Roland GR-55

GR-55_3-big200Nichts ist unmöglich

Im Jahre 2011 dürfte es kaum noch eine technische Spielerei geben, die allgemein großes Erstaunen hervorruft. Dennoch ist es nach wie vor etwas Besonderes, wenn auf einer Bühne ausschließlich Saiteninstrumente zu sehen sind, jedoch Streicher, Orgeln und Synthie-Sounds den Raum erfüllen, während eine spontane Improvisation mit eben diesen Klängen auch den Laien von der Annahme abbringt, dass die Sounds vom Band kommen.

 

Gitarrensynthesizer sind und waren schon bei Größen wie Pat Metheny, Steve Morse oder Jennifer Batten zu bestaunen - mit dem GR-55 präsentiert Roland die jüngste Generation dieser Technologie im kompakten Pedalformat, kombiniert mit zeitgemäßem Guitar-Modeling und zu einem bezahlbaren Preis. Das wollen wir uns einmal genauer anschauen.

Die Idee, mit einer Gitarre andere Klangerzeuger anzusteuern, ist beinahe so alt wie die elektronische Klangerzeugung selbst. Bereits in den Siebzigern unternahm man Versuche, auf verschiedene Arten Orgeln oder Synthesizer von einer Gitarre aus zu steuern. Mit der Erfindung des MIDI-Protokolls in den Achtzigern war das Erscheinen von MIDI-Controllern in Gitarrenform die logische Konsequenz, doch für die praktische Anwendung waren aufgrund der Struktur und der vielfältigen Artikulationsmöglichkeiten einer Gitarre innerhalb derartiger Konzepte recht enge Grenzen gesetzt, die erst durch die Verwendung hexaphonischer Pickups aufgebrochen wurden. Diese speziellen Tonabnehmer geben das analoge Signal der einzelnen Saiten getrennt an einen Controller aus, wodurch sich gerade die Umwandlung in MIDI und die Steuerung synthetischer Sounds weitaus filigraner gestalten lässt. Derzeit stellt Roland‘s GK-System diesbezüglich gewissermaßen den Industriestandard dar, und ein GK-Pickup-System ist auch Vorraussetzung für die Verwendung des GR-55 Guitar Synthesizers.


GK-3 Pickup

Die nötigen Teile, um die Montage auf unterschiedlichen Gitarren erfolgreich durchzuführen, sind alle beim Pickup dabei. Auch wenn es eine gewisse Genauigkeit im Millimeterbereich erfordert, kann man den Einbau mit etwas handwerklichem Geschick innerhalb einer guten halben Stunde durchaus selbst durchführen.

Durch Klebestreifen bzw. eine Halterung für Tune-O-Matic-Brücken lässt sich das GK-System, bestehend aus Tonabnehmer und Kontrolleinheit, ohne Rückstände wieder entfernen, man kann den Pickup aber auch fest auf der Gitarre verschrauben. Wer sich den Eingriff selbst nicht zutraut, fragt am besten den Gitarrenbauer seines Vertrauens oder schafft sich eine Gitarre an, die das GK-System bereits werksseitig mit an Bord hat (z.B. von Godin, Parker oder Fender). Hat man den Einbau hinter sich, müssen noch einige Einstellungen im GR-55 hinsichtlich Mensur der Gitarre sowie Abstand des GK-3 zu den einzelnen Saitenreitern vorgenommen werden, um ein optimales Tracking zu erzielen. Das Handbuch bietet hierfür ausreichend Unterstützung.

Das GK-3-Signal wird über ein spezielles 13-poliges Kabel an den Gitarren-Synthesizer weitergegeben. Das konventionelle Pickup-Signal der Gitarre wird gleich mitgeschickt, wenn die Ausgangsbuchse der Gitarre mit der Kontroll-Einheit verbunden ist. Auf dem Controller befinden sich zudem noch diverse Schalter und Taster, die zwischen konventionellem und hexaphonischem Signal wählen lassen oder Programmwechsel im Synth erlauben, dazu später mehr.

