Keyboards für Nicht-Keyboarder - Teil 2

RD-300NX_4-bigNachdem es in Teil 1 um die Wahl eines geeigneten und auf die persönlichen Bedürfnisse abgestimmten Instrumentes ging, wollen wir uns in Teil 2 etwas eingehender mit der Bildung von Harmonien und dem Entziffern und Umsetzen von Akkordsymbolen auf einer Klaviatur befassen.

 

 

Christoph Schlüssel christoph_schluesselstudierte Jazz mit Hauptfach Hammondorgel am   Conservatorium Enschede (NL) und ist als Lehrer für Klavier, Keyboard   und Orgel tätig. Darüber hinaus wirkte er bei zahlreichen   CD-Produktionen mit und spielt Keyboards in verschiedenen Bands und   Stilrichtungen.

 

Dass man Dreiklänge durch simples Aufeinanderschichten von großen und kleinen Terzen mittels Abzählen der Halbtonschritte auch ohne Noten hinbekommt, haben wir bereits in Teil 1 gesehen. Komplexere Sachverhalte lassen sich mit der Notenschrift jedoch wesentlich einfacher darstellen und erklären.

Da Keyboards über einen recht großen Tonumfang verfügen (bis zu 88 Tasten), braucht man zwei Notensysteme. Während der Violinschlüssel den meisten geläufig sein dürfte, ist der Bassschlüssel für die tiefen Töne in der linken Hand oft Neuland für Nicht-Keyboarder.

Auch wenn das Ziel dieses Workshops das (noten-)freie Spiel nach Akkordsymbolen sein soll: Auf diese Grundlagen können wir nicht verzichten, deshalb sollte man den in Abb. 1 dargestellten Ton-/Notenbereich beherrschen.


Ohne Proben nach oben?

Bei diesem Workshop handelt es sich um eine Art „Crash-Kurs“, der es Quereinsteigern ermöglichen soll, auch ohne jahrelangen Unterricht eine passable Begleitung auf einem Klavier bzw. Keyboard zu spielen.

Bis man das Thema dieses Workshops im „normalen“ Instrumentalunterricht behandelt, geht einige Zeit ins Land, in der man sich mit spieltechnischen Grundlagen und ähnliche „Nebensächlichkeiten“ beschäftigt. All das klammern wir hier jedoch aus, da es zum einen den Rahmen sprengen würde und ich zum anderen davon ausgehe, dass man als Musiker und Leser dieses Workshops über ein gewisses Maß an Notenkenntnissen, Rhythmik und Fingerfertigkeit zur Bedienung einer Tastatur verfügt... ;)


Aufgabenverteilung

Was man wie mit welcher Hand spielt, hängt zunächst einmal von der Ausgangssituation ab. Begleitet man sich z.B. als Sänger alleine auf dem Klavier oder spielt man einen Keyboard-Part in einem Band-Arrangement? Gehen wir mal von der erstgenannten Situation aus: Man sitzt alleine vor dem Klavier und möchte seinen Gesang auf dem Klavier begleiten.

Die Aufgabe der Melodie ist damit an die eigene Stimme vergeben. Bleiben also noch die Harmonien und der Bass. Den Job des Bassisten bekommt die linke Hand, die Harmonien übernimmt die rechte Hand.

Falls jemand den ersten Teil des Workshops verpasst hat, hier nochmals eine kurze Wiederholung zum Aufbau von Dreiklängen in der Grundlage, dieses mal jedoch mit Notenbeispielen ergänzt.

Die einfachsten Akkorde bestehen aus zwei aufeinander geschichteten Terzen. Durch die unterschiedliche Kombination von kleiner Terz (3 Halbtonschritte) und großer Terz (4 Halbtonschritte) lassen sich vier verschiedene Akkordtypen bilden: Dur, Moll, Vermindert und Übermässig (Abb. 2).

