limiter, Instrumenteneingang (Klinke) und Schalter zur Anwahl der rückseitigen Eingangsbuchsen. Daneben findet man einen Multifunktions-Knopf, den Schalter für die Phantomspeisung beider Kanäle, einen Kopfhöreranschluss mit eigenem Lautstärkeregler, Mono- und Dim-Schalter sowie einen großen Master-Lautstärkeregler für die Monitorausgänge.

Die Anschlüsse auf der Rückseite umfassen eine USB-Gerätebuchse, Midi-I/O, S/PDIF-I/O (Cinch), Monitor-Ausgänge (Klinke symm.) und Inputs für Line- oder Mikrosignale (XLR/Klinke-Kombibuchsen).


Software-Mixer

Neben der Limiterschaltung und den neu entwickelten Preamps und Wandlern besteht die entscheidendste Weiterentwicklung der Mbox Serie aus der Verwendung einer eigenen Mix-Software, wie man sie schon länger von diversen anderen Interfaces kennt. Für das latenzfreie (bzw. latenzarme) Abhören bei der Aufnahme griff man bislang je nach Modell auf einen Mix-Regler zurück, mit dem das Eingangssignal direkt auf den Ausgang geroutet wird (die Mbox 3 Mini arbeitet nach wie vor so), oder man konnte in der Software einen Low Latency-Mode anwählen. Die erste Möglichkeit hat eine Veränderung der Playbacklautstärke zur Folge, die zweite schränkt die Verwendung des Interfaces mit anderen Softwares gewaltig ein. Die Mbox 3 bietet nun in Form des Software-Mixers die sauberste Möglichkeit, die eingehenden Signale abzuhören, und dies völlig unabhängig vom verwendeten Sequencer-Programm und mit umfangreichen Features: Auf zwei Ebenen lassen sich für die analogen und digitalen Ausgänge unterschiedliche Kontroll-Mixes erstellen (bei der Mbox 3 Pro sogar individuell für alle Ausgangspaare und Kopfhörerausgänge) und sogar ein integrierter Halleffekt verwenden - so kann man etwa bei Gesangsaufnahmen die nötige Portion Wohlfühl-Hall auf den Kopfhörer geben, ohne den Effekt mit aufzunehmen oder dafür komplizierte Routings im Sequencer erstellen zu müssen.
Über die Mix-Software sind weiterhin verschiedene Funktionen wie externe Taktung, Samplerate (bis 96 kHz) oder Verhalten der Tastenbeleuchtung sowie ein integriertes Stimmgerät einstellbar. So lässt sich arbeiten - und nicht nur mit Pro Tools.


Pro Tools LE

Im Lieferumfang enthalten ist zudem die Audio- und MIDI-Sequencer-Software Pro Tools LE, die mit 48 gleichzeitigen Spuren, über 70 Instrumenten- und Effekt-Plugins, dem bekannten Edit-Workflow und vor allem voller Kompatibilität zu den großen Sytemen sowohl Mac- als auch Windows-Usern kaum einen Wunsch offen lassen dürfte. Im Vergleich zum neuen Pro Tools 9 gibt es selbstverständlich ein paar Einschränkungen, die aber erst bei ambitionierteren Produktionen ins Gewicht fallen dürften und den Einstieg in die Pro Tools-Welt nicht sonderlich schmälern.
PT LE benötigt die Mbox-Hardware übrigens als Dongle und lässt sich nicht mit Interfaces anderer Hersteller verwenden, dafür lassen sich die meistens Hardware-Features wahlweise bzw. exklusiv direkt aus der Software steuern. So lässt sich die Funktion des Multi-Buttons ausschließlich über die Hardware-Settings in Pro Tools auswählen - möglich sind das Erstellen neuer Spuren, Aufnahme-Start/Stop, Tap Tempo, Speichern und andere.