Für die Verwendung mit einem Bass gibt es die Pickup-Version GK-3B. Im Unterschied zum Vorgänger wird der GR-55 nicht mehr in verschiedenen Versionen angeboten, sondern lässt sich im BASS- oder GUITAR-MODE betreiben.


Äußere Erscheinung

Der GR-55 selbst macht einen äußerst robusten Eindruck, das Fertigungsniveau in Taiwan ist heutzutage als absolut amtlich zu bezeichnen. Wenn man darauf achtet, dass nichts hartes auf das Display fällt, sollte das Gerät auch heftigsten Tour-Einsatz überstehen.

Auf der Oberseite des stabilen Metallgehäuses befindet sich das große Display, daneben ein Lautstärkeregler sowie die Navigationselemente, bestehend aus einem Scroll-Rad und den vier umliegenden Pfeiltasten. Zwischen dem Display und den vier Fußtastern im bekannten Roland-Design befindet sich eine Reihe von zum Teil beleuchteten Knöpfen für V-LINK, die Preset-Blöcke LEAD, RHYTHM, OTHER und USER, den EZ EDIT-Modus, die Navigationsfunktionen PAGE LEFT/RIGHT, EXIT, ENTER, EDIT und WRITE sowie für den AUDIO PLAYER. Auf der rechten Seite schließt das Gerät mit einem Expression-Pedal ab.

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Die Stirnseite beherbergt den Einschaltknopf und die Anschlüsse. Im einzelnen sind dies: GK-IN für das 13-polige Spezialkabel, GUITAR OUT, OUTPUT R und L/MONO, PHONES, MIDI I/O, USB und der Anschluss für das externe Netzteil, dessen Kabelende durch eine Klemmhalterung gesichert werden kann. Ein eingebautes Netzteil wäre in der Praxis sicherlich von Vorteil, hätte aber wahrscheinlich eine Erweiterung der Gehäusedimensionen zur Folge gehabt - hier gibt es für beide Varianten Pros und Contras.

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Auf der linken Seite des Gehäuses befindet sich eine Plastikabdeckung, unter der sich ein USB-Stick anschließen lässt. Der Stick darf ruhig etwas größer ausfallen und bleibt bequem unter der Klappe im Gerät versteckt, auch wenn dieses Bauteil nicht ganz so solide wie der Rest erscheint.

Das 13-Pol-Kabel dürfte einigen Gitarristen/Bassisten zunächst Unbehagen bereiten, das simple Einstecken eines Klinkensteckers gestaltet sich definitiv anders. Jedoch lässt sich der Spezialstecker im Gegensatz zu anderen Steckern mit vielen Polen sehr leicht in die Buchse führen und arretiert ähnlich wie ein XLR-Stecker, so dass versehentlichem Herausreißen effektiv vorgebeugt wird. Bei professionellem Einsatz sollte man jedoch über die Anschaffung eines Ersatzkabels nachdenken - kaum ein Kollege oder Techniker wird bei überraschendem Kabelbruch mit so einem Spezialkabel aushelfen können.


Klangerzeugung

Die Klangerzeugung des GR-55 besteht aus drei Elementen: Zwei PCM-Synthesizer-Module sowie ein COSM-Modeling-Modul können beliebig kombiniert werden. Die COSM-Technologie bietet hierbei nicht nur verschiedene Amps und Effekte, sondern neben weiteren Synth-Sounds auch zahlreiche E- und A-Gitarrentypen mit programmierbaren Pickup-Einstellungen und Tunings, sodass sich beispielsweise per Knopfdruck zwischen einer Westerngitarre mit Open Tuning, einer Les Paul in Drop D und einem Banjo wechseln lässt. Das Beeindruckende am GR-55 ist jedoch, dass man die Westerngitarre mit einem Streichersound, die Les Paul mit einem Leadsynth oder das Banjo mit einem Honkytonk-Klavier sowie einem Scat-Vocalsounds unterlegen kann! Zusätzlich hat man auch noch des konventionelle Tonabnehmersignal der Gitarre zur Verfügung, welches man auf Wunsch über den programmierbaren GUITAR OUT separat auf einen Verstärker routen kann, während man die Synthie-Sounds über den Stereo-Ausgang direkt an die P.A. adressiert.


