Musikmischung mit Cubase 6

CubaseAufnahme, Schnitt, Tonhöhen- und Timingbearbeitung, Mischung und Mastering - moderne Audio Workstation Software verspricht, die gesamte Bandbreite der Musikproduktion nur mit einem Computer erledigen zu können. Mischpulte sieht man heute in der Musikmischung sehr viel seltener als noch vor wenigen Jahren - insbesondere digitale Mischpulte sind schon fast die Ausnahme. Die nativen DAWs haben in fast allen Bereichen die Arbeit übernommen, und das sicherlich nicht nur aus ökonomischen Gründen. Die Qualität der Plugins hat mit den Jahren zugelegt, ebenso wie die Rechenleistung der Computer.

Während viele professionelle Toningenieure vor nur fünf Jahren noch das kommerzielle Studio und insbesondere ein grosses analoges Mischpult als unerlässlich beschworen haben, so sieht man heute etliche dieser Leute in ihren eigenen privaten Studios ohne Mischpult arbeiten - mit ihrer Audio Workstation und Plugins.

Doch wie sieht das im Produktionsalltag aus - wie weit kommt man mit einer nativen Audioworkstation heutzutage? Dieser Frage möchte ich in diesem Praxisbericht zum Thema "Musikmischung mit Cubase 6" anhand einer konkreten Produktion nachgehen. Dabei gehe ich nicht auf alle Eigenschaften der Software ein, sonder auf eine Auswahl von Funktionen, die bei der Mischung relevant sind: das Signalrouting und die Konfiguration des Cubase Mischpultes, die Automation verschiedener Parameter, die Auswahl des besten Takes eines Instrumentes und vereinzelte Eingriffe in die Performance, wo Tonhöhen oder Timingkorrekturen nötig sind.


Die Workstation

In diesem konkreten Fall verwende ich Cubase 6.0.5 auf einem 2010er Apple Mac Pro mit zwei 2,4 GHz Xeon 4-Kern (Westmere) Prozessoren, also insgesamt 8 physikalischen Prozessorkernen. Ausgestattet mit 12 GB RAM und einer ausreichend schnellen S-ATA Festplatte nur für die Cubase-Projekte. Die Grafikkarte ist eine ATI Radeon HD 5770. Ich betreibe Cubase im 32 bit-Modus unter Mac OS 10.7.2.
Als Audio Hardware verwende ich eine AVID HD|Native PCIe-Karte (zum Zeitpunkt der Screenshots jedoch getauscht gegen eine AVID HDX-Karte), an der ein digidesign 192 I/O Interface sowie zwei AVID HD I/O Interfaces mit insgesamt 48 Ein- und 48 Ausgängen angeschlossen sind. Die vielen Ein- und Ausgänge verwende ich, um analoge Peripheriegeräte (EQs und Kompressoren) als Hardware-Inserts in das Cubase Mischpult zu integrieren.
Außerdem steckt in dem Rechner eine UAD-2 Quad DSP-Karte von Universal Audio. Zur Steuerung der Fader und Plugins bei der Automation verwende ich zwei Euphonix MC MIX Controller (heute AVID Artist Mix).

Das gesamte Projekt wurde in einem anderen Studio aufgenommen und kommt auf einer Festplatte zu mir. Es besteht aus 14 Songs in sehr unterschiedlichem Umfang - manche Songs bestehen aus nur 8-10 Spuren, andere haben deutlich mehr: Der aufwendigste Song hat immerhin 156 Spuren - viele davon sind Stereospuren.
Bevor ich jedoch mit der Mischarbeit an einem Song loslegen kann, muss ich ihn erstmal meiner Studioumgebung anpassen. Dazu werfe ich zunächst einen Blick in die VST-Verbindungen (F4) und rufe von mir vorbereitete Presets für die Eingänge und Ausgänge auf - erst dann kann ich überhaupt etwas hören. Eine echte Fleissarbeit und durchaus mit Hindernissen verbunden ist jedoch der Reiter "Externe Effekte" in den VST-Verbindungen:


