Praxis

Dass die neuen MOTU AVB-Interfaces eine Menge zu bieten haben, dürfte bis jetzt deutlich geworden sein. Doch was bedeutet dies für die Praxis?
Wie einfach die Erstinstallation ist, habe ich bereits beschrieben, aber auch das tägliche Hochfahren des Systems verläuft ohne Probleme.
Wenn man das gesamte Setup, nach dem es aus war, wieder hochfährt, so benötigt das System ein paar Minuten und schon konfigurieren sich alle Netzwerkverbindungen wieder automatisch, ohne dass zusätzliche Einstellungen vorgenommen werden müssen. Alles ist wieder so, wie vor dem Ausschalten, was für den alltäglichen Studiobetrieb wirklich beruhigend ist.
Bereits die Interfaces an sich haben ja schon eine Menge zu bieten, mit den AVB-Netzwerk-Features toppt man jedoch alles, was es in dieser Preisklasse verfügbar ist. Eine so enorme Komplexität kennt man bisher nur aus dem Hightech-Broadcast-Bereich, allerdings in völlig anderen Preisregionen und weniger einfach zu konfigurieren.
Die Möglichkeit der Fernbedienung aller Interfaces ist im normalen Studio-Bereich sicherlich auch etwas Besonderes. Bei der Fernbedienung via Software bemerkt man jede Parameter-Veränderung auch an den Bedienelementen der Interface-Hardware und umgekehrt – ohne jede nennenswerte Verzögerung.  
Es gibt sicherlich einige Audio-Interfaces, die über einen internen Mixer verfügen. Oft sind diese aber sehr umständlich oder eingeschränkt zu bedienen. Aufgrund der komfortablen Bedienung via AVB Discovery-Software wird man die Funktionen der internen 48 Kanal-Mischpulte gerne einsetzen. Aber nicht nur in Bezug auf die Bedienung, auch in puncto Sound stehen die internen Mischpulte einem entsprechenden Digital-Mixer in nichts nach.
Die Routing-Matrix der AVB Discovery-Software stellt, mit den Möglichkeiten alle Ein- und Ausgänge, AVB- und Computer-Streams aller im Netzwerk integrierten AVB-Interfaces miteinander verknüpfen zu können, ein hoch komplexes Tool dar. Trotzdem ist es MOTU gelungen, die Bedienung auch für unerfahrene User zugänglich zu machen. Das Handling ist zwar komplex, aber sehr übersichtlich, da man auch alles, was man gerade nicht braucht, aus der Menü-Darstellung entfernen kann.
Bei den möglichen Anwendungsbereichen der AVB-netzwerkfähigen Interfaces liegt der typische große Studio-Komplex natürlich nahe. Aber auch beim gängigen Studio-Betrieb im Profi- oder Projektstudio wird man alle Vorzüge des AVB-Konzeptes genießen können.
Nehmen wir an, das erste AVB-Interface steht im Regieraum und ist via Thunderbolt oder USB mit dem Studio-Hostrechner verbunden. Im Aufnahmeraum lassen sich nun, anstatt einer Stagebox, weitere AVB-Interfaces wie z.B.  die MOTU- Interface Versionen mit eingebautem Mikro-Preamps installieren, die mit dem Haupt-Interface via AVB-Netzwerk verbunden sind. Im Aufnahmeraum schließt man nun die Mikrofone und Instrumente an die AVB-Interfaces an und nimmt sie über die DAW-Software im Hostrechner auf. Gleichzeitig erstellt man in den Interface-eigenen Mixern via AVB Discovery-Software individuelle Monitor-Mixe für die Musiker, die einen Take  im Aufnahmeraum einspielen. Verfügen die Musiker über iPhones oder iPads, so können sie sich mit der kostenlosen AVB-APP auch selbst in das AVB-Netzwerk einwählen und ihren eigenen Monitor-Mix kreieren. Man spart somit nicht nur teure Multicores und entsprechenden Installationsaufwand sondern auch jede Menge Nerven.
Vermisst habe ich lediglich ein vorgefertigtes spezielles Talkback-Feature, doch über die Routing-Matrix sowie über den Mixer kann sich jeder Musiker die gewünschten Talkback-Funktionen selbst kreieren.
Aber es geht noch weiter: Hat man z.B. ein oder mehrere Racks mit Outboard-Equipment, so kann man auch diese via AVB-Interfaces ins Studio-Setup integrieren. Man baut, je nach Aufwand, einfach eines oder mehrere der AVB-Interfaces mit ins Rack ein. Am Besten man verwendet dazu die jüngsten Interfaces das 24Ai , welches symmetrische Analog-Eingänge bietet, oder das 24Ao mit 24 symmetrischen Analog-Eingängen (sowohl mehrkanalige D-Sub-Buchsen als auch Phoenix-Klemmleisten). Falls man digitale Outboardgeräte integrieren möchte, verwendet man die ADAT-/S-Mux-I/Os der genannten Interfaces oder einfach ein anderes MOTU  AVB-Interface mit S/PDIF-Ports.   
Über die Routing-Matrix lassen sich die Outboard-Geräte mit den gewünschten Ein- und Ausgängen der Interfaces oder Streams verbinden – ein komfortables digitales Patchbay.
Auf diese Weise werden das übliche Steckfeld und die entsprechenden Patchkabel überflüssig. Viele User verzichten ohnehin mittlerweile auf die klassischen Steckfelder und Patchkabel, weil diese oft den Klang verschlechtern. Dazu kommt, dass alle Routings und Patches über die AVB Discovery-Software speicherbar sind. Somit lassen sich auch komplexe Setups jederzeit wieder reproduzieren.  

Auch auf einer modernen Bühne machen die MOTU AVB-Interfaces Sinn. Selbst wenn die Performance so manchem digitalen Mischpult in nichts nachsteht, wird man bei der Bedienung rein via Software in der Live-Situation nicht schnell genug sein. Hier würde man ein Mischpult mit echten Knöpfen vorziehen. Doch es gibt noch genügend sinnvolle Anwendungen für die AVB-Interfaces, ob als digitale Stagebox, als System zur Erstellung verschiedener Monitor-Mixe, z.B. für ein größeres In-Ear-Monitor-System oder lediglich zur komfortablen Einbindung von Outboard-Equipment.