Sounds

Die insgesamt 910 Klänge der zwei PCM-Module erstrecken sich von diversen E- und A-Pianos, Orgeln, Akkordeon und Vibraphon über Streicher, Blasinstrumente, Vocal-Sounds und zahlreiche Synthie-Klänge bis hin zu Drumsounds und Spezialeffekten. Auch Gitarren- und Bass-Sounds sind in PCM-Versionen verfügbar, so dass es möglich ist, die COSM-Modelle mit anderen Gitarrensounds zu mischen. Neben zahlreichen Filtern, die sich mit sieben verschiedenen Velocity-Kurven regulieren lassen, gibt es für jeden PCM-Sound Parameter wie PORTAMENTO, PITCH SHIFT und PITCH FINE, eine LEGATO-Funktion sowie einstellbare Velocity-Sensibilität (Anschlagdynamik). Besonders interessant sind einige Funktionen, die speziell auf die Verwendung der Gitarre zugeschnitten sind, z.B. CHROMATIC (Bendings werden ignoriert und der Sound nur in Halbtonschritten verändert; macht z.B. bei einem Klaviersound Sinn) NUANCE (hier kann separat für einzelne Parameter eingestellt werden, wie die Spielweise sie beeinflusst, sodass mit dem Plektrum andere Sounds erklingen können als mit den Fingern) oder STRING LEVEL (durch die einzelne Ausgabe der Saitensignale kann die Lautstärke eines Sounds für jede Saite separat eingestellt werden; dies kann man auch dafür nutzen, um auf die tiefen Saiten beispielsweise einen Kontrabass zu legen, während die hohen Saiten einen E-Piano-Sound wiedergeben).

In der Modeling-Abteilung bietet sich dem Benutzer eine ähnliche Vielfalt:
Gitarren werden zu Bässen und umgekehrt, bei Bedarf hat man eine Zwölfsaitige, oder man stimmt sich virtuell einfach das gewünschte Spezialtuning zurecht. In den Kategorien E.GTR, E.BASS, AC und SYNTH reicht die Auswahl von E-Gitarren- und Bass-Klassikern über Akustikgitarren mit Stahl oder Nylonsaiten, Resonatorgitarren, Sitar und Banjo bis hin zu weiteren Synth-, Orgel- und Bläsersounds, die hier der COSM-Klangerzeugung entspringen und ebenso umfangreich editierbar sind wie die PCM-Kollegen.

Hinzu kommen zahlreiche Amp- und Effektmodelle, die jedoch nicht nur den COSM-Sounds vorbehalten sind - die vier Soundquellen PCM TONE 1, PCM TONE 2, MODELING TONE und NORMAL PICKUP lassen sich flexibel auf die Ampsimulation mit Gitarreneffekten, ein Multieffekt-Modul oder direkt auf die Master-Sektion routen, die neben einem EQ auch noch CHORUS, DELAY und REVERB zu bieten hat. Da kann es ein paar Jahre dauern, bis man alle Möglichkeiten durchprobiert hat.

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Editing

Für die Bearbeitung der Sounds gibt es drei verschiedene Möglichkeiten:

Kleine Anpassungen der Presets lassen sich komfortabel über EZ EDIT vornehmen. Drückt man den entsprechenden Knopf, zeigt das Display eine schachbrettartige Grafik an, innerhalb derer man mit den Pfeiltasten zwischen den vier Parametern WET, DRY, MILD und BRIGHT navigieren kann. Die ersten beiden beziehen sich auf den Raumeffekt des Presets (Reverb, Delay), die letzten beiden sind eine Art EQ, der zwischen einem weichen, unaufdringlichen und einem hellen, schnittigen Klang variieren lässt.

