undichterfuerstII. Sind wir noch ganz dicht?

Es sind in der letzten Folge einige Fragen offen geblieben. Über den Sinn des Lebens können wir nächtelang plappern. Sind Fragen nicht die weiseren Antworten? Jedenfalls bleibt uns im Gedächtnis, dass Schopi vor ungefähr 180 Jahren meinte, Musik habe im Rennen der Künste um die eindringlichste Form deshalb die Nase vorn, weil sich in ihr der Wille unmittelbar äußert und jede Empfindung ihren exakten, direkten Ausdruck findet. Ob nun der Wille, der sich in der Spaß- und Mediengesellschaft massentauglich Gehör verschafft, ein fratzenhafter, sagen wir ruhig: ein Pseudo-Wille ist, der sich anonymen Entwicklungen willenlos anbiedert, darüber hatten wir nachgedacht. Wer etwas ändern will, soll es tun, solange er lebt.

Heute aber darf ein anderer Star der Deutschen Geistesgeschichte zu Wort kommen, nämlich Wilhelm Dilthey, der manchmal an einen gelehrten Onkel im Schaukelstuhl erinnert. Der Herr Prof. Dilthey ist dafür verantwortlich, dass Gelehrte mit wichtiger Miene Weltliteratur (Goethe) von Populär-Literatur (man sagt auch: Belletristik, gemeint sind Karl May, Dan Brown, Rosamunde Pilcher und Co.) streng unterschieden haben und wissen wollten, was denn, zum Himmel, der Dichter mit seinem Werk sagen will. Die Idee, der authentische Dichter habe eine Art magischen Zugang zu den entscheidenden Dingen, hat Dilthey vor etwa 100 Jahren in die Köpfe eingeschrieben. Mit Magie hatte er zwar nichts am Hut, er hätte es anders ausgedrückt aus Gründen, die wir hier in Ruhe lassen. Vincent Raven habe ich jedenfalls nicht im Sinn, wenn ich von magischem Zugang spreche, vielleicht eher und nur beispielsweise, wenn wir es nach Gutdünken auf die Gilde der Musiker übertragen: Tori Amos im Bühnenrausch oder den jungen Udo Lindenberg nachts um halb vier an einer Hamburger Bar.
Dichter im Diltheyschen Sinn ist nicht jeder dahergelaufene Selbsternannte, nö, echte Dichter gibt es wenige – in längst vergangener Zeit nannte man die Genies. Wir haben in Sachen Musik manchmal einen ähnlichen Verdacht und möchten Brahms‘ Ein deutsches Requiem von handwerklich vielleicht noch passablen, aber künstlerisch mindestens langweiligen, womöglich magiefreien Hit-Kompositionen unterscheiden.

Dilthey jedenfalls war anderer Ansicht als Schopenhauer: Nicht Musik gehöre auf den Thron der Künste, sondern die Dichtung. Denn Musik sei an Schallgesetze gebunden, in der Sprache aber könne frei zum Ausdruck kommen, worum es im Leben geht. Das, was die Existenz und das Leben ausmacht, spricht wahre Dichtung aus. Nur der Dichter könne nämlich, so erklärt uns Dilthey, ein nicht-alltägliches „Erlebnis“ ausdrücken, denn die „Formen“ seiner „Weltanschauung“ besitzen „grenzenlose [...] Beweglichkeit“, weil er „sich der Wirkung des Lebens auf ihn frei überlässt. In dem Dutzendmenschen ist die Besinnung über das Leben zu schwach, als daß er in der modernen Anarchie der Lebensanschauungen zu einer festen Position gelangte.“ Um Musik und Dichtung gegeneinander auszuspielen, dafür fehlt hier der Platz. Dass aber die ganzdichtDutzendmenschen, die Kopien der Stile, Gesten, Worte und Stimmen derjenigen, die mal zur Avantgarde gehörten, überall nerven mit ihren Inszenierungen peinlich nachgeahmter Innerlichkeit, das lässt sich mal sagen. Wer überlässt sich von denen noch frei der Wirkung des gefährlichen, echten Lebens? Wer? Wo? Es muss sie noch geben. Wer nun ein echter Dichter ist oder nicht, ob Musik oder Sprache gekrönt werden, mir ist das gerade egal. Solange noch einige frei ihr Leben leben, mal ein Risiko gehen, das hoffentlich belohnt wird. Aber was ist, wenn der Ernst des Lebens anfängt? Wer ist dieser Ernst, von dem mitunter die Rede ist? Wo kommt er her?
Ein echter Dichter ist nicht ganz dicht, er ist offen für mehr. Sein Werk verdichtet eine Weltanschauung, die nicht einer der vielen unter vielen nachgeahmten Pseudo-Inszenierungen von Liebe, Göttlichkeit, Geist, Sinn, Kampf, Widerstand und Angst entspringt.  Wer als Dichter aber noch ganz dicht ist, der wird nur dann glänzen, wenn er kopiert. In ihn kommt nur rein, was eh im Innern rumort: Das, was schon da war. Da hilft auch kein Patchwork aus vielen Kopien. Und das gilt für alle Künste, auch für Musik. So genau wie Herr Dilthey vor über 100 Jahren nehmen wir das jetzt nicht, auch die Frage nicht, wer/wann/wie die echten Künstler sind. Sind wir noch ganz dicht?

henry_unterschrift







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