Interview mit Samuel Harfst

Straßenmusiker trifft Major Company

Die gamescom, Europas größte Messe für interaktive Spiele und Unterhaltung, fand in Köln vom 20. bis zum 22. August 2010 statt. Neben der internationalen Messe mit mehr als 420 Ausstellern aus aller Welt, boten die Veranstalter ein buntes Rahmenprogramm für Kölner und Besucher. Höhepunkt war das gamescom festival, zu dem auch das sogenannte "City-Festival" in der Kölner Innenstadt gehörte.

Das Festival präsentierte ein Musik- und Unterhaltungsprogramm auf dem Kölner Hohenzollernring, dass sowohl Fans populärer Musik als auch Fans der Computerspiele und des Entertainments faszinierte.

Zu den Top-Acts gehörten dieses Jahr unter anderem die Shout Out Louds, Max Herre, Aura Dione, die Kölner Band Klee und Samuel Harfst.

In Hüttenberg zwischen Wetzlar und Gießen aufgewachsen, ging der heute 24jährige Musiker Samuel Harfst 2005 nach Australien und spielte dort auf der Straße, um sein Studium zu finanzieren. Auch in Deutschland spielte er mit seinem Bruder David und den Cellisten Dirk Menger und Dominik Schweiger und füllt mittlerweile Konzerthallen. Durch seine ungewöhnliche Musik hat die Band jetzt einen Plattenvertrag bei der EMI bekommen. Wie es dazu kam und was zukünftig passiert, darüber sprach der Musiker mit Conny und Hagü von Xound vor dem Konzert des gamescom festival in der Kölner City.

Conny: Samuel, schön Dich heute zu treffen.

Samuel: Ja, super, ich freue mich auch.

C.: Samuel, Du hast als Straßenmusiker angefangen, Deine Musik zu machen. Wie war das, auf die Straße zu gehen und vor Leuten zu singen?

S: Definitiv die größte Herausforderung meines Lebens, was meine Auftritte betrifft. Mit sieben bin ich schon in Darmstadt mit meiner Geige unterwegs gewesen und hab mir meinen ersten Hamster erspielt. Dann habe ich aber eigentlich erst zwölf Jahre später in Australien wieder angefangen. Direkt nach dem Abi. Das Geld ist ausgegangen und Samuel war auf der Straße, und Du weißt nicht, was kommt. Es gibt eben grandiose gute Tage, aber auch schlechtere. Dann fängt es plötzlich an zu regnen, oder Du wirst weggeschickt. Das macht die Straße so spannend, Du weißt nicht, was passiert.

C.: Was war denn spannender für Dich? In Deutschland auf der Straße zu spielen oder in Australien? Dort wolltest Du doch studieren?

S.: Es war von Tag zu Tag unterschiedlich. Generell möchte ich sagen: In Australien ist es etwas einfacher, auf der Straße zu spielen. Dort sind das Ordnungsamt und die Polozei etwas loyaler. In Deutschland hat man natürlich, wofür wir auch bekannt sind, diese Paragraphenreiter. In Australien kommt es lediglich darauf an, dass man niemanden stört. Da ist es entspannter. Was das Musizieren angeht, kann ich nicht genau sagen, was mehr Spaß gemacht hat. In Australien waren wir an vielen Touristenspots, dort war sehr viel internationales Publikum. Hier in deutschen Städten sind mehr einheimische Zuhörer.

C: Durch welche Musik bist Du bzw. Dein Stil beeinflusst worden?

S.: Mein erstes Instrument, was ich erlernt habe, war die Geige. Dann die Zugposaune, und dann habe ich auch noch Klavierunterricht genommen. Den klassischen Einfluss werde ich nicht mehr herausbekommen, aber darüber bin ich auch froh! Unterstützt durch Dirk Menger am Cello und am Klavier, ein grandioser Pianist! Für mich ist es sehr spannend, Klassik mit Popularmusik zu mischen, um dann zu hören, was dabei herauskommt. Darum liebe ich das.