Alles, was darüber hinausgeht, wird im EDIT-Modus erledigt. Mit den Pfeiltasten, den PAGE-Knöpfen sowie ENTER und EXIT bewegt man sich hier durch weit verschachtelte Menüs und nimmt die Einstellungen mit dem Scroll-Rad vor. Bei dem weitreichenden Funktionsumfang von zwei separaten Synthesizern über ein komplexes Modeling-System bis hin zu zahlreichen Systemeinstellungen (angefangen bei der genauen Kalibrierung des GK-Pickups bis zu den USB- und MIDI-Settings etc.), fällt es auch dem relativ großen Display schwer, einen kompletten Überblick zu verschaffen. Selbst wenn man sich an die Navigation mit acht Tasten gewöhnt hat, wird man den ein oder anderen Parameter schon mal etwas länger suchen müssen, oder man zieht das umfangreiche Handbuch zu Rate, das vom Schnelleinstieg bis zur kompletten Auflistung aller Parameter und Soundpresets keine Frage offen lässt.

Die dritte Möglichkeit zur Bearbeitung von Sounds bietet eine kleine Software. Von Roland selbst gibt es neben den Treibern für Mac oder PC (zu den Verwendungsmöglichkeiten mit dem Rechner später mehr) nur eine Patch-Library-Software, die ausschließlich das Verwalten von Soundprogrammen erlaubt.
Eine gut gemachte Editor-Software findet man jedoch unter www.sourceforge.net/projects/grfloorboard - hier hat jemand ein Programm geschrieben, das eine grafische Benutzeroberfläche für den GR-55 bietet und das Editieren von Sounds wesentlich einfacher gestaltet. Das Programm ist kostenlos, aber allemal eine kleine Spende wert!


Praxis

Drei Soundblöcke (RHYTHM, LEAD und OTHER) mal 30 Bänke (BASS MODE: 10 Bänke) mal drei Soundpresets ergibt nach Adam Riese 270 verschiedene Sounds (BASS MODE: 90 Sounds), die ausprobiert bzw. weiter editiert werden wollen. Ein zusätzlicher USER-Block bietet 297 Speicherplätze für eigene Klangkreationen. Um durch die Soundbänke zu navigieren, betätigt man zwei der Fußtaster gleichzeitig oder benutzt bequem die hierfür vorgesehenen Schalter am GK-Controller auf der Gitarre. Die drei Presets pro Bank lassen sich nun direkt mit den entsprechenden Fußtastern anwählen Die vier übergeordneten Soundblöcke (RHYTHM, LEAD, OTHER und USER) wählt man mit den Schaltern auf dem Bodengerät an - hat man die Bänke eines Blocks mit den Schaltern am Controller durchgesteppt, wechselt das Gerät jedoch automatisch in den nächsten Block, sodass man sich nicht zwangsläufig Bücken muss. Bei häufigem Springen zwischen verschiedenen Sounds empfiehlt sich unter Umständen die Anschaffung einer MIDI-Fußleiste mit einer größeren Anzahl von Tastern.

Beim Durchprobieren der Werkspresets durchlebt man ein Wechselbad der Gefühle: Ist man in einem Moment noch überwältigt von der Klanggewalt einer phantastischen Streicherfläche - ein Sound, den man nicht jeden Tag seiner Gitarre entlockt - runzelt man im nächsten Moment die Stirn über teilweise etwas überladene Soundpresets, deren praktischer Nutzen sich nur mit sehr viel Phantasie erahnen lässt (so ist das eben mit Werksounds...). In ähnlicher Weise folgt der Anwahl eines exzellenten Pianosounds eine leichte Frustration über Einschnitte in der Spielweise - man muss sich schon sehr diszipliniert auf die Sounds und die Funktionsweise des Pickup-Systems einstellen. Weder eine unachtsam klingen gelassene Leersaite noch ein leicht unsauberer Anschlag bei schnelleren Läufen wird einem hier verziehen. Gerade bei der Verwendung von Soloinstrumenten sollte man sich je nach Programmierung den ein oder anderen fest angewöhnten Lick verkneifen und sich feinfühlig auf den Sounds einstellen. Ist man sich dessen bewusst, ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten, um etwa eine Bluesharp zu simulieren oder mit einer Klarinette aufzuwarten. Ein Großteil der Presets verwendet Kombinationen von PCM-Sounds mit COSM-Gitarrensounds, die zu abgefahrenen Ergebnissen führen, wie etwa Leadgitarre plus Leadsynth oder Akustikgitarre mit per Expressionpedal stufenlos zumischbarem Synthpad. Das Expressionpedal lässt sich übrigens auch als Wahwah oder Volumepedal verwenden, der vierte Fußtaster ruft bei Bedarf Soundvariationen ab - dem kreativen Ausdruck sind somit durch umfassende Programmiermöglichkeiten kaum Grenzen gesetzt.