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Wir konzentrieren uns in den folgenden Übungen auf Dur- und Moll-Akkorde, da sie wesentlich häufiger in der Praxis vorkommen als verminderte und übermässige Akkorde. Somit bleiben von den 48 möglichen Variationen noch 12 Dur- und 12 Moll-Akkorde.

Will man auf dem Klavier oder Keyboard eine Begleitung spielen, sollte man als erstes diese Akkorde beherrschen. Dabei ist es hilfreich, sich nicht nur die Noten, sondern auch die Griffbilder auf der Klaviatur einzuprägen.

Verfügt man nicht über ein fotografisches Gedächtnis, ist es natürlich mit ein bisschen Arbeit verbunden, bis alle Griffe „sitzen“, aber mit der nachfolgend beschriebenen Methode gelangt man systematisch und relativ schnell ans Ziel. Hat man den an sich simplen Aufbau von Dur- und Moll-Akkorden verstanden, geht es eigentlich nur noch darum, diese möglichst musikalisch und praxisnah zu spielen und sie so „in die Finger“ zu bekommen.

Musikalisch und praxisnah bezieht sich dabei auf Variationen der Akkorde in Lagen und Rhythmik. Dies gelingt am besten anhand von kleinen Übungen, die ein gewisses Schema aufweisen, das sich leicht durch Transponieren auf alle Akkorde anwenden lässt, im folgenden „Patterns“ genannt.


Bas(s)is(t)-Wissen für die linke Hand

Die Basis eines jeden Patterns bildet dabei die Bass-Figur in der linken Hand. Diese ist meistens einstimmig und erfüllt zwei Aufgaben: Die Rhythmik definiert den Musik-Stil, und die Tiefe der Töne unterstützt die Harmonien der rechten Hand.

Der wichtigste Ton für die Bassfigur ist der Grundton, erkennbar am großen Buchstaben des Akkordsymbols. Dieser wird meist auf den ersten Schlag jedes Akkordes gespielt. Um Bewegung in die Bassfigur zu bekommen, wird dieser Grundton mit der zugehörigen Quinte sowie dem oktavierten Grundton variiert (Abb. 3).

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Da die Terz in diesem Griffbild fehlt, ist es auf Dur- und Moll-Akkorde gleichermaßen anwendbar. Apropos „Griffbild“: Eine Klaviatur ist besonders gut geeignet, sich Griffe grafisch einzuprägen. Im Falle dieser Bass-Figur für die linke Hand fällt auf, dass es bis auf zwei Ausnahmen immer drei weiße bzw. drei schwarze Tasten sind, die zusammen gehören. Lediglich die Töne H (weiß-schwarz-weiß) und Bb (schwarz-weiß-schwarz) weisen ein gemischtes Schema auf.

Das Griffbild „Grundton - Quinte - oktavierter Grundton“ in der linken Hand sollte man ohne groß nachzudenken auf jedem der 12 Töne spielen können. Gebräuchlichster Fingersatz ist dabei: kleiner Finger (5) - Zeigefinger (2) - Daumen (1). Wer möchte, kann sich schon jetzt ein paar Songs auszusuchen und zu den notierten Akkordsymbolen das passende Bass-Figur-Griffbild spielen! Dabei kommt es zunächst weniger auf die Rhythmik, sondern vielmehr auf das flexible und schnelle Auffinden des passenden Griffs an.


Bewegung in der rechten Hand

Wie man einen Dur- bzw. Moll-Akkord in der Grundlage aufbaut, ist inzwischen bekannt. Soll eine Harmonie jedoch über einen längeren Zeitraum gespielt werde, klingt es recht monoton, wenn die Akkorde immer in der gleiche Lage erklingen. Vermeiden lässt sich dies durch Variationen in Rhythmik und Noten der Akkorde.

Eine einfache Möglichkeit, mehr Bewegung in die rechte Hand zu bekommen sind Akkordumkehrungen. Hierbei werden nicht die Töne selbst, sondern nur ihre Reihenfolge im Griffbild geändert (Abb. 4).