C.: Wo und wann schreibst Du Deine Songs?

S.: Ich schreibe tatsächlich die Songs, wenn ich ein bisschen Ruhe habe. Früher habe ich sogar harten Rock gemacht, auf der E-Gitarre gerockt. Irgendwann wurde mir das aber zu laut. Schließlich habe ich mich dazu entschieden, nur die Musik zu machen, die wir wirklich selber gerne hören. Das ist auch gut so, denn wenn man sieben Stunden auf der Straße steht, sollte man Songs spielen, die einem gefallen, sonst wird man, glaube ich, wahnsinnig.

C.: Siehst Du Dich eher als deutscher oder als englischer Songwriter?

S.: Wir haben es immer genossen, uns nirgendwo einordnen zu müssen. Wie man es oft im Leben machen muss, sich für eine Sache zu entscheiden. In Deutschland habe ich hauptsächlich englischsprachige Songs geschrieben. In Australien war es umgekehrt. Da habe ich mich wieder in die Deutsche Sprache verliebt, da ich sie lange nicht gehört hatte. Im Moment genieße ich den Mix aus beiden Sprachen. Das nächste Album wird komplett Deutsch sein. Jedoch kann es sehr schnell passieren, dass wir hier unsere Zelte wieder abbrechen und zurück nach Australien gehen, um wieder auf der Straße zu spielen.

C.: Hat sich die deutschsprachige Popmusik positiv verändert?

S.: So allgemein kann ich das nicht sagen. Ich höre alle Generationen der Popmusik. Das letzte Album von Udo Lindenberg fand ich super! Aber auch Nachwuchsleute, zu denen wir hoffentlich auch gehören. Es ist aber immer gute Musik gemacht worden. Ich denke da an Herbert Grönemeyer oder Xavier Naidoo. Auch in Zukunft wird es immer wieder geniale Deutsche Popmusik geben.

C.: Deine Songs sind melancholisch, voll Dramaturgie aber auch ermutigend. Glaubst Du permanent an das Gute im Menschen? Oder hast Du schlechte Erfahrungen gemacht?

S.: Ich habe mir natürlich viele Gedanken gemacht, habe ja auch Theologie studiert. Der Mensch hat einen guten Ursprung, das ist meine Lebensphilosophie und meine Erfahrung. Wir leben hier in Deutschland in einem phantastischen Land. Ich glaube, wenn man es hier nicht schafft, glücklich zu leben, schafft man es in keinem anderen Land. Diese Seite genieße ich. Natürlich leben hier auch Menschen, denen es nicht so gut geht. Ich singe über das, was mich bewegt. Und mein Feedback ist: Ich kann Menschen mit meinen Songs helfen. Ich versuche immer, dem Leben die schönen Dinge abzugewinnen.

C.: Welche Geschichten setzt Du in Deinen Songs um? Sind es Deine eigenen?

S.: Die meisten haben etwas mit mir zu tun. Musik ist das Mittel, meine eigene Unordnung zu ordnen. Dann geht es mir wieder gut. Deshalb ist die Musik oft positiv. Aber es gibt auch andere Lieder wie „Alles Gute zum Alltag“ – eine Laudatio an den Alltag, in dem nicht nur alles schön ist.

C.: Wie sieht Eure Bandkonstellation aus?

S.: Wir warten ab, bis wir auf der Bühne stehen. Dann entscheiden die Musiker, auf welchem Instrument Sie den Song spielen. Dirk zum Beispiel greift, je nach Stimmung, zum Klavier oder Cello. Wir versuchen uns mit den Konzerten selbst zu überraschen, denn wir spielen ja bis zu 150 Mal im Jahr. Wenn wir routinemäßig spielten, würden wir uns irgendwann selber langweilen und damit auch das Publikum. Und die Abwechslung unserer Konzerte schätzt unser Publikum.

H.: Das gesamte Musikbusiness hat sich verändert. Du bist über Deinen außergewöhnlichen Weg als Straßenmusiker bei einer Major Company gelandet. Wie kam es dazu?

S.: Mir hat jemand mal gesagt, es war ein „Über-Nacht-Erfolg“. Unser Bandmotto war schon immer: Große Träume, aber trotzdem hellwach sein. Man muss als Musiker bereit sein, seinen Weg zu gehen. Viele Auftritte machen, immer wieder versuchen, alles zu geben, alles auf die Bühne zu bringen. Wir hatten auch eine große Portion Glück, das Privileg, super Leute kennen zu lernen, das macht alles einfacher. Bis dahin kostet es eine Menge Herzblut und viel Arbeit. Aber ich kenne den steinigen Weg. Ich habe meine Privatuni im Ausland mit meiner Straßenmusik finanziert. Und wenn ich daran denke, ist vieles andere relativ einfach. Es gibt heutzutage durch YouTube viele Möglichkeiten, seine Musik zu präsentieren. Ein chinesisches Sprichwort sagt: Wenn der Wind der Veränderung weht, kann man entweder Mauern oder Windmühlen bauen. Im Moment finde ich es wahnsinnig, welche Möglichkeiten sich mir bieten. Ich bin jetzt 24 Jahre alt, konnte mir ein eigenes Studio bauen. Der Einstieg in die Musikszene ist heute leichter geworden. Du kannst Dir eine Digitalkamera kaufen, Dich filmen und ins Netz stellen und so auf Dich aufmerksam machen. Viele unserer Konzertbesucher und Fans sind durch YouTube auf uns aufmerksam geworden.

H.: Du hast von Deinem ersten Album 25.000 Stück verkauft. Das hast Du allein gemacht. Wäre es nicht besser, alleine den Weg weiterzugehen?

S.: Wir sind eine beziehungsbezogene Band. Für uns stehen Personen im Vordergrund. Unser Ziel war nicht, mit einem Major Label zusammenzuarbeiten, sondern unser Ziel war immer: Es muss Sinn machen, es muss Lebensqualität bringen und es muss uns nach vorne bringen. Für uns war es eine Herausforderung, wir haben uns gesagt, wir wollen es einmal probieren. Bis jetzt haben wir es nicht bereut, bis jetzt war es eine schöne Sache. Und eine angenehme Arbeit. Wir haben zuvor ein eigenes Label gegründet und sehr viele Sachen gemacht, was uns in eine super Position gebracht hat, so dass wir zu keiner Zeit abhängig waren. Hier sind jetzt zwei Gruppen, Major Label und wir, die an einer Zusammenarbeit interessiert sind.

H.: Es ist wichtig, sich auf Menschen verlassen zu können. So war es auch früher bei den Plattenfirmen. Heutzutage hat sich das geändert, man weiß kaum noch, ob der Mensch, mit dem man eine Abmachung getroffen hat, überhaupt noch bei der Firma arbeitet. Habt Ihr ein gutes Gefühl?

S.: Wir haben ein super Gefühl. Man muss auch die andere Seite sehen: Wie viele Künstler wechseln Ihr Label, weil ein besserer Plattenvertrag angeboten wurde? Momentan sind viele motivierte Leute an der Zusammenarbeit beteiligt. Ich habe Vertrauen zur EMI.

H.: Ist es wichtig für Euch, dass man Euch einfach machen lässt?

S.: Ja, die Leute von der EMI haben gesagt: „Das, was ihr macht, finden wir super, verbiegt euch nicht.“ Das Album war schon aufgenommen, als der Deal zustande kam. Die EMI will uns jetzt einfach publik machen, organisiert Fotoshootings und andere Dinge. Ich bin noch jung, für mich ist es ein riesiger Workshop, von dem ich lerne. Musik ist ein wichtiger Aspekt, aber mein Lebensglück hängt nicht davon ab. Das macht uns als Band relaxter. Ich hatte es nie darauf angelegt, Profimusiker zu werden. Wir sind positiv reingestolpert und genießen es jetzt.

H.: Vielen Dank für das Interview.

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