VOX SDC-55 und VOX Virage II

VirageMulti-Talente vom Kulthersteller

Neben den klassischen Verstärkern, Bodentretern oder dem modernen JamVOX-System finden sich im VOX Programm auch tolle Gitarren im Vintage-Style mit innovativen Features. Hier nun das Modell SDC-55 in Deep Cherry Finish sowie das Teaburst Edel-Modell Virage II im Direktvergleich.

 

 

VOX – für viele Gitarristen ein schon magisches Wort, das die Musikgeschichte der letzten 60 Jahre symbolisiert und sich in die Hall of Fame der Instrumentenhersteller wie Gibson, Fender oder Marshall einreiht. Der legendäre AC30 Verstärker (erstmals bereits 1958 gebaut) gehört auch heute noch zu den bekanntesten und beliebtesten Combo-Amps und hat im Laufe der letzten Jahrzehnte viele Neuauflagen erleben dürfen, ohne im Klang und Charakter allzu stark verändert worden zu sein..

VOX verspricht bei den Gitarren nicht nur ein unvergleichbares Preis-Leistungsverhältnis, sondern eine sehr vernünftige Verarbeitung und selektive Holzauswahl. So wird die 55er-Serie aus massiver Esche und die Virage-Serie aus massivem Mahagoni gefertigt. Ebenso kommt bei beiden ein innovatives Pickup-System zum Einsatz, auf das wir später noch ausführlicher eingehen werden.

Das Hauptaugenmerk möchte ich in diesem Test auf die günstigere Variante SDC-55 richten, deren Anschaffungspreis bei ca. 1.200 Euro liegt und die dennoch viele Details der teureren Virage II aufweist. Die Virage II selbst hat einen Listenpreis von 3.450 Euro und hebt sich alleine schon durch die verwendeten Hölzern und den Lieferumfang klar von der SDC-55 ab.


Optik und erstes unverstärktes Spielgefühl

SDC55_TR_topDie Gitarre kommt in einem schlichten Umkarton mit Firmenlogo daher. Zubehör wie Tasche oder ähnliches sucht man bei der SDC-55 vergebens, beim normalen Kauf soll laut Anbieter eine VOX-Gitarrentasche (Gigbag) dabei sein. Die Virage II wird dagegen in einem edlen schwarzen Formkoffer geliefert wird. Schon hier ist der preisliche Unterschied spürbar. Die SDC-55 sieht im ersten Moment etwas nüchtern aus. Das verwendete Holz wurde gut verarbeitet, und insgesamt wirkt die Gitarre recht hochwertig, aber ohne einen „Wow-Effekt“. Dies sieht bei der Virage II ganz anders aus. Durch ihre Single-Cut-Form errinert sie an eine Les Paul, der Mahagoni-Korpus ist jedoch zum Teil ausgehöhlt und mit einem F-Loch in VOX-typischer „Wellen“-Form versehen. Die SDC-55 ist im Gegenzug durch die Double-Cut-Formgebung eher an eine SG angelehnt, ohne jedoch zu rockig und spitz zu wirken –  eher bescheiden und bodenständig. Beide Gitarren sind aus sehr leichten Hölzern konstruiert worden. Ein langes Spielen ohne größere Rückenschmerzen sollte möglich sein. Beide Gitarren besitzen einen wirklich schön eingearbeiteten und verleimten Hals mit 22 Bünden, der recht schlank und sportlich wirkt. Die Sattelbreite ist mit 43 mm (1,7“) und die Mensur mit 638 mm (25,125“) angegeben - nicht zu vergleichen mit einer 82`er Custom-Gibson, wo die Halsstärke erheblich wuchtiger ausfällt. Abgerundet wird das optische Erscheinungsbild durch die neuartigen CoAxe-Pickups, insgesamt 3 Toggle-Switches, zwei Regler sowie durch die sehr futuristisch wirkende Brücke, welche fast zu schweben scheint.

Aber eins nach dem Anderen.
Einmal die Gitarre aus dem Karton genommen, fällt auch schon bei der günstigeren SDC das geringe Eigengewicht auf, obwohl bei dieser Ausführung massive Esche als Klangholz verwendet wurde. Die Gitarre liegt sofort angenehm und vertraut in der Hand. Die hübschen Perlmutt-Inlays in Form der geschwungenen Welle aus der Virage-Serie verleihen dem Hals eine anmutende Schönheit. Die Mechaniken, welche für die 55er-Serie ebenfalls von der Virage II übernommen wurden, überraschen mit den Flügel-Wirbeln schon beim ersten Stimmen, da diese ungewohnt schmal/dünn sind. Auf der Kopfplatte prangt nur der VOX-Schriftzug, eine weitere Typisierung ist auf der ganzen Gitarre nicht zu finden –  lediglich die Seriennummer und das Produktionsland Korea sind auf der Rückseite der Kopfplatte aufgedruckt. Die Virage II Teaburst wurde in Japan hergestellt.

