Interview mit Auletta

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Make Love Work

Bereits 2009 landete die Mainzer Band Auletta mit ihrem Album „Pöbelei & Poesie“ einen großen Hit. Jetzt haben sie mit „Make Love Work“ noch eins nachgelegt und punkten schon wieder in den Charts.
Aus dem britischen Indy-Sound wurde ein Mix, der alles vereint, was gefällt: Altes, Ehrwürdiges, Modernes – eben poppiger in Sachen Schlagzeug, dennoch rockige Gitarren, Club, HipHop, Gospel, R&B. Soul & Pop meets Preacher Style (übersetzt Predigerstil) und Gospel. Überraschend für den einen oder anderen, doch die Band ist kreativ und hat den Mut, sich weiterzuentwickeln und neue Wege zu gehen. Durch harte Arbeit, Mut zu neuen musikalischen Experimenten und ein bisschen Glück haben es Auletta auch dieses Mal wieder geschafft. Außergewöhnlich waren sie schon zu Beginn ihrer Karriere. Übrigens, der ebenso außergewöhnliche Name stammt aus Italien. Dort haben die Musiker mal in der Stadt Auletta Urlaub gemacht.
Frontmann Alex und Gitarrist Martin sprachen mit Xound über ihr neues Album.

 

cover_5099908332226Xound: 2009 kam das erste Album heraus. Wie lange spielte die Band da schon zusammen?

Martin: Wir kennen uns, bis auf Chris, alle aus der Schulzeit...

Alex: ...ja, wir kennen uns schon ewig und seit 2007 haben wir dann intensiv zusammen gespielt.

Xound: Zu Anfang habt ihr im Proberaum Konzerte gegeben, wie seid ihr denn auf diese außergewöhnliche Idee gekommen?

Alex: Im Grunde lag es an dem tollen Proberaum. Der war kein foto_91321typischer Proberaum, sondern eher eine Proberaumwohnung mit Esszimmer, Küche, Wohnzimmer und separatem Gig-Zimmer. Dort haben wir Musik gemacht, ein paar Freunde und Kumpel waren stets dabei und haben zugehört. Daraus entstand so eine Jam-Session und immer eine kleine Party mit viel Spaß und einigen Drinks. Irgendwann kam die Idee, hier Konzerte zu geben und dazu noch mehr Leute einzuladen. So entwickelte sich das nach und nach.

foto_91323Xound: Wie habt ihr den Absprung in die Clubs geschafft? Heutzutage ist es ja sehr schwierig, an Gigs zu kommen, wenn man überhaupt noch nicht bekannt ist.

Alex: Zu Anfang haben wir alles an Gigs mitgenommen, was es gab, bei ganz vielen Wettbewerben mitgespielt um an Aufträge zu kommen. Damit waren wir recht erfolgreich, was natürlich ganz gut war. Dann kamen gleich die Folgeauftritte. Über Netzwerke und foto_91326Freunde haben wir neue Kontakte geknüpft und geschaut, was halt machbar war. Zum Beispiel haben wir uns auch mit anderen Bands ausgetauscht, um Austauschgigs zu geben. So wurden wir langsam über die Landesgrenze hinaus bekannt.

Xound: Das erste Album habt ihr schon bei der EMI gemacht. Habt ihr euch dort beworben oder wie ist die Plattenfirma auf euch aufmerksam geworden?

foto_91327Alex: Bereits 2007 hatten wir ein Demo produziert. Beim surfen im Netz bin ich auf der ARD-Seite hängengeblieben und habe ein Werbebanner für den Bandpool entdeckt. Das ist ein Förderprojekt der Popakademie Baden Württemberg für Nachwuchsbands. In diesem Pool sind 7 bis 8 Bands, die für eineinhalb Jahre gefördert werden. Da bieten sich eine Menge Chancen, die man unbedingt nutzen muss. Du hast dort die Gelegenheit, mit Produzenten zusammenzuarbeiten und mit vielen interessanten Leuten in foto_91329Kontakt zu kommen. Wenn man in dieses Programm aufgenommen ist, wird man so einigermaßen von der Musikszene in Deutschland erhört. In der Jury saß schon der A&R-Mann, der uns bei der EMI unter Vertrag genommen hat. So ist das gelaufen.

