I. Schopi, Superstars und die Joghurts

Wer im Supermarkt einen Joghurt kauft, macht sich dabei kaum Gedanken um den Sinn des Lebens. Wozu auch. Der Einkauf gelingt ohne tiefere Einsichten, und er befriedigt Bedürfnisse, die keine Sinnfrage provozieren, jedenfalls nicht nach dem Leben im Ganzen. Worauf es bei Joghurts heute ankommt, ist die Geschmacksrichtung. Zwei Mal Heidelbeere wie immer und vielleicht einen Becher mit Nuss-Aroma. Oder doch Mango? Musiker sind keine Joghurts. Musiker, das sind doch diese romantischen Typen, und sie sind so sensibel. Man glaubt gemeinhin, das gelte für die gesamte Spezies, jedenfalls für die, die irgendwie echt sind. Musiker, so wähnt man, denken ab und an über den Sinn des Lebens nach. Wenigstens leben sie ihren Sinn intensiv, sind nah dran an den großen Gefühlen – auch die Rocker: George Harrison feierte »My sweet Lord«. Alice Cooper gibt jetzt nebenbei eine Art Religionsunterricht für Rockdinos. Rio Reiser wollte aus dem Zuchthaus fliehen (»Wir müssen hier raus«).

profhenry

Henry denkt nach – In unserer neuen Serie !Henry denkt nach! plaudert Professor Henry über aktuelle und längst vergangene Entwicklungen der Kultur.
Er denkt nach über den musikalischen Alltag, über das sogenannte Business und über Musik im Allgemeinen. In der ersten Folge seiner Kolumne nähert er sich der großen Sinnfrage an, die ihn in den nächsten Ausgaben noch beschäftigen wird.










 

 

 

 

 

 

Musik, die Königin der Künste. Musik befriedigt archaische Gelüste. Musik verbindet die Völker. Musik ist sexy. Wer mit der Frage nach dem Sinn des Lebens nicht weiterkommt, der findet Trost in der Musik. Arthur Schopenhauer, der emsig seine schlechte Laune zu einer riesigen Philosophie ausgebaut hat, hielt Musik für mit das Beste, was einem in diesem Leben noch passieren kann – für die »mächtigste« Kunst. Ein inspirierender Gedanke Schopenhauers, den wir ohne schlechtes Gewissen aus seinem Kontext reißen, ist: Musik stellt nicht wie Dichtung oder Malerei »Stufen der Objektivation des Willens, sondern unmittelbar den Willen selbst dar«. Musik knallt von ganz Innen, ursprünglicher als jedes Gedicht. Stört demnach Text? »Die Musik vermag zwar aus eigenen Mitteln jede Bewegung des Willens, jede Empfindung auszudrücken; aber durch die Zugabe der Worte erhalten wir nun überdies […] die Motive, welche jene veranlassen«, erklärt uns Schopenhauer. Nun ist Schopi seit 1860 beerdigt. Wenn jemand weiß, ob zur Beisetzung Musik vorgetragen wurde: bitte melden. Lange her. Heute hat sich Musik (wie die Joghurts) zum Produkt einer Industrie entwickelt, über deren Interessen sich leichter Schlechtes als Gutes sagen ließe. Was für Gefühle werden präsentiert, wenn der neue deutsche Superstar sein Liedchen trällert? Welcher Wille äußert sich da? Wille zum Geld, zur schnellen Rührseligkeit? Hysterische Teenager hat es immer gegeben. Massenkultur, Massenmedien und die Bild-Zeitung nicht. Hat das alles einen anonymen Willen, dem sich der Wille der Konsumenten und Stars angleicht? Tja. Was soll das heißen?

JoghurtEin paar Sätze, wie mies-kapitalistisch und unästhetisch diese RTL-Produktion sei, gehen den hochwohlgeborenen Kritikern der Bohlen-Show schnell über die Lippen. Aber worüber genau regen sich diese schimpfenden Menschen auf? Etwa heimlich auch darüber, selbst nicht zu profitieren? Neidisch auf Macht und Öffentlichkeit? Oder wollen sie demonstrieren, bessere Menschen zu sein: redlich, kulturell mündig oder allein dem Höheren ergeben? Hunderttausende, die sich für geistreich und geschmackvoll halten, glotzen (natürlich nur, um sich zu amüsieren), wie einige Ich-Bin-Ja-So-Individuell-Menschen der Medien- und Spaßgesellschaft mit fratzenhaft großem Pathos und manchmal auch mit großgemachten Brüsten die Hits vom letzten Partysampler schmettern. Die Brünette fehlt selten, denn Dieter steht drauf, und niemandem ist dieses Geständnis peinlich.

Wer glaubt, dass Produzenten solcher Shows am sogenannten Verfall der Kultur schuld oder maßgeblich beteiligt sind, der irrt. Er irrt wie der blinde Zorn, der die bösen Politiker dafür verantwortlich macht, dass die Ganoven die Welt regieren. Es liegt an uns. Wenn technisierte Massenkultur die Hörgewohnheiten der Konsumenten dressiert, mag man das bedauern. Wenn aber derjenigen Kunst, die dem eigenen Willen ein Bedürfnis ist, Marktchancen schwinden, ist nicht Trübsal, sondern Initiative gefragt. Energie, Wille fließen lassen. Leben und Welt interpretieren, sei es im Proberaum. Und bloß kein Neid. Der ist ein »grünäugichtes Ungeheuer«, steht in Shakespeares Othello. Bleibt einiges zu sagen. Pseudo- Auswahl, in Sachen Kommerzkultur wie Joghurts? Besser Bio-Joghurts? Sollte Musik von Herzen (sei es ein frustriertes, zorniges) kommen? Schopi, der Vegetarier gewesen sein soll, wäre wohl dafür. Aber jetzt einen Joghurtdrink schlürfen. Bio. Oder doch besser ne Pizza um die Ecke?henry_unterschrift









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