Sound und Handling

Da Pro Tools (LE) bislang immer an die hauseigene Hardware gebunden war, hatte man vor PT 9 nicht unbedingt die Qual der Wahl, was das Interface betraf, sofern man an dieser doch sehr verbreiteten Software interessiert war. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass AVID sich nun selbst auferlegt hat, Interfaces anzubieten, die den Vergleich zu Konkurrenzprodukten nicht zu scheuen brauchen - der stämmige Auftritt der Mbox 3 im robusten Metallgewand im Vergleich zum Plastikgehäuse der Vorgänger-Reihe weist vielleicht schon darauf hin.
Weiterhin stellt sich die Frage, ob eine klangliche Weiterentwicklung des Mbox-Konzepts stattgefunden hat - die Preamps und Wandler der Mbox 2-Reihe waren zwar akzeptabel, aber das Hauptverkaufsargument für die Geräte war doch eher die mobile Verwendung von Pro Tools als ihre klangliche Überlegenheit, so dass sich ein eingefleischter Logic-User nicht unbedingt für eine Mbox entschieden hätte.
Für den Test habe ich verschiedene Aufnahmen mit den internen sowie mit externen Preamps gemacht - zum einen mit der vorliegenden Mbox 3, zum anderen mit der Digi 003 Rack aus dem gleichen Hause, die zwar nicht direkt der Mbox-Reihe entstammt, der Mbox 2 aber klanglich sogar etwas überlegen war - und ich muss sagen: Da hat auf jeden Fall eine Entwicklung stattgefunden!
In allen Fällen stach die neue Mbox 3 die 003 um Längen aus, die Aufnahmen wirkten brillanter, transparenter und tiefer. Eine wesentlich neuere Generation Wandlerchips dürfte sich dafür verantwortlich zeigen, und auch die Preamps sind nun weitaus mehr als „akzeptabel“.
Der Softlimiter basiert auf der Technologie aus den großen HD-Geräten, wirkt sich jedoch leicht färbend auf den Sound aus. Signale, bei denen nicht mit plötzlichen Pegelsprüngen gerechnet werden muss, würde ich persönlich eher ohne Limiter aufnehmen und diese Option nur in Fällen nutzen, in denen vorsichtiges Aussteuern alleine nicht ausreicht - es ist aber trotzdem gut zu wissen, dass man diese Möglichkeit im Gepäck hat.
Alles in allem klingt die kleine Kiste echt ordentlich und man hat alles dabei, was man braucht, um auch unterwegs hochwertige Aufnahmen zu erstellen - die Stromversorgung erfolgt ausschließlich über den USB-Port des Rechners.
Durch die Mix-Software lässt sich nun auf eine Weise arbeiten, die man von den meisten Interfaces gewohnt ist und die ich bei PT LE bislang schmerzlich vermisst hatte: Leicht lässt sich ein geeigneter Abhörmix erstellen und auch der Hall erfüllt wunderbar seine Funktion.
Nicht zu unterschätzen ist weiterhin die verbesserte Bedienbarkeit des großen Lautstärkereglers, der nicht nur besser in der Hand liegt als der des Vorgängers, sondern auch ein feinfühligeres Einstellen der Abhörlautstärke ermöglicht.


Fazit

Auch wenn der Preis seit der letzten Mbox-Generation ordentlich gewachsen ist, kann man sagen, dass sowohl Klangqualität als auch Funktionalität mitgewachsen sind. Die Mbox 3 braucht den Vergleich zu anderen Produkten in diesem Preisbereich nicht scheuen, liefert mit der beigefügten PT LE Software ein Rundum-Sorglos-Paket für den Pro Tools-Einsteiger ab und lässt sich abgesehen davon als durchweg erwachsenes Interface betrachten, egal mit welcher Software man arbeiten möchte. Wer mit nur einem Preamp und ohne MIDI- und Digitaleingänge auskommt, findet ein entsprechendes Paket mit der Mbox 3 Mini; wer mehr Inputs benötigt, den Vorteil von zwei Kopfhörerausgängen zu schätzen weiß und auf verschiedenen Boxenpaaren oder sogar in Surround abhören möchte, findet entsprechende Möglichkeiten bei der Mbox 3 Pro.
Insgesamt ein gelungener dritter Wurf.

www.avid.de
UVP*: 709 Euro

 

Features:
- Kompatibel mit den meisten gängigen Audio-Anwendungen
- USB 2.0-Anschluss mit Stromversorgung über USB-Bus
- Signalverarbeitung bis 24 Bit/96 kHz
- Soft-Clip-Limiter zur Aufnahme dynamischererSignale ohne Clipping
- Integrierter Gitarrentuner (Stimmgerät)
- Integrierte DSP-Einheit für flexible Kopfhörermischungen und Reverb-Effekte
- Programmierbare Pro Tools-Multifunktionstaste
- Pro Tools LE 8 Software im Lieferumfang enthalten
- Für Windows XP und höher, Intel-Mac OSX 10.5.8 und höher

Hardwarekonfiguration:
- 4 Eingangs- und 4 Ausgangskanäle gleichzeitig
- 2 XLR-Kombi-Eingänge (Mic/Line) mit 48-V-Phantomspeisung
- 2 DI-Eingänge (6,3-mm-Klinke) auf der Vorderseite für einfachen Zugriff
- 2 symmetrische Monitorausgänge (6,3-mm-Klinke)
- Kopfhörerausgang (6,3-mm-Stereoklinke) mit Lautstärkeregelung
- Digitaler S/PDIF-Stereoeingang und -ausgang
- 1 MIDI-Eingang, 1 MIDI-Ausgang
- Monitorweg mit Mono- und Dim-Tasten
- Separater Monitor-Lautstärkeregler



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