Testbericht aus Xound sechs|11 SPL Neos

Der Maybach fürs Tonstudio

Seit Xound 2004 mit dem Artikel „Die schockierende Wahrheit über digitales Mixen im Computer“ die Branche wachrüttelte, wurde viel über das Thema „analoges Summieren“ diskutiert. Mit dem neuen SPL Neos hat analoges Summieren nun eine völlig neue Dimension bekommen. Xound hatte Neos auf dem Prüfstand.

Neos-frontal

Konzept im Überblick

Niemand weiß, welches Geschlecht Neos hat. Ist es nun der, die oder das Neos? Auch Hersteller SPL ist sich nicht ganz sicher. Vielleicht hängt es ja auch ganz davon ab, wie herum man den Netzstecker in die Steckdose steckt? In jedem Fall handelt es sich bei Neos um einen 24-Kanal-Summier- und Abhörmischer auf Basis der von SPL entwickelten 120 Volt Technologie. Kommt man mit 24 Summierkanälen nicht aus, so lassen sich auch mehrere Neos-Konsolen kaskadieren.
Neos ist in einem 19“-Gehäuse mit 7 HE untergebracht. Durch Variation der Rackwinkel-Montage lässt sich die Konsole entweder flach oder im 10° Winkel in 19“-Tische einbauen. Selbstverständlich kann Neos mit seinem pultartigen Gehäuse einfach auf den Tisch gestellt werden. Mit einem Gewicht von über 14 kg steht Neos mehr als fest auf jeder Arbeitsplatte. Das Neos-Mischpult macht einen sehr edlen und robusten Eindruck. Die Verarbeitung ist exzellent.
Während die meisten Netzteil-Komponenten im Mixergehäuse untergebracht sind, hat man den Netztrafo ausgesperrt. Dieser sitzt in einem separaten Gehäuse (weitere 3 kg) und wird mit dem Pult über ein dickes, mehrpoliges Kabel verbunden. So kann man sicher sein, dass der Trafo nicht in die sensiblen Hitech-Audioschaltkreise einstreut.
Im Gegensatz zu den üblichen Analog-Summierern verfügt Neos über Fader und Panoramaregler sowie Solo- und Mute Funktionen. Die 24 Eingänge sind beim Neos auf 12 Stereo-Kanalzüge verteilt, wobei jeder Kanalzug mit einem 100 mm ALPS-Fader bestückt ist. Als oberstes Bedienelement jedes Kanalzugs finden wir einen „Mono“-Schalter, mit dem sich die Stereo-Kanäle auf Mono-Betrieb umschalten lassen. Neben den genannten Mischfunktionen bietet Neos in der Mastersektion einen kompletten Monitor-Controller zum Regeln der Abhörlautstärke, Umschaltung zwischen alternativen Monitoren, Tape Return (bzw. DAW-Return)-Umschaltung, Funktionen wie Mute-, Dim- und Mono, einen Summenlimiter sowie einen Master-Insert zum Einschleifen von externem Equipment wie EQs oder Dynamik-Prozessoren.


Anschlüsse

Die Neos „Haupteingänge“ sind als 25-polige Sub-D-Buchsen ausgelegt. Insgesamt bietet Neos drei solcher Anschlüsse, wobei jeder Sub-D-Anschluss acht symmetrische Eingänge liefert. Dazu kommen jeweils symmetrische XLR-Eingangs-Pärchen (Rechts/Links) als Tape-Return zum Anschließen einer Mastermaschine oder Workstation, als Return für den Master-Insert sowie für den für Slave-Betrieb bei der Kaskadierung mehrerer Pulte.
Ausgangsseitig verfügt Neos ebenfalls über verschiedene symmetrische XLR-Paare, die alle bis zu 24 dBu Output liefern. Die Rec-Out-Buchsen dienen zum Anschluss einer Mastermaschine oder zum Anschluss eines A/D-Wandlers zur Aufnahme des Neos-Mixes. Das gleiche Mix-Signal liegt je nach Auswahl der Monitorwege ebenfalls an den XLR-Paaren Monitor A oder Monitor B an.
Doch damit nicht genug: Zusätzlich bietet Neos ein alternatives Ausgangspaar „Alt. Out“, z.B. zum Anschluss von Kopfhörer-Verstärkern, ein „Metering“-Ausgangspaar zum Anschluss von Pegel-Anzeigen sowie zwei „Ins. Send“-Buchsen als Output für den Master-Einschleifweg. Während die Monitor-Ausgänge durch den Lautstärkeregler, die Dim- Mono und Master-Mute -Funktion beeinflusst werden, liefern die anderen Ausgänge ein Signal direkt nach dem Masterfader. Der Master-Insert-Send liegt schaltungstechnisch sinnvollerweise natürlich vor dem Masterfader.

