Keyboards für Nicht-Keyboarder Teil 1

np_stand_pedal_music_angle1Tasteninstrumente sind im Studio-Alltag kaum wegzudenken. Ein gutes Studio verfügt immer über ein oder mehrere Keyboards, sei es als Klangerzeuger oder schlicht zum Spielen der im Rechner erzeugten Sounds.

Auf der Bühne stehen Keyboarder oft etwas im Hintergrund, dennoch steuern sie in vielen Bands einen erheblichen Anteil zum Gesamtklangbild bei, denn kein anderes Instrument ist klangtechnisch so vielseitig: Klavier, E-Piano, Orgel, Streicher, Bläser, Synthesizer-Sounds aller Art, Loops und Samples, die Liste ließe sich noch beliebig fortsetzen. Also ganz praktisch, so ein Keyboarder...

Was aber, wenn man Keyboards nur am Rande einsetzen will? Wenn zum Beispiel bei der Produktion im Studio in einigen Songs ein paar Keyboard-Spuren eingespielt wurden, in der Live-Band aber kein Keyboarder mitspielt, weil es sich „für die paar Sachen“ schlicht nicht lohnt? Dann steht man vor der Wahl, auf die Keyboard-Parts zu verzichten oder die Sache als „Quereinsteiger“ selbst in die Hand zu nehmen. Gleiches gilt für Vokalisten und Instrumentalisten, die sich auf einem Klavier oder Keyboard begleiten oder Playbacks bzw. Demos erstellen möchten. Und genau darauf zielt dieser Workshop.

Christoph Schlüssel christoph_schluesselstudierte Jazz mit Hauptfach Hammondorgel am   Conservatorium Enschede (NL) und ist als Lehrer für Klavier, Keyboard   und Orgel tätig. Darüber hinaus wirkte er bei zahlreichen   CD-Produktionen mit und spielt Keyboards in verschiedenen Bands und   Stilrichtungen.

Für Keyboarder werden die meisten der hier beschriebenen Dinge klar sein, aber als Nicht-Keyboarder steht man da zunächst mal wie der berühmte „Ochs vorm Berg“. Nicht jeder verfügt über eine Klavierausbildung, sodass die Frage, welche Tasten wann zu drücken sind, schon mal nicht ganz unerheblich ist. Wie kann ich z.B. Akkordsymbole auf dem Klavier umsetzen und eine stilistisch passende Begleitung spielen? Welche Unterschiede gibt es z.B. beim Spiel mit einem Piano- und einem Orgel-Sound?

Die Frage: „Welches ist das richtige Instrument für meine Bedürfnisse?“ lässt sich durch Internet- Recherche oft nur bedingt klären, weil es da von Fachbegriffen nur so wimmelt, die einem als Nicht-Keyboarder nur die Fragezeichen ins Gesicht zaubern. Also ab zum Musikalien- Händler des Vertrauens. Glücklich, wer hier einen kompetenten Ansprechpartner hat, der das passende Instrument empfiehlt. Wer sich nicht nur auf dieses Glück verlassen will, sondern lieber zusätzlich aufgrund eigener Kenntnisse eine Kaufentscheidung fällen möchte, dem könnte die folgende Unterteilung in verschiedene Gruppen schon etwas weiter helfen, denn:

Keyboard ist nicht gleich Keyboard
In jeder Instrumenten-Gattung gibt es verschiedene Unter-Gruppen, das ist bei Keyboards nicht anders. Naturgemäß gibt es bei den Eigenschaften Überschneidungen, es gibt auf der einen Seite die „Spezialisten“, auf der anderen Seite die „Eierlegenden Wollmilchsäue“. Die grundsätzliche Frage ist: Wer braucht was?

Hier zunächst mal eine recht grobe Unterteilung:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das E-Piano
In der einfachsten Ausführung einfach ein elektrisches Klavier, wie der Name schon sagt. Mit ein paar verschiedenen akustischen und elektrischen Klavier-Sounds, 88 gewichteten Tasten, die einem echten Klavier im Spielgefühl im besten Falle möglichst nahe kommen. Klassische E-Pianos sind oft „Möbelstücke“ und für den Transport nur bedingt geeignet.

digitalpianoDas Digital-Ensemble
Ein E-Piano mit Begleitfunktion wie beim Portable Keyboard (siehe unten), oft mehreren hundert Klängen und zahlreichen Zusatzfunktionen wie Aufnahmemöglichkeiten, Klangbearbeitung und vieles mehr. Auch das Digital-Ensemble ist eher für den heimischen Gebrauch als für den Einsatz auf einer Bühne gedacht.