Xound: Ihr habt ja sogar im letzten Jahr beim Bundesvision Song Contest mitgemacht.

foto_91331Martin: Wir sind gefragt worden, schon bei der Produktion des ersten Albums. Der Contest sollte schon im Frühjahr stattfinden, wurde aber verschoben, weil Stefan Raab beim Eurovision Songcontest mitgemischt hat. Kurzerhand wurde alles in den Herbst verlegt, und wir haben zugesagt, denn wir wollten natürlich unser Land vertreten (Auletta hat den 17. Platz belegt; Anm. der Redaktion).

foto_91333Xound: Das erste Album klang vom Sound her sehr britisch. Beim neuen Album ist vieles anders geworden. Ihr habt ein neues Produzententeam und einen Keyboarder. Hat das den Sound verändert?

Alex: Mit dem ersten Album waren wir eineinhalb Jahre auf Tour, haben währenddessen schon neue Songs geschrieben und anschließend von dem Material Demos erstellt. Wir fragten uns: „Ist foto_91335es das, woraus wir ein Album machen wollen?“ Wir stellten fest – es gibt noch viel mehr Ideen. Auf jeden Fall wollten wir größeren Abstand zum ersten Album nehmen. Schließlich kamen wir recht schnell mit den neuen Produzenten in Kontakt und haben bereits im frühen Stadium der Demos eine klangliche Vision entwickelt.
Für dieses Album wollten wir von Anfang an so viel wie möglich im Studio produzieren. Deshalb waren wir für ein Jahr im Bochumer Studio von Markus Schlichtherle und Olaf Opal, und in dieser Zeit ist das Album dort nach und nach entstanden. In der Machart und vom Stil her ist es ein komplett anderes Album geworden. Bei unserer ersten Produktion haben wir die gesamte Songpalette im Proberaum eingespielt, sind dann erst ins Studio gegangen, und haben unsere weiteren Ideen in die Songs eingebracht. Dieses Mal konnten wir das direkt machen. Ich hatte Songideen und die wurden dann erst im Studio zum ersten Mal umgesetzt. Dabei ist halt ein anderer Sound entstanden.

Xound: Nach der Phase der Neufindung wolltet ihr euch - laut offiziellem PR-Text - auf das Wesentliche konzentrieren. Das klingt sehr puristisch. Doch ist der neue Sound nicht alles andere als puristisch?

Alex: Das kann man so und so sehen, bzw. hören. Ich bin ja nicht mehr als Gitarrist in der Band aktiv, da ich mich nur auf meinen Gesang konzentriere. Deshalb fällt jetzt soundtechnisch eine Gitarre weg. Sonst war es so, dass der Sound bei uns schon durch die beiden Gitarren sehr festgelegt war. Das fiel jetzt weg, und deshalb haben wir unsere Songs nach und nach aufgebaut – zuerst spielten wir nur das Schlagzeug ein, dann kam ein Harmonieinstrument dazu, wie Gitarre oder Orgel, und so haben wir nach und nach an den Songs gebastelt. Das meinten wir mit „puristisch“. Wir haben nur das Nötigste an Instrumenten eingesetzt, wobei schon viele verspielte Kleinigkeiten in den Songs vorkommen. Für uns als Rockband ist diese Art zu produzieren ein total neuer und anderer Ansatz gewesen.

Xound: Bei der neuen Platte habe ich das Gefühl, es ist vieles programmiert worden, zumindest klingen z.B. die Drums sehr elektronisch.

Alex: Nein, das ist alles live eingespielt.

Martin: Das liegt daran, dass wir ein normales, akustisches Schlagzeug z.T. mit elektronischen Drums gedoppelt haben, damit wir einen richtig fetten Sound bekommen.

Alex: Um einen noch perfekteren Klang hinzukriegen, haben wir das Schlagzeug über den Gitarrenverstärker noch mal re-amped, sodass noch mal ein anderer, spezieller Sound entstand. Wir haben einfach sehr viel experimentiert, immer wieder die verschiedenen Gitarrenamps umgeworfen und dann wieder neu draufgelegt, damit dieser opulente Sound zustande kommt. Das waren sehr handfeste Experimente.

Martin: Vielleicht liegt das auch daran, dass wir nicht mehr alle zusammen im Aufnahmeraum standen. Beim ersten Album war das noch so, wir spielten in einer kompletten Bandbesatzung unsere Lieder live ein. Beim neuen Album haben alle Musiker ihre Parts einzeln, nach und nach eingebracht, aber es war nach wie vor „Handwerk“.

Xound: Wie entstehen denn eure Songs? Ich weiß, dass von dir, Alex, die Song-Ideen kommen.

Alex: Ja klar, von mir kommen die Grundideen zu einem neuen Lied. Habe ich so eine neue Idee, muss ich mich sofort mit Martin zusammensetzen und ihm erklären, was in meinem Kopf vorgeht. Wir basteln und tüfteln dann gemeinsam weiter und erstellen anschließend ein Demo, was meistens schon ausreichend ist,  um den anderen Jungs alles zu demonstrieren. Im Studio wird dann an den Rohentwürfen gemeinsam weitergebastelt. Jeder vom Team bringt seinen Style dort mit ein. Letztendlich aber kommen die Ursprünge für einen neuen Song von mir.

Xound: Wie lange habt ihr am neuen Album gearbeitet?

Martin: Das war eine lange Zeit, rund ein Jahr im Studio plus die Erfahrung zuvor während der Tour. Wenn Du deine Songs etwa 150 Mal live spielst, lernst du die eigenen Lieder von einer ganz anderen, neuen Seite kennen. Dadurch haben wir eine Menge dazugelernt. Da wir während der Tour schon neue Songs geschrieben hatten, war ja schon ein komplettes Album fertig, bis wir festgestellt haben: „Das ist nicht das, was wir machen wollen.“ Deshalb wagten wir den riskanteren Schritt, etwas Neues auszuprobieren.

Xound: Das ist eine lange Zeit, die natürlich auch etwas Gutes mitbringt. Heutzutage sind die Budgets ja eher knapp, sodass die meisten Bands die lange Studiozeit gar nicht mehr auskosten können.

Alex: Unser Produzententeam war mit viel Herzblut dabei. Die haben selbst eine immense Leidenschaft für das Album entwickelt, damit es richtig geil wird. Wir hätten auch noch mehr Zeit bekommen, nur damit am Ende wirklich alle zufrieden sind. Und toll war natürlich, dass die EMI uns die Freiheit gegeben hat, uns hier künstlerisch auszuleben.

Xound: In einem Pressetext der EMI heißt es, ihr wolltet in das Album alles mit einbauen, was gefällt.

Alex: Ich wollte bewusst ganz anders an das neue Album herangehen. Beim ersten Album haben wir alles zusammen erspielt. Jetzt waren es die Gedanken und Ideen von mir, wie ich mir das neue Album soundtechnisch vorstelle. Deshalb gab es für mich eine lange Liste, was musikalisch aufs Album muss. Daher kommen die vielen verschiedenen Stilrichtungen in den einzelnen Songs. Ich glaube, dass es aber trotzdem wie ein Album einer Band klingt, und nicht in Weltmusik und Rock oder verschiedene Stilrichtungen zerfällt.

Xound: Man hört es ja, dass das Album aus einem Guss gemacht und eure Musik ist. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, die zweite Gitarre durch Keyboards zu ersetzen?

Alex: Während ich zu Hause die Songs schreibe, benutze ich auch andere Instrumente als die Gitarre, um die Songidee darzustellen. Zum Beispiel benutze ich zum Songwriting auch Keyboards. Doch ich bin kein Pianist, der seine Ideen auf dem Instrument perfekt umsetzen kann. Und da war klar, dass wir jemanden brauchen, der das richtig beherrscht. So kam Chris zur Band und alles passte fantastisch zusammen. Deshalb also spiele ich live nur noch ganz selten Gitarre. Naja, ich genieße nun die neu gewonnene Freiheit.

Xound: Die Keyboards sind ja schon sehr präsent auf dem neuen Album, gerade die Single „Make Love Work“ ist ja im Vergleich zum alten Sound sehr keyboardlastig. Gehört zu einer solch radikalen Veränderung Mut?

Alex: Diese Situation kennen wahrscheinlich fast alle Bands, wenn es um Veränderungen geht. Entweder zieht man über die Jahre sein Ding durch oder man hat Lust und Anspruch, auch noch andere Sachen zu machen. Ich fühle mich musikalisch so vielschichtig aufgestellt, da kann es sein, dass das nächste Album noch mal anders klingt. Aber ich glaube, durch meine Stimme und unsere Herangehensweise klingt es dann doch alles wieder ähnlich. Das passt schon gut zusammen.

Xound: Ich finde es gut, wenn Bands den Mut haben, sich zu verändern. Oft wird den Bands aber gerade das vorgeworfen, manche Fans sind dann sauer.

Alex: Das kann schon mal passieren, trotzdem haben wir auf jeden Fall den Mut, uns auch künftig zu verändern. Wenn man sich als Person verändert, dann drückt sich das auch in der Musik aus, die man macht. Bis jetzt war das Feedback unserer Fans allerdings so, dass fast alle Leute, die das erste Album mochten, auch das Zweite verstehen. Natürlich klingt es anders, aber bis jetzt ist das Feedback positiv, und das freut uns sehr.

Xound: Das Publikum hat sich ein bisschen verändert. Könnt ihr sagen, in welche Richtung?

Martin: Wir sind ja jetzt erst mit den neuen Songs auf einer sogenannten „Warm-Up“ Tour, die sich kurzfristig ergeben hat. Deshalb denke ich, dass viele Fans uns noch vom ersten Album her kennen und deshalb kommen. Nach und nach kommen nun neue Leute dazu, um welche Altersschichten es dabei geht, weiß ich nicht. Ich hoffe, dass wir da guten Mix haben. Das wäre echt cool, wenn Jung und Alt bei unseren Konzerten zusammenkommen. Ich lass mich überraschen.

Xound: Wenn ihr im Studio produziert, macht ihr euch in dem Moment darüber Gedanken, was sich live umsetzen lässt? Oder geht es euch zunächst darum, das Optimale im Studio herauszuholen?

Alex: Beim neuen Album haben wir zunächst nicht an das Live Spielen gedacht. Im Studio legten wir den Focus darauf, wie wir die Aussage des Songs möglichst gut darstellen. Und genau diese Problematik tauchte dann auf: Bei den ersten zwei bis drei Proben für die Tour haben wir schnell gemerkt, wenn wir diesen Song einfach so normal runter spielen, kommt das nicht so rüber wie auf der Studioversion. Wir mussten für Live bei allen Songs noch mal „drüber gucken“, und dann ging die Arbeit erneut los - Arrangements wurden aufgebrochen, noch mal alles durchcheckt, was man eventuell anders machen kann. Es ist ein schöner Anreiz, wenn du ein Album kennst, und dieses wird live noch mal anders dargestellt. Das macht alles noch mal extrem spannend.
Der Song muss nicht immer 1:1 wiedergegeben werden, sondern muss die gleiche Wirkung haben. Ist er dann anders instrumentiert, ist es auch nicht schlimm, sondern das kann auch eine große positive Wirkung haben.

Xound: Seid ihr auf der Bühne an die Arrangements gebunden, oder habt ihr auch Spielraum, auf das Publikum einzugehen?

Alex: Wir sind schon flexibel. Wenn das Publikum Bock hat, gewisse Passagen zu wiederholen, dann machen wir auch mit. Diese Freiheit nehmen wir uns.

Xound: Mit der Single seid ihr gut durchgestartet. Sogar VIVA spielt den Clip. Was ist das für ein Gefühl - ihr habt einen neuen Sound, und jetzt öffnen sich neue Türen?

Martin: Ja, das ist super! Wir hatten das alles so nicht geplant, dass wir jetzt unseren Sound ändern, und dann passiert das und das. Uns freut es natürlich wahnsinnig und wir merken schon, dass wir auch ein anderes Publikum damit erreichen. Schließlich haben wir uns dem Pop noch mehr geöffnet, und dadurch kommen ganz andere Leute zu den Konzerten und in Kontakt mit unserer Musik. Uns gefällt es, wenn es schon recht universell ist und unsere Musik als gute Musik für sich steht. Wir wollen nicht irgendwelchen Trends hinterher hecheln, und ich finde, es ist uns ganz gut gelungen, dass wir jetzt unsere eigene Schublade aufgemacht haben – soundmäßig und und textlich.

Xound: Ihr seid ja mit Auletta recht zügig erfolgreich geworden. Das ist nicht immer so. Was würdet ihr anderen jungen Musikern mit auf den Weg geben?

Martin: Das Wichtigste ist, sich auf das Live Spielen zu konzentrieren, dass ihr so viele Auftritte und Wettbewerbe mitnehmt, wie möglich. Ihr solltet euch künstlerisch immer nach links und rechts umzuschauen, damit ihr möglichst einen eigenen Stil entwickelt, der die Leute reizt und euch als Künstler interessant macht. Man sollte sich auch trauen, sich irgendwann von den vielen direkten Vorbildern, die junge Bands oft haben, zu lösen und ein paar Schritte auf eigenen musikalischen Beinen zu gehen.
Wichtig ist, alles mit Leidenschaft zu machen - immer dran bleiben und noch mehr wollen.

Xound: Vielen Dank für das Gespräch.


www.auletta.de

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