Bedienung

Für das Setup wird Neos über entsprechenden Sub-D-Adapter mit den Ausgängen der Audio-Interfaces oder Wandler verbunden. Je mehr Kanäle man analog summiert, desto effektiver ist das Ergebnis. In der Regel schickt man dabei Stereo-Gruppen aus der Workstation heraus. Das Panning für die Instrumente innerhalb dieser Stereo-Gruppen legt man in der Workstation-Software fest. Über den Neos-Panoramaregler kann diese Stereo-Gruppe dann nochmals im Panorama des Neos variiert werden. Bei Mono-Signalen, wie z.B. Bassdrum, Snare, Bass oder Gesang, stellt man den Neos-Kanal auf Mono, die Platzierung im Stereo-Bild erfolgt wiederum über den Panorama-Regler des Neos-Kanals.
Über die logarithmisch skalierten 100 mm-Fader lässt sich der Pegel jedes einzelnen Kanals sehr komfortabel einstellen. Der Regelbereich reicht von 6 dB bis -∞.
Jeder Neos-Kanalzug bietet zwei LEDs zur Signalanzeige für jeden der beiden Eingänge, diese reagieren ab ca. –10 dB. So sieht man auf einen Blick, ob Signale anliegen. Über die Solo-Funktion lässt sich in einzelne Kanäle reinhören, alle anderen Kanäle werden dabei stumm geschaltet. Ansonsten wäre noch der Cut-Schalter für jeden Kanal zu nennen, mit dem sich das Signal muten lässt. Ist die Funktion „To Monitor Only“ in einem der Kanäle gedrückt, so wird das Signal nur auf den Monitorweg geroutet, dabei wird auch die o.g. Cut-Funktion bezogen auf den Monitorweg unterdrückt, das heißt das gemutete Signal wird im Recording-Ausgang stummgeschaltet, ist jedoch im Abhörweg zu hören.
Welchen der beiden Monitorwege man hören möchte, wählt man mit dem Monitor B-Schalter, in Normalstellung liegt das Signal bei Monitor A an. So lassen sich zwei verschiedene Abhörsysteme, z.B. Nahfeldmonitore oder „große Abhöre“, anschließen und via Neos auswählen. Zu den weiteren Monitor-Funktionen zählen „Mute“ (Stummschalten der Monitor-Ausgänge), „Dim“ (Dämpfen der Abhörlautstärke um 20 dB) und „Mono“ (Mono-Schaltung des Abhörwegs).
Die Abhörlautstärke wird innerhalb der Mastersektion über den Monitor-Regler eingestellt. Das „Big Blue“-Poti von ALPS erlaubt einen Regelbereich von -80 dB bis 7 dB, wobei der Bereich um die übliche Abhörlautstärke besonders fein aufgelöst ist. Das Poti zeichnet sich durch einen präzisen Gleichlauf zwischen rechtem und linkem Kanal aus.
Der Fader der Mastersektion ist ebenso hochwertig wie die Kanalfader, liefert jedoch einen nach oben um 2 dB erweiterten Regelbereich ( 8 dB). Bevor es mit dem Mix auf die Master-Maschine bzw. zurück in die Workstation geht, lassen sich noch externe Effekte wie Kompressoren oder EQs einschleifen. Über den „Master-Insert“-Schalter wird der Einschleifweg aktiviert. So kann man einfach per Knopfdruck einen A/B-Vergleich zwischen Original-Mix und bearbeitetem Mix durchführen.
Zum Abhören der auf einer Mastermaschine oder Workstation aufgenommenen Mischung des Neos drückt man die Tape-Return Taste.
Die Funktion „Bend“ aktiviert einen passiven, mehrstufigen Dioden-Limiter, der dazu dient, die Pegelspitzen einzugrenzen. Der Limiter-Effekt ist abhängig vom Pegel, sodass man mit dem Masterfader spielen kann, um den optimalen Effekt einzustellen. Selbst wenn der Limiter unhörbar eingestellt wird, lassen sich kurze Pegel-Spitzen abbremsen. Dies macht die Aussteuerung der nachfolgenden A/D-Wandler für den Mix leichter, man kann den Wandler dadurch generell etwas höher ansteuern.