Das Stage-Piano
Ein transportables und bühnentaugliches E-Piano. Hier gibt es ebenfalls eine große Bandbreite: Vom einfachen Einsteiger- bis hin zum Profi-Gerät mit umfangreichen Klangbearbeitungs-Möglichkeiten reicht die Auswahl.

Das Portable Keyboard
Hierunter versteht man eine Instrumente, die über eine Begleitautomatik verfügen. Soll heißen: Wenn man bei aktivierter Automatik auf der Tastatur einen Akkord anschlägt, hört man als Ergebnis, wie eine ganze Band diese Harmonie umsetzt. Je nach angewähltem „Style“ der Automatik in der unterschiedlichsten Stilistik. Diese Funktion wird man in einer Band kaum brauchen, um schnell und einfach eine komplette Begleitung zu erzeugen, ist sie jedoch sehr hilfreich.

Der Synthesizer
Synthesizer gibt es in allen erdenklichen Formen. Jedes Gerät hat aufgrund verschiedener Synthese-Formen seine speziellen klanglichen Eigenschaften. Viele können akustische Instrumente nachbilden, aber ihr eigentlicher Vorteil ist die Möglichkeit, an Sounds „herumzuschrauben“ und sie den eigenen Vorstellungen anzupassen oder gar von Grund auf neu zu programmieren.SH-201_1-big

Die Workstation
Hierunter versteht man einen Synthesizer mit internem Sequenzer, der es erlaubt, die eigenen Ideen auf mehreren Spuren aufzuzeichnen. Auf einer Workstation kann man ohne zusätzlichen Rechner Ideen zu kompletten Songs ausarbeiten und vorproduzieren. Workstations gibt es in verschiedenen Tastatur-Varianten, von 61 bis 88 Tasten, von leicht bis gewichtet (gleiches gilt für Synthesizer und Portable Keyboards).

Klassische Keyboards
Hierzu zählen Instrumente wie Hammond-Orgel, Fender Rhodes, Hohner Clavinet und analoge Synthesizer. Alles alt, schwer, sehr speziell und deshalb für Neueinsteiger eher ungeeignet. Natürlich ist der Klang der Originale unverwechselbar, aber die meisten modernen Keyboards beherrschen die Sounds der Klassiker mittlerweile sehr gut, vor allem für den in diesem Workshop angedachten Einsatz im Hintergrund ist die Qualität mehr als ausreichend.


Sucht man ein passendes Instrument, sollte man sich erst einmal über den Einsatzzweck klar werden. Wer das Instrument auf der Bühne benötigt, kann E-Pianos und Digital- Ensembles im Holzgehäuse schon mal ausschließen, es sei denn er hat Freude daran, das schöne Finish zu ruinieren, regelmäßig schwere Dinge zu tragen und sich so die Muckibude zu sparen. Wer nur die klassischen Klänge wie z.B. Klavier oder Orgel benötigt, der braucht keinen komplexen Synthesizer, dessen Klangbearbeitungs- Möglichkeiten ungenutzt bleiben. Soll das Gerät hingegen abgefahrene Effekt-Sounds liefern, ist ein puristisches Stage-Piano uninteressant.

Ist die Richtung klar, kann man in der gewählten Keyboard-Sparte nach einem Instrument Ausschau halten, das ins persönliche Budget passt. Kleiner Tipp: Mit Keyboards verhält es sich wie mit den meisten technischen Geräten. Sie verlieren schnell an Wert. Warum also neu kaufen, wenn man das gleiche Instrument gebraucht deutlich günstiger erstehen kann? In diesem Falle sollte man den Verkäufer fragen, wo das Instrument im Einsatz war. Schließlich ist es ein Unterschied, ob ein Keyboard nur im heimischen Studio oder Wohnzimmer gestanden hat oder jede Woche auf einer anderen Bühne im Einsatz war. Beim Check sollte jede Taste und jeder Knopf und Regler auf seine Funktion hin überprüft werden. Wer Zweifel hinsichtlich des technischen Zustandes hat, kann das Gerät in einem Musikgeschäft oder einer entsprechenden Werkstatt prüfen lassen oder sich nach einem anderen Exemplar umschauen.

 

Und nun herangetastet...

Steht das passende Instrument zur Verfügung, gilt das Augenmerk dem Aufbau der Tastatur. Ich fange hier mal bewusst „bei Null“ an, schließlich ist dieser Workshop für Neueinsteiger und nicht für „alte Hasen“ gedacht. Und noch eines vorweg: Der beste Weg, ein Instrument zu lernen, ist nach wie vor der Unterricht bei einem erfahrenen Musiker. Was dort über Monate und Jahre vermittelt wird, kann man nicht in Form eines Workshops „mal eben so“ erklären. Deshalb geht es hier auch nicht um spieltechnische Grundlagen wie Handhaltung, Notenlesen, Fingersätze oder Rhythmik, sondern um harmonische Grundlagen mit dem Ziel, diese möglichst bald z.B. in Form einer Begleitung einsetzen zu können.

Die Klaviatur hat einen großen Vorteil: Sie ist übersichtlich und eindeutig. Pro Taste ein Ton, der Höhe nach geordnet. Somit ist sie perfekt geeignet, um musikalische und harmonische Zusammenhänge plastisch darzustellen und zu erklären:

Um Akkordsymbole als Harmonien auf einer Tastatur umsetzen zu können muss man den Aufbau der verschiedenen Akkord-Typen verstehen. Ein Akkord ist der Zusammenklang von drei oder mehr Tönen. Der Abstand der Töne zueinander ist dabei entscheidend, und deshalb ist es wichtig, die benötigten Intervalle (Tonabstände) zu kennen. Der Einfachheit halber beschränken wir uns dabei zunächst auf Terzen, da die einfachsten Akkorde sich daraus aufbauen lassen.

Es gibt kleine und große Terzen, unterscheiden lassen sie sich anhand der Anzahl der Halbtonschritte. Ein Halbtonschritt ist der Weg von einer Taste zur unmittelbar daneben liegenden, z.B. von „c“ zu „cis“ oder von „e“ zu „f“. Eine kleine Terz besteht aus drei Halbtonschritten (z.B. c-es), eine große Terz aus vier (c-e).

Klaviatur_

Die einfachsten Akkorde bestehen aus zwei aufeinander geschichteten Terzen. Durch die unterschiedliche Kombination von kleiner und großer Terz lassen sich vier verschiedene Akkordtypen bilden: Dur, Moll, Vermindert und Übermäßig.

Im Grunde ist die Sache somit recht einfach und sogar für Anfänger und völlig ohne Noten möglich: Man muss nur den Startpunkt kennen und bis drei bzw. vier zählen! Klingt machbar, oder?

Den Startpunkt verrät das Akkordsymbol mit dem großen Buchstaben. Dies ist der Grundton des Akkordes, auf den die beiden Terzen aufgebaut werden. Folgende Kombinationsmöglichkeiten gibt es:

Grundton + Große Terz + Kleine Terz = Dur-Dreiklang
Grundton + Kleine Terz + Große Terz = Moll-Dreiklang
Grundton + Kleine Terz + Kleine Terz = Verminderter Dreiklang
Grundton + Große Terz + Große Terz = Übermäßiger Dreiklang

Da es 12 verschiedene Töne gibt kommt man somit auf immerhin 48 verschiedene Akkorde! Die Akkordsymbole gestalten sich dabei wie folgt:

C
Cm

C+
= C-Dur
= C-Moll
= C-Vermindert
= C-Übermäßig

 

Abschließend ein paar Beispiele für den Aufbau von Akkorden ohne Noten:

Gm
A

C+
= G-Moll = Grundton (g) + kleine Terz (b) + große Terz (d)
= A-Dur = Grundton (a) + große Terz (cis) + kleine Terz (e)
= D vermindert = Grundton (d) + kleine Terz (f) + kleine Terz (as)
= C übermässig = Grundton (c) + große Terz (e) + große Terz (gis)

 

In der international üblichen Schreibweise wird das deutsche H als B und das deutsche B als Bb bezeichnet. Und statt Cis und Des schreibt man C# und Db.

Im 2. Teil des Workshops bedienen wir uns auch der Notenschrift, weil sich damit vieles einfacher darstellen und erklären lässt. Bis dahin viel Spaß beim Erforschen der 48 verschiedenen Dreiklänge!

Kommentare (0)add comment

Kommentar schreiben
kleiner | groesser

busy