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Aus der Bassfigur und den Umkehrungen des Akkordes lassen sich nun die bereits erwähnten Patterns basteln, die mit variierender Umkehrfolge und Rhythmik eine gute Übung darstellen, wenn es darum geht, die Akkorde in die Finger zu bekommen.

Die Beispiel-Patterns (Abb. 5-7) sind alle in C-Dur notiert, können aber auch in Moll abgeändert sowie in die übrigen Tonarten transponiert werden. Bevor man das versucht, sollte man die Patterns jedoch flüssig und fehlerfrei in C-Dur spielen können.

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Transposition der Patterns

Bei den Patterns handelt es sich im Prinzip um Muster, die auf jeden Dur- und Moll-Akkord angewendet werden können. Die transponierten Versionen der Patterns sind nicht abgebildet, denn das Transponieren der Pattern im Kopf hat gegenüber dem einfachen Abspielen von Blatt einen erheblichen Vorteil: Man muss die Lösung selber finden und bekommt sie nicht vorgesetzt, so prägen sie sich besser ein.

Der einfachste Weg zu transponieren ist, in Funktionen zu denken. Die drei Töne eines Dreiklanges haben die Funktionen Grundton (1), Terz (3) und Quinte (5). Um einen Akkord schnell transponieren zu können, ist es z.B. praktisch zu schauen: Welche Funktion liegt oben? Diese Funktion muss ich also in meinem Zielakkord ebenfalls als oberste Note spielen (Abb. 8).

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Hat man das zu übende Pattern einige Male in C-Dur gespielt, hat man es in der Regel „im Ohr“: Die oberen Töne der Umkehrungen prägen sich als kleine Melodie ein, und Fehler bei der Transposition fallen schnell auf.


Transponieren mit System

quantenzirkelUm alle Tonarten gleichermaßen zu üben, bietet sich ein festes Schema an. In meinem Unterricht hat sich hier der gute alte Quintenzirkel bewährt, also die Ordnung der Tonarten nach der Anzahl ihrer Vorzeichen (Abb. 9).

 

Wer Probleme hat, sich die Reihenfolge der Tonarten auf der #- und b-Seite zu merken, kann dies mit zwei recht sinnfreien, dafür aber einprägsamen „Eselsbrücken-Sätzen“ tun:

#-Tonarten: Geh Du Alter Esel Hol FISche = G, D, A, E, H, FIS.
b-Tonarten: Familie Beim ESsen ASistischer DESserts GESichtet = F, B, Es, As Des, Ges.


Der Hunger kommt beim Essen

Ich wende die in diesem Workshop beschriebene Methode sehr erfolgreich im Unterricht an und habe daher auch viele Erfahrungen damit gesammelt.

Die erste Erfahrung ist: Aller Anfang ist schwer. Gerade zu Beginn tut man sich nicht leicht mit dem Transponieren, und sicherlich ist es schöner und interessanter, statt der Patterns lieber einen Song zu spielen oder zu improvisieren. Aber da muss man durch. Wer die nötige Disziplin hierzu nicht aufbringt, braucht wesentlich länger, um das angestrebte Ziel zu erreichen (wenn er/sie es überhaupt schafft).

Die zweite Erfahrung ist: Der Hunger kommt beim Essen. Soll heißen: Wenn man erst einmal begonnen hat, sich mit dieser Materie auseinanderzusetzen, und das Transponieren im Laufe der Zeit zu einer Gewohnheit geworden ist, wenn es leichter fällt und man das Erlernte auf jeden beliebigen Song (!) anwenden kann, dann will man mehr: neue Akkordtypen, Vorspiele, Überleitungen, Stilistiken. Es gibt vieles zu entdecken, mehr davon im nächsten Teil. Bis dahin viel Erfolg beim Transponieren der drei Patterns!
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