Praxis

Für den ersten „Soundcheck“ habe ich bereits im SPL-Demoraum einen Vergleich zwischen einem internen Logic Pro-Mix und einem via Neos erstellten Mix durchgeführt. Das jeweilige Mix-Signal wurde dann über das gleiche Audio-Interface aufgenommen. Ihr könnt euch die beiden Audio-Files hier auf unserer Webseite herunterladen.
Für den Test habe ich von einer meiner Studio-Produktionen mit echten Drums, E-Bass, Gitarren und echtem Flügel einen Mix angelegt, der mit extremen Panoramaeinstellungen wie extrem rechts, extrem links oder Mitte funktioniert.  Durch diese eindeutigen Panorama-Einstellungen lässt sich der interne Workstation-Mix mit dem Neos Mix vergleichen. Innerhalb der Logic Pro-Session sind einige Spuren wie Overheads, Toms, Flügel, Drum-Raum etc. zu Stereo-Gruppen zusammengefasst, diese wiederum werden mit den Einzel-Kanälen (Bass, Snare, Bassdrum usw.) schließlich zur internen Stereo-Summe zusammengeführt. Alternativ wurden die Logic-Gruppen wie auch einzelne Instrumente auf 12 einzelne Outputs geroutet und zu den Neos-Eingängen geführt. Die Pegelverhältnisse wurden beibehalten, alle Neos-Fader auf „Null“ gestellt, das heißt die Mixverhältnisse wie auch die Panoramaeinstellungen waren bei beiden Setups (intern oder via Neos) identisch.
Mir ist klar, dass dieser Test nicht der normalen Praxis entspricht. Wenn man den Mix intern oder via Neos abhört, wird man in der Regel auch auf den Mix reagieren und die Mischung entsprechend verändern, sodass man sicherlich noch vieles optimieren kann.
Trotzdem war das Ergebnis des Tests mehr als verblüffend.
Obwohl als Ausgangs-Audio-Interface ein einfaches 12-kanaliges Interface der Firma Echo zum Einsatz kam (d.h. man wandelt hier 12 Kanäle noch nicht mal mit der bestmöglichen Qualität), war der Neos-Mix nicht zu schlagen. Im Vergleich zum internen Logic-Mix liefert der Neos-Mix eine unglaubliche Transparenz und Dynamik. Das Klangbild der Neos-Mischung ist extrem offen, präsent und lebendig, die räumliche Abbildung ist sensationell.
Ich habe bereits Erfahrungen mit solchen Tests gemacht und stets gefiel mir die analog summierte Mischung besser, doch so extrem wie beim Neos habe ich dieses Phänomen nicht wahrgenommen. Selbst SPL-Neos-Entwickler Wolfgang Neumann war überrascht. So dachte ich zunächst an einen Fehler im Test-Aufbau, doch mehrmaliges Überprüfen des Aufbaus zeigte, dass alles richtig angeschlossen und ausgepegelt war.
Ich habe den Test später mit der gleichen Session nochmals im Pro Tools HD durchgeführt, wo sich das Ergebnis des ersten Tests eindeutig bestätigte. Auch diese Files könnt ihr hier herunterladen.
Nach diesen Vergleichs-Tests habe ich mal begonnen, von vorneherein einen Mix mit Neos anzulegen. Dabei merkt man schnell, dass sich völlig neue Dimensionen offenbaren.
Jeder, der Mischungen erstellt, hat sicherlich schon mal erfahren, dass man mit dem Mix einiger Kanäle beginnt, und plötzlich merkt man, wenn man weitere Kanäle dazu mischt, dass der Pegel in der Stereo-Summe gefährlich hoch wird. Man beginnt dann wieder Kanal für Kanal, die Fader nach unten zu ziehen. Beim Neos braucht man hier keine Angst zu haben, das Pult hat extrem viel Headroom, sodass ich es nicht schaffen konnte, die Summe zu überfahren. So etwas habe ich noch nicht erlebt!
Normalerweise muss man beim Mischen immer wieder die ersten Prozesse korrigieren, sobald weitere Elemente dazukommen, das heißt wenn der Mix dichter wird, muss man ihn oft auch korrigieren, da das System plötzlich anders reagiert.
Wenn man den Mix über Neos Track für Track aufbaut, so funktionieren die ersten Einstellungen, auch wenn weitere Tracks ergänzt werden. Das macht eindeutig mehr Spaß und erleichtert deutlich, einen überzeugenden Mix mit Charakter hinzubekommen.