Einbindung von Peripheriegeräten 01VSTVerbindungenExterneEffekte

Die Peripheriegeräte, die ich bei der Mischung als Hardware-Inserts verwenden möchte, müssen hier zuerst einmal angelegt werden. Der gesamte Bereich "Externe Effekte" lässt sich in Cubase leider nicht als Preset abspeichern, dieser wird in den Preferences des Programms gespeichert.
Viele meiner Kompressoren und EQs sind Stereogeräte, die sich aber natürlich auch als Dual-Mono-Geräte verwenden lassen. Leider bietet Cubase für externe Stereo-Effektgeräte nicht die Möglichkeit, nur den linken oder rechten Kanal des Effektgerätes als Mono-Insert in einer Spur zu verwenden - ich bin also gezwungen Stereo-Geräte DREIMAL anzulegen: einmal in stereo, einmal nur den linken und ein weiteres mal nur den rechten Kanal. Darüber hinaus muss hier für jeden Effekt der Ein- und Ausgang des Audiointerfaces angewählt werden - was aber nicht gleichzeitig für Stereo- und Monoeffekte an gleichen Ein- und Ausgängen geht - 02VSTVerbindungenExterneEffekteTeil2sehr ärgerlich. Also bin ich gezwungen, mich im Vorfeld zu entscheiden, welche Geräte ich in stereo und welche ich in mono verwenden möchte. Da diese Zuweisungen nicht Song-spezifisch sondern global gespeichert werden, öffnet sich jeder Song immer mit der zuletzt verwendeten Zuweisung.

Da bei der Verwendung von externen Effektgeräten das Signal den Rechner verlässt und wieder zurück kommt, kommt hier eine Verzögerung mit ins Spiel, die Cubase über einen Impuls messen kann. Diese Latenz ist abhängig von der verwendeten Buffergrösse der Audiohardware und von der Latenz der verwendeten Interfaces. Die Messung der Latenz über den Impuls ist eine praktikable Lösung, allerdings liefert sie nicht immer die gleichen Ergebnisse, obwohl alle meine Wandlerkanäle (bei den 32 HD I/O Kanälen) die gleiche Latenz besitzen - die Ergebnisse, die Cubase nach der Messung liefert, variieren um /- 2 Samples. In der Praxis ist das jedoch genau genug.
03EinbindungexternerInsertsEs empfiehlt sich, für die Mischung die Buffergrösse nachträglich nicht mehr zu verändern, denn dann müssen die Latenzen für sämtliche externen Effekte wieder neu gemessen werden. Eine Manuelle Eingabe der Latenzwerte ist zwar auch möglich, wird von Cubase aber leider sehr häufig mit einem Absturz quittiert! Ausserdem ignoriert Cubase ab und zu den eingestellten Latenzwert - ein erneutes Messen mit dem Impuls löst den Fehler.05ManuellLatenzkorrekturfuehrtzumCRASH

04FehlerbeiInsert-Latenzmessung

 

Der Cubase Mischer

Als nächsten Schritt richte ich mir mein Cubase Mischpult ein: Um schneller mischen zu können, lege ich für verschiedene Instrumentengruppen Gruppenkanäle an - Drums, Percussion, Gitarren, Banking-Gesänge etc. So kann ich mit einem Solo-Taster nur die gewünschte Instrumentengruppe hören. Die Instrumentengruppen wiederum spielen nicht direkt auf meinen Mix-Ausgang, sondern in eine weitere Gruppe "Music", alle Gesänge dafür in eine Gruppe "Vocals". Erst diese Gruppen landen dann auf meinem finalen Mix-Ausgang. All dies ist natürlich nichts Neues, sondern von der Arbeit an analogen Mischpulten übernommen. Ebenso bereite ich mir Effekt-Sends mit Hall, Delay und sonstigen Effekten vor, die ich aus einzelnen Kanälen oder aus Gruppenkanälen beschicken kann. Die Unterscheidung zwischen Gruppen- und Effektkanälen in Cubase ist etwas verwirrend - warum werden hier nicht einfach Aux-Objekte bereitgestellt, die ich je nach Bedarf als Effektkanal oder Audiosubgruppe verwenden kann? Immerhin kann der Ausgang einer Spur sowohl in eine Gruppe als auch in einen Effektkanal geroutet werden, ebenso kann ich bei den Send-Wegen Effekte aber auch Gruppenkanäle beschicken.
Leider ist es nicht möglich, mit einem Befehl mehrere Effektkanäle anzulegen - stattdessen öffnet sich ein Fenster, in dem ich ein Plugin für den neuen Effektkanal auswählen kann. Für das Anlegen von 16 Effektkanälen kostet das leider viel Zeit - und das bei 14 Songs.