Der durchaus schlank wirkende Massiv-Esche-Korpus der SDC-55 sowie der Hals wurden mit einem Vintage-Binding versehen, welches sehr sauber eingearbeitet wurde. Die gesamte Hardware ist matt-nickel ausgeführt mit einem leichten Gelbstich – ungewöhnlich, aber durchaus als schön und filigran zu beurteilen. Auf der Rückseite ist die natürliche Maserung des Esche-Korpus zu sehen, die vorbildliche Verarbeitung und Verleimung des Halses gibt einem das Gefühl, als ob diese Gitarre aus einem Block hergestellt worden ist.

Die untypische „Max Connect“-Brücke hat eine eher komisch wirkende Form, da sie fast zu schweben scheint. Mir persönlich gefällt diese Form sehr gut, da auf dem „Plateau“ am Ende der Brücke für abgestoppte Spielweisen die Hand bequem aufgelegt werden kann. Störende Schraubenköpfe oder spitze Ecken vom Saiten-Reiter wie z.B. bei einer Standard-Stratocaster sind nicht zu spüren. Die Saiten werden am Ende der Brücke lediglich eingeführt und hängen bis zur eigentlichen Brücke durch. Die Justierschrauben liegen auch brav unterhalb der Saiten. Dies ermöglicht ein ganz entspanntes, butterweiches Spielen.

Rückseitig ist eine schwarze ovale Service-Klappe in den hochglanz-lackierten Esche-Korpus eingearbeitet, welche bei Bedarf wie gewohnt den Zugang zu der Elektrik ermöglicht. Der Gurt-Pin wurde SG-typisch auf der Rückseite des oberen Cutaways angebracht und ist, wie auch der 2. Gurt-Pin sowie die Klinkenbuchse, sauber und roadtauglich montiert. Billig-Bauteile kommen hier definitiv nicht zum Einsatz, wodurch der Preis von ca. 1.200 Euro durchaus gerechtfertigt ist.

Die SDC-55 sowie die Virage II verfügen über zwei schwergängige Drehpotis, einen großen 3-Wege-Toggle-Switch und zwei kleinere 3-Wege-Toggle-Switches. Der große Regler nahe der Brücke regelt die Gesamtlautstärke des Instruments, der andere sorgt für die Brillanz bzw. Tone. Der große Toggle-Switch schaltet zwischen den Pickups hin und her und bietet in der mittleren Position klar die Signale beider Pickups an. Die kleineren Toggle-Switch schalten hingegen die einzelnen Betriebsarten der Pickups um, sodass man insgesamt 9 (!) verschiedene Tonabnehmer-Einstellungen zur Verfügung hat.

Die Pickups, welche im ersten Moment aufgrund ihrer Plastik-Verkleidung sehr günstig wirken, sind das Herzstück dieser Gitarren. Die zwei Metallstreifen und die schon immer bekannten Metall-„Pickel“ der Single-Coils schauen sauber verarbeitet aus der Kunststoff-Kappe. Eine schickere Metall-Verkleidung hätte meiner Meinung nach der Gitarre optisch besser gestanden. Gut, über Geschmack lässt sich auch hier wieder streiten, und das ist für mich auch das einzige Manko an den Pickups, da in ihnen geradezu ein Ferrari der Klangerzeugung steckt. Diese sog. CoAxe-Pickups sind meines Erachtens die absolute Sensation. Der Designer hat sich hierbei echt viele Gedanken gemacht und bietet dem Instrumentalisten eine Fülle an Sound-Möglichkeiten. Es handelt sich um einen 3-in-1-Pickup, welcher neben dem Single-Coil ebenso einen P-90 und Humbucker beherbergt.

Da meiner Meinung nach die Stimme des Designers hier Bände spricht, habe ich um ein kurzes Statement bei VOX gebeten. Hier das Ergebnis, welches keine Fragen offen lassen dürfte: „Der 3-in-1 Pickup, der die Klangwelten von Single-Coil, P90 und Humbucker im Format eines großen Einspulers zelebriert. Nach der Entwicklung der Three-90 Pickups wollten wir einen Tonabnehmer schaffen, der bei einer ähnlich breiten Soundvielfalt einen noch besseren Single-Coil Sound produziert und durch eine schnellere Ansprache glänzt.
Im Gegensatz zum Three-90 sollten die beiden Spulen nicht nebeneinander liegen sondern eine zentrale Spule das Herzstück des Pickups darstellen, kombiniert mit einer zweiten Spule, die lediglich der Brummunterdrückung dient. Anstelle einer separaten Dummy-Spule, die nicht zum Pickup selbst gehört, entschieden wir uns dazu, diese Spule als einen Teil des Pickups zu integrieren, wenngleich auch isoliert vom Magnetfeld der klangerzeugenden Spule.“

Und Leute, ich schwärme selten von Pickups. Durch die unterschiedliche Konfiguration mittels der Selektion des Pickups entstehen hier echt Klangwelten. Möchte man z.B. einen satten Humbucker-Ton aus dem Treble-Pickup locken, so stellt man vom hinteren Toggle einfach den Schalter nach ganz unten und schon schnaubt die SDC-55 wie ein wilder Stier. Sucht man doch lieber den etwas crunchigeren Sound, dann wählt man halt vom hinteren Pickup die P90-Position – nämlich die Mitte des Ganzen.


Sound & Bespielbarkeit

Insgesamt kann ich der SDC-55 einen sehr offenen, warmen und doch sehr klaren Gesamtsound attestieren, welcher jeden Gitarristen glücklich machen sollte. Das Sustain der Esche ist sehr ansprechend und bietet einen langen gesunden warmen Ton mit einer durchaus bemerkbaren Brillanz. Die Pickups nehmen sehr leicht viele Obertöne auf, fast schon wie bei einer Akustik-Gitarre, so dass man den wahren Klang dieser Gitarre am besten mit einem Röhrenverstärker erfahren sollte. Ein bemerkbares Eigenrauschen konnte ich in keiner Testsituation wahrnehmen. Störenfriede wie z.B. ein digitales Noisegate oder ein DSP-Amp, der den Gitarren-Sound verfremdet, wären schade für dieses Prachtinstrument.

Die Bedienung ist bei mir bereits nach wenigen Tönen in Fleisch und Blut übergegangen. Binnen kürzester Zeit hatte ich nicht nur meinen Wunschsound gefunden, sondern eher das Gefühl, dass ich diese Gitarre schon seit Jahren kennen würde. Vielleicht haben auch schon andere Gitarristen unter Euch so etwas erlebt - man nimmt eine neue Gitarre in die Hand und denkt: Ja, hier fühl ich mich wohl und bin zuhause!

Das sportliche Profil des Halses lässt keine Wünsche offen, die Saitenlage zählt mit zu einer der Besten, die ich je erlebt habe. Flach, gemütlich und nicht zu eng, so dass auch liebevolle Riffs und Soli fast schon von alleine von der Hand fließen. Durch den sehr kompakten Korpus und die geringe Stärke des Bodys schmiegt sich die Gitarre wunderbar an den Oberkörper.

Black_Virage_2_front_path
Der Direktvergleich: SDC-55 vs. VIRAGE II

Optisch liegen die beiden Gitarren gar nicht weit auseinander, da VOX bei der Verarbeitung in beiden Produktionsländern penibel an einem gehobenen Standard festhält. Auch die bei beiden Gitarren verwendeten Pickups und die Hardware machen beide Modellen geradezu identisch. Doch der Teufel liegt im Detail, da die Korpushölzer weitgehend verschieden sind. Bei der Virage II kommt nur edelstes Mahagoni zum Einsatz, die Verarbeitung ist noch einen Schritt besser. Auch der Sattel ist nicht wie bei der SDC-55 aus Kunststoff, sondern aus Knochen gefertigt und verleiht dem Ton noch mehr Brillanz. Die Inlays wirken auch nur im ersten Moment identisch, da die geschwungene Design-Welle bei beiden Modellen vorhanden sind. Doch die Virage II besitzt zweiteilige Inlays aus unterschiedlichem Perlmutt sowie eine noch edlere Perlmutt-Einlage auf der Kopfplatte. Rein optisch macht das so einiges her und dürfte im Bühnenlicht sehr lecker aussehen. Das bei der Virage II verschraubte vierlagige Schlagbrett und das schon anfangs erwähnte F-Loch werten dieses Schmuckstück noch mehr auf.

Das Eigengewicht beider Gitarren ist vom Gefühl her auch sehr ähnlich, die Virage II wirkt trotz des Mahagoni-Korpus dank der Teil-Aushöhlung sogar einen Tick leichter. Auch kann ich bei keinem der beiden Modelle eine Kopflastigkeit bemängeln, da VOX die Gitarren perfekt ausbalanciert hat.


Fazit

Beide Gitarren spiegeln die traditionsbewusste Herstellung und die Liebe zum Detail von VOX wieder. Hier stimmt einfach alles, und nicht nur die Verarbeitung hat mich sehr zufrieden gestimmt. Ein klarer Pluspunkt beider Modelle ist die Wahl der Pickups, welche ihresgleichen suchen. Ein wahres Feuerwerk der Klangwelten, vereint in einer Gitarre, bietet jedem ambitionierten Gitarristen ein Mekka an Soundgestaltung. Was bis jetzt nur der hochpreisigen Virage II vorbehalten war, findet man nun auch in einer deutlich günstigeren Preisklasse, nämlich der 55er-Serie -auch wenn viele jetzt vielleicht denken mögen, dass satte 1.200 Euro für eine Gitarre kein Pappenstiel ist. Doch man sollte bedenken: wie viele Gitarren benötigt ein Gitarrist auf der Bühne oder im Studio, um genau DEN Klang zu erzeugen? Eine Gitarre mit Humbuckern für den Brett-Sound, eine Gitarre mit P90-Pickups und noch eine weitere für die Single-Coil-Fraktion? Noch dazu bieten die VOX-Gitarren eine benutzerfreundliche Bedienbarkeit, die innerhalb kürzester Zeit ins Blut übergeht.

Und sollte einem die 55er Double-Cut nicht zusagen, so gibt es auf www.VOXamps.de noch eine Single-Cut mit gleichen Features. Und das sogar als GoldTop... Na? Neugierig geworden?


Facts SDC-55:

Korpus:
Hals:
Farben:
Hardware:
Mechaniken:
Mensur:
Griffbrett:
Einlagen:
Bünde:
Schaltung:

Regler:
Tonabnehmer:
Herstellungsland:
Listenpreis UVP:
Esche Massiv
eingeleimter Esche-Hals
Deep Cherry Finish
VOX MaxConnect-Brücke, VOX Super Smooth Stimm-Mechaniken
VOX, gekapselt
25,125“
Palisander
Pearl/VOX-Special
22 Medium-Bünde
3-Weg Toggle Switch für Pickup-Auswahl, 2 x 3-Wege-Mini Toggle Switch für Modi-Auswahl des Pickups (HB/P90/SC)
Volume (1x), Tone (1x)
VOX-Designed CoAxe 3-in-1-Pickups
Korea
1.189 EUR inkl. hochwertigem Gigbag
Facts Virage II Single Cut:

Korpus:
Hals:
Farben:
Lackierung:
Sattel:
Hardware:
Mechaniken:
Mensur:
Griffbrett:
Einlagen:
Bünde:
Schaltung:

Regler:
Tonabnehmer:
Herstellungsland:
Listenpreis UVP:
Mahagoni Massiv, konturiert
eingeleimter Mahagoni-Hals
Teaburst
Acryl
Knochen
VOX MaxConnect-Brücke, VOX Super Smooth Stimm-Mechaniken
VOX, gekapselt
25,125“
eingefasstes Palisander
Pearl/VOX-Special Premium Virage
22 Medium-Bünde
3-Weg Toggle Switch für Pickup-Auswahl, 2 x 3-Wege-Mini Toggle Switch für Modi-Auswahl des Pickups (HB/P90/SC)
Volume (1x), Tone (1x)
VOX-Designed CoAxe 3-in-1-Pickups
Japan
3.450 EUR inkl. Deluxe-Koffer


www.VOXamps.de

Kommentare (2)add comment

Michelle Schiller said:

0
...
Sehr geehrter Herr Hölzer,

vielen Dank für Ihre Nachricht und das Interesse an unseren Tests. Wir haben im Jahr 2011 vom deutschen Vertrieb der VOX-Gitarren zwei Modelle zum Test in unserer Redaktion gehabt und ausführlich angespielt. Uns ist bei unseren Testmustern nicht gravierend aufgefallen, dass die Balance der Instrumente unausgewogen gewesen ist. Wir haben in unserem Test auch explizit erwähnt, dass eine Kopflastigkeit nicht vorhanden ist.

Sie erwähnten, dass Sie sich das Instrument erst vor kurzer Zeit gekauft haben. Es könnte daher sein, dass der Hersteller die Fabrikation oder Gewichtungen für diese Serie umgestellt hat, was allerdings nicht entschuldigt, dass die Balance nicht mehr als angenehm erklärt werden kann.

Durch die Länge des Halses und der sehr großen Kopfplatte kann da bereits eine kleine Umstellung bei der Holzwahl gravierende Auswirkungen haben.

Hatten Sie die Möglichkeit, ein anderes Exemplar der Serie anzuspielen? An Ihrer Stelle würde ich die Gitarre in der Tat zurück geben oder ein Austausch-Instrument zum Direkt-Vergleich anfordern. Bitte beachten Sie hierbei das 14-tägige Rückgaberecht.

Michelle Schiller
Oktober 24, 2013

Heribert Hölzer said:

0
...
Guten Morgen,

habe mir, nicht zuletzt wegen dieses Tests, eine SDC 55 gekauft und gestern erhalten.

Es ist die Variante in Goldtop mit Mahagonikorpus und Hals. Ich habe noch nie eine kopflastigere Gitarre am Gurt gehabt, und überlege, die Gitarre wieder zurückzugeben.
MfG Heribert Hölzer
Oktober 24, 2013

Kommentar schreiben
kleiner | groesser

busy