Fazit

Ich weiß gar nicht, was ich zu Neos sagen soll? Selten hat ein Studiogerät mir so die Sprache verschlagen. Es ist wirklich kaum zu glauben, wenn man das Pult nicht erlebt bzw. gehört hat.
Die Performance ist unschlagbar, das Handling kinderleicht und es macht ungeheuren Spaß, mit Neos zu arbeiten. Neos zeigt, welche Möglichkeiten sich offenbaren, wenn Entwickler mal freien Lauf haben - ohne Kompromisse in Bezug auf Marketing-Aspekte oder Preisgestaltung. Das ist mutig, denn dieser konsequente Weg spiegelt sich im Preis von 9.999 EUR wieder. Man kann SPL nur wünschen, dass dieser Mut belohnt wird - Neos hätte es verdient und ist es auch wert.

Übrigens:
Aufgrund der enormen Dynamik der SPL-Konsole könnte ich mir auch vorstellen, dass Neos auch ideal für Stereo-Live-Direktmitschnitte geeignet ist. Das muss ich unbedingt ausprobieren!

UVP*: 9.899 EUR

www.spl.info


Facts

  • 24-Kanal Summier- und Abhörmischer
  • 120 Volt-Technologie
  • 100-mm-Fader von ALPS
  • Panoramaregelung
  • Mono-, Cut-, Solo- und To Monitor Only-Funktionen
  • Master-Insert
  • Summenlimiter
  • Frequenzgang:10 Hz bis ›200 kHz
  • Dynamikumfang: ›122 dB
  • Eingänge: Eingänge: 3 x DB25 achtkanalig (symmetrisch, TASCAM-Standard)
  • XLR symmetrisch: Slave, Insert Return, Tape Return
  • Ausgänge (XLR symmetrisch): Recording Out, Monitor A und Monitor B
  • Ausgänge (XLR unsymmetrisch): Alternative Out, Insert Send, Metering
  • externes Netzteil
  • Gehäuse: 19"/7 HE

 

Herstellerlinks:

Neos-Überblick
http://spl.info/de/hardware/summierverstaerker/neos/in-kuerze.html

120-Volt-Summier- und Abhörmischer
http://spl.info/de/hardware/analogsummierer/neos/der-120-volt-mischer.html

Neos-Integration
http://spl.info/de/hardware/analogsummierer/neos/integration.html

Technische Daten
http://spl.info/de/hardware/analogsummierer/neos/technische-daten.html

Kommentare (2)add comment

Flo said:

0
...
Leider ist Euch in Eurem Test ein (eigentlich augenscheinlicher) Fehler unterlaufen, der die Aussagekraft gegen Null tendieren lässt: Die Mixes sind deutlich unterschiedlich. Bei gleicher Drum Lautstärke sind Klavier und Bass im Neos mix geschätzte 3-4 dB lauter. Kein Wunder dass das viel kräftiger klingt. Summierertests muss man kalibriert durchführen, Testton durch und schauen ob bei den DAW sowie Hardwarekanälen jeweils derselbe Ausgangspegel rauskommt. Erst dann die Signale durchschicken. Hier werden einfach zwei deutlich unterschiedliche Mixes miteinander verglichen. Schade, ich suche schon länger nach Hörbeispielen zum Neos, die Aussagekraft haben.
März 13, 2015

Jost said:

0
...
Die Klangbeispiele die hier zu den Neos zusammen haben mich ehrlich gesagt erstmal ein wenig verwirrt - irgendwie ist diesen pro tools sound irgendwo eingebrannt und ist erst mal überrascht wie anders das Klangfeld sich bei spl aufbaut. Den Einsatz von SPL für Monitor Controller kannte ich schon und war immer froh über die gute Verarbeitung und gute Handhabung - und so wie es sich anhört führt sich das in den Mixern mehr als fort.
Ich hoffe ich komme mal direkt an ein Neos oder noch besser an ein Array ran um damit zu arbeiten. Das Ergebnis spricht jedenfalls für sich. Danke für die umfassenden Reviews!
Januar 19, 2012

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