Um Klangeinstellungen von Song zu Song übertragen zu können, speichere ich mir z.B. die gesamte Drums-Bearbeitung ab, also die Plugins und Effekt-Sends in allen Schlagzeugkanälen. Außerdem übertrage ich mir alle Send-Effekte. Damit das funktioniert, müssen jedoch die Quell- und die Zielkanäle gleichen Typs sein und die gleiche Anzahl haben: im Falle der Drums also 10 Mono-, 3 Stereospuren und eine Stereo-Effektspur. Auch die Reihenfolge der Spuren darf nicht vertauscht sein, sonst landen die Plugins für die Bassdrum auf der Snare-Spur. Im Falle der Effektkanäle muss ich zuerst 16 leere Effektkanäle erzeugen, dann kann ich die Einstellungen von einem anderen Song hier hineinladen. Wichtige Details lassen sich jedoch leider nirgendwo ablesen, man kann ein Kanal-Preset nur möglichst sorgfältig benennen und den Überblick über die Spuren behalten - so wird eine eigentlich gute Idee leider schnell unübersichtlich und fehleranfällig. Außerdem ist sehr schade, dass die Effekt-Send-Wege bei diesen Kanal-Presets nicht berücksichtig werden.

Dennoch spart das importieren von Kanaleinstellungen aus anderen Songs eine Menge Zeit - selbst wenn die Einstellungen nicht zu 100 Prozent für den neuen Song passen, so kann ich mit wenigen Handgriffen an den importierten Plugins Veränderungen vornehmen, ohne bei jedem Song von vorne beginnen zu müssen.

Mit der Tastenkombination Shift Option kann man für mehrere ausgewählte Kanäle gleichzeitig die Ausgänge umschalten, um die Zuweisung der vielen Spuren zu ihren Gruppen vorzunehmen. Über die Funktion "Kanäle verbinden" kann ich ausserdem die Faderstellungen mehrerer Kanäle miteinander koppeln und so z.B. eine Gruppe von 12 Banking-Spuren mit einem Regler lauter oder leiser machen - und natürlich auch so automatisieren. Verkoppeln lassen sich dabei aber nur die Fader. Die Effekt-Send Pegel und die Parameter der Plugins in gekoppelten Kanälen lassen sich leider nicht verkoppeln. Als Workaround kopiere ich einfach ein Plugin von einem Kanal auf weitere Kanäle mit ähnlichen Signalen (z.B. einen Equalizer auf 12 Banking-Gesangsspuren des gleichen Sängers oder bei zwei Stereo-Signalen, die auf zwei getrennten Monokanälen aufgenommen wurden).

06UnuebersichtlichemehrseitigePlug-InListeDie Liste der installierten Plugins lässt sich nur sehr begrenzt verändern, so kann man zwischen einer nach Hersteller sortierten Ansicht und einer nach Kategorien sortierten Ansicht wählen - wenn der Plugin-Hersteller seinen Plugins diese Kategoriezuordnungen zugewiesen hat. Falls nicht, so landen die Plugins ohne Kategorieangabe einfach am Ende der langen, mehrseitigen Liste. Die Schriftgrösse dieser Liste kann man leider nicht verkleinern und so ist die Suche nach einem bestimmten Plugin (hier z.B. das Waves WLM Meter) mit dem Aufklappen von Untermenüs verbunden.

Einige Besonderheiten gilt es zu berücksichtigen: In Cubase ist es möglich, eine Stereodatei auf eine Monospur zu legen, ebenso umgekehrt eine Monodatei auf eine Stereospur. So landen schonmal versehentlich Stereoaufnahmen auf einer Spur, die nur ein Monosignal wiedergibt - bei Songs mit sehr vielen Spuren übersieht man das schonmal. Noch gefährlicher ist der Umstand, dass man ein Mono-Plugin in einer Stereospur aktivieren kann - das Signal wird dann nicht etwas summiert und in mono ausgegeben (das wäre ja noch verständlich), sondern in diesem Fall wird nur der linke Kanal durch das Plugin geführt, der rechte Kanal bleibt unbearbeitet. Ebenfalls eine sehr fehleranfällige Sache - warum werden überhaupt bei den Inserts von Stereospuren Plugins bzw. externe Effekte in mono angeboten? Dadurch ist das Plugin Menü außerdem ausgesprochen lang und damit unübersichtlich. Dies erschwert die Suche nach einem bestimmten Plugin, wenn es schnell gehen soll.
Der Panorama-Regler lässt sich bei Stereospuren zwischen Balance-Regler und für links/rechts getrennte Pan-Regler umschalten - sehr komfortabel. Das geht auch für Send-Wege.

Als weitere Einschränkung empfinde ich den Umstand, dass ich auf einer Mono-Spur kein mono-auf-stereo Plugin verwenden kann, um z.B. einen Bass mit einem Chorus etwas zu verbreitern oder eine Mono-Gitarre mit einem leichten Stereodelay zu bearbeiten - der Ausgang eines mono-auf-stereo Plugins bleibt in Monospuren immer mono. In diesem Fall bin ich also gezwungen den Bass erst auf eine Stereospur zu kopieren, um ihn dann mit einem Stereo-Plugin zu bearbeiten. Dafür bietet das Mischpult verschiedene umschaltbare Ansichten zur Auswahl: Außer den Insert-Effekten kann man sich den eingebauten Kanal-Equalizer in zwei verschiedenen Ansichten ansehen, grosse Pegelanzeigen (pre oder post Fader) z.B. für die Aufnahmesituation oder wahlweise 4 bzw. 8 Effekt-Sends.

Als grösstes Hindernis im Workflow der Mischung erweist sich für mich jedoch der Umstand, dass das Mischpult Inserts und die Effekt-Sends nicht gleichzeitig anzeigen kann - ein echtes Alleinstellungsmerkmal bei Cubase. Dadurch wird man bei der Mischung dazu gezwungen, ständig zwischen Inserts und Effekt-Send Ansicht umzuschalten oder sich ein zweites Mischpult-Fenster zu öffnen, dass jedoch nicht mit dem ersten Mischpult mitscrollt. Angesichts der sonst so flexiblen Konfigurationsmöglichkeiten des Programms ist mir dieser Umstand völlig unverständlich. Eine weitere Möglichkeit gibt es jedoch, um diese Einschränkung zu umgehen: Im Projektfenster kann man sich auf der linken Seite gleichzeitig die Ein- und Ausgänge, die Insert-Effekte, die Send-Effekte und den Fader anzeigen lassen - aber immer nur für den gewählten Kanal.


Performance

Cubase bietet mit dem Fenster "VST-Leistung" (F12) eine praktische Anzeige, um die Reserven des Computers beim Mix im Auge zu behalten. Und zwar bestimmt nicht nur die Zahl der Spuren und Plugins meines Songs, wie weit ich mit meinem Rechner komme, sondern die Komplexität meines Mischpultes, mein Routing und die Automation der Fader, Effekt-Sends und Plugin Parameter belasten die CPU. Darüber hinaus bietet Cubase die Möglichkeit, nicht-destruktiv das Timing und die Tonhöhe einer Aufnahme zu manipulieren (AudioWarp und VariAudio). Diese Prozesse benötigen natürlich ebenfalls Rechenleistung - bei vielen bearbeiteten Spuren kann das entsprechend viel Leistung verlangen. Allerdings scheint sich diese "Hintergrundrechenlast" nicht in der VST-Leistungsanzeige widerzuspiegeln. Wenn also ein Song bei der Wiedergabe Probleme bereitet, obwohl die VST-Leistung noch längst nicht am Ende ist, so kann das an AudioWarp- und VariAudio-Bearbeitungen liegen.

Die Genauigkeit der Bildschirmwiedergabe (das "Screen re-draw") leidet bei Cubase unter steigender CPU-Last. So scrollt Cubase bei wachsender Menge an Automationsdaten während des Schreibens der neuen Automation nur sehr ruckelig, es sei denn man blendet alle anderen Automationsdaten aus. Im Extremfall werden Automationsdaten sehr ungenau geschrieben bzw. zu stark vereinfacht. Auch braucht man zum Hinein- und Herauszoomen bei steigender VST-Last zunehmend Geduld. Das verlangsamt die Arbeit. Noch problematischer wird es in Songs, die extrem viele Clips verwenden, 07VSTLeistungGruppenlowwie sie beim automatischen Zerschneiden und Quantisieren von Schlagzeugspuren entstehen. Dabei entstehen schnell tausende von kleinen Clips (inclusive deren Unterspuren), die dazu führen, dass Cubase extrem langsam scrollt und zoomt. Das Zoomen dauert dann zum Teil mehrere Sekunden und macht die Arbeit an dem Song fast unmöglich - hier sollte Steinberg unbedingt nachbessern.

Zwar haben aktuelle Rechner mit vier, acht oder mehr Prozessorkernen eine theoretisch beeindruckende Rechenleistung, praktisch lässt sich aber nicht jeder Song gleich gut auf alle diese Kerne verteilen. Insbesondere durch die Verwendung von Gruppen kann dem Rechner schnell die Puste ausgehen. Das zeigen die zwei Screenshots zu einem Song, der mit ca. 50 Spuren eigentlich unspektakulär ist. Durch die Aktivierung von nur vier Plugins in den Gruppen "Music" und "Vocals", 08VSTLeistungGruppenoverdurch die alle Signale im Mix laufen, steigt die VST-Last um über 30 Prozent und bringt damit dem Mix zum Kollaps - auf Einzelspuren eingesetzt würden diese vier Plugins die VST-Last nur unerheblich verändern. (Bild 7 8)

Grundsätzlich ist es in der Praxis daher nicht ungewöhnlich, selbst bei einem 8-core Rechner bei der Mischung von "normalen" Songs an die Grenzen seiner Rechenleistung zu kommen.
Einen Ausweg bieten hier DSP-Lösungen wie z.B. die UAD-Plug-ins. Verwende ich an dieser Stelle statt nativer Plugins ein oder mehrere UAD-Plugins, bleibt die VST-Leistung fast unverändert. Durch die überlegte Kombination aus nativen und DSP-basierten Plugins bin ich auch bei den aufwendigsten Songs mit 160 Spuren mit der Rechenleistung meines Rechners ausgekommen.


Der Take-Editor

Das mir vorliegende Projekt wurde bereits mit Cubase 6 aufgenommen. Dabei wurde von dem in Version 6 eingeführten Comping-Modus für die Arbeit mit mehreren Takes (Unterspuren) Gebrauch gemacht. Bei der Aufnahme stapelt man beliebig viele Takes einfach auf der gleichen Spur. Mehrere Spuren eines Instruments (z.B. 16 Drum-Spuren) kann man mittels eines Ordners verkoppeln und dann bequem zwischen verschiedenen Takes umschalten - das geschieht für alle verkoppelten Spuren gleich. Über die Unterspur-Ansicht kann ich alle Unterspuren auf einmal ansehen, farblich markieren oder bearbeiten. Die oberste Wiedergabespur zeigt die gewählte Schnittliste (Comping) aus dem Material der Unterspuren. Das sorgt gerade bei Songs mit vielen Aufnahmespuren für Übersicht und erleichtert das Vergleichen verschiedener Takes. Der Zusammenschnitt einer finalen Performance aus vielen Takes einer Band geht so schnell und recht intuitiv von statten. In der Mischung bedeutet das für mich, dass ich an einer Stelle, an der mir eine Performance nicht gefällt, auf der gleichen Spur "in place" in meinem Mix alternative Takes hören und auswählen kann. Müsste ich dafür alternative Audiospuren aktivieren, so müsste ich für diese auch zunächst das Routing und die Klangeinstellungen anpassen.

Aufpassen muss man beim Stummschalten (muten) von Clips - dadurch rückt der darunter liegende Take nach oben - das ist nicht immer gewünscht. Möchte ich z.B. die Tom-Spuren des Schlagzeugs zwischen den Tomfills stumm schalten, so müssen alle aufeinander liegenden Takes der Tom-Spuren gemeinsam zerschnitten und gemeinsam stumm geschaltet werden, sonst wird nur der oberste Take stumm und der darunter liegende Take rückt nach vorne. Leider ist es derzeit auch nicht möglich, die Unterspuren zu beschriften. Das würde die Orientierung bei vielen Takes erleichtern. Kompliziert wird es auch, wenn man Crossfades zwischen verschiedenen Takes aktiviert hat und danach nochmals andere Takes auswählt - hier bleiben manchmal fehlerhafte Fades zurück, die man nur sehr mühsam wieder los wird. Dennoch lässt sich mit dem Modus schon jetzt gut arbeiten - zu hoffen bleibt aber, dass der derzeitige Take-Editor noch nicht das letzte Wort aus dem Hause Steinberg ist.


Die Audio Bearbeitung

Die Möglichkeiten zur Bearbeitung von Clips in Cubase sind vielfältig - davon profitiert man auch in der Mischsituation. Crossfades werden in Echtzeit berechnet und beim Ineinanderschieben von Clips entsprechend angepasst. Jeder Clip kann in seiner Lautstärke verändert werden, was sich visuell auch in der Wellenform widerspiegelt. Einzelne Clips können mit Plugins bearbeitet werden, diese Bearbeitung kann später auf Wunsch wieder entfernt werden. So kann man bereits vor dem Schreiben der Lautstärkeautomation Nebengeräusche entfernen oder laute Atmer in einer Gesangsspur reduzieren. Zur Bearbeitung von Tonhöhen und Intonation bietet Cubase das VariAudio. Dafür öffnet man einen Clip im Sample-Editor und aktiviert dort unter "VariAudio" Pitch & Warp. Hier kann man an monophonen Signalen gezielt Tonhöhen bearbeiten (dem grafischen Modus von Antares Auto-Tune sehr ähnlich), unter AudioWarp kann man zusätzlich das Timing bearbeiten. Mit einzelnen Clips funktioniert das wunderbar, jedoch steigt damit auch die CPU-Last.

Nicht ganz so intuitiv ist hingegen die Möglichkeit, das Timing mehrerer Audiospuren (z.B. das Schlagzeug) gemeinsam zu verändern - das geht momentan nur mit dem Slice-Modus, indem alle Schlagzeugspuren vor jedem Schlag zerschnitten und danach quantisiert werden. Eleganter wäre die Verkoppelung der AudioWarp-Marker über beliebig viele Spuren, zumal der verwendete Timestreching-Algorithmus sehr gut klingt. Cubase Version 6.5 bringt hier Veränderungen mit der AudioWarp-Quantisierung im Quantisierungsfenster, allerdings bietet auch das neue Update nicht die Möglichkeit, mehrere Spuren phasenstarr verkoppelt mit AudioWarp zu bearbeiten und bringt uns damit bei der Arbeit an Schlagzeugtakes nicht weiter.


Fazit

Ohne Zweifel ist die Leistungsfähigkeit nativer Audioworkstations beeindruckend. Dass man selbst umfangreiche Musikprojekte mit Cubase 6 auf einem aktuellen Computer komfortabel editieren und mischen kann, auch ohne ein grosses Mischpult zu benötigen, das ist eine gute Nachricht. Marketing-Versprechen wie z.B. eine unbegrenzte Anzahl von Audiospuren oder der Glaube, dass moderne Rechner mit ihrer Rechenleistung DSP-basierte Systeme überflüssig machen, lassen jedoch die Komplexität der Angelegenheit ausser Acht. Mit wachsender Rechenleistung wächst und die Rechenlast moderner Plugins. Insbesondere die Nachbildung von nonlinearen Signalanteilen (z.B. bei Simulationen von Gitarrenverstärkern oder analogen Bandmaschinen) kostet auch im Jahre 2012 noch signifikante Rechenleistung. Tonhöhen- oder Timingbearbeitungen an vielen Audiospuren machen sich in der Mischung belastend bemerkbar. Mit jeder Generation steigt die Qualität der Prozesse und damit auch die Rechenlast.

Die Arbeit mit Cubase 6 geht grundsätzlich gut von der Hand, sie hat aber auch ihre frustrierenden Seiten. Gerade die Eigenheiten des Mischers wirken zum Teil einfach undurchdacht. Was für den Hobbymusiker vielleicht völlig in Ordnung ist, kann den Profi, der natürlich auch unter gewissem Zeitdruck zu einem Ergebnis kommen muss, manchmal zur Verzweiflung bringen 
Das Ex- und Importieren von Kanaleinstellungen ist extrem rudimentär und intransparent. Das träge Scrollen im Projektfenster bei Songs mit vielen Clips sowie das seltsame Verhalten beim Schreiben von Automationsdaten sind für mich Gründe genug, über alternative Software nachzudenken. Ich würde mir wünschen, dass bei der weiteren Entwicklung von Cubase der Fokus auf Zuverlässigkeit und Praxisnutzen der bereits vorhandenen Features gelegt würde, anstatt marketingwirksame neue Funktionen einzubauen, die in der Praxis nicht voll überzeugen können.

www.steinberg.net



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