Alles in allem ist die Soundqualität, insbesondere der PCM-Sounds, über jeden Zweifel erhaben.
Die COSM-Simulationen weisen hier und da eine gewisse Unnatürlichkeit auf, die bei schrägen Solosounds oder cleanen Effekt-Pickings weniger ins Gewicht fällt als bei klassisch anmutenden Crunch-Rhythm-Sounds. Wer aber sein Setup um einen Gitarrensynthesizer erweitert, ist sicherlich nicht auf der Suche nach einem urigen Vintagesound, und einer gleichzeitigen Verwendung mit einem richtigen Amp steht ja auch nichts im Weg.

Das Nadelöhr im System ist wohl das Tracking. Auch wenn sich diesbezüglich die Technik entscheidend weiterentwickelt hat, sind hier doch klare Grenzen gesetzt. Selbst bei penibler Justierung des Pickups und Kalibrierung des Systems sollte klar sein, dass der Anwender im Stande sein muss, seine Spielweise kontrolliert anzupassen, und dennoch hin und wieder ein nicht beabsichtigtes Tönchen versehentlich vom Pickup erkannt wird. Mit der Grundlatenz lässt sich prima umgehen, und je nach Sound stößt man erst ab einer gewissen Spielgeschwindigkeit an den Rand des Machbaren. Hat man sich erst einmal eingewöhnt, macht es unsagbaren Spass, mit dem GR-55 Klänge zu erzeugen, die so manchen Keyboarder mit den Ohren schlackern lassen.


Weitere Features

Der GR-55 bietet mit seiner USB-Schnittstelle neben der Verwendung von Editor- bzw. Patch-Library-Software die Möglichkeit, direkt als Audiointerface verwendet zu werden. In der Host-Software angewählt, werden die Software-Outputs regelbar auf die Ausgangsbuchsen des Gerätes geroutet, und die internen Sounds können direkt im Sequenzer aufgenommen werden. Mit einem Laptop und dem GR-55 hat man somit eine komplette Produktionsumgebung für unterwegs zur Hand. Auch die Übermittlung von MIDI-Daten via USB ist möglich, so dass man ohne weiteres Zubehör Software-Instrumente mit der Gitarre spielen kann, was auch auf der Bühne unerschöpfliche Möglichkeiten bietet (warum sollte nur der Keyboarder Softwaresynths und -sampler vom Laptop abfeuern können?) - hier fallen die Grenzen des Trackings allerdings weitaus mehr ins Gewicht, da Softwareinstrumente in der Regel nicht über die gitarrenspezifischen Edit-Parameter des GR-55 verfügen.

Auch die herkömmliche MIDI-Schnittstelle bietet ein Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten: Neben Programmwechseln via MIDI-Controller und der Verwendung externer MIDI-Soundmodule hat Roland hier seine V-LINK Technologie integriert, ein System zur Steuerung von Videomaterial mittels kompatibler Geräte wie dem P-10 Visual Sampler. So wird man als Gitarrist nicht nur zum Alleinunterhalter, sondern auch noch gleichzeitig zum VJ.

Eine derartige Performance lässt sich weiterhin prima mit dem eingebauten Audioplayer unterfüttern. Vom angeschlossenen USB-Stick im Seitenfach können per Fußtaster Files im WAV- oder AIFF-Format abgespielt werden, sodass auch die Verwendung von Backing- oder Jamtracks nachhaltig möglich ist. Eine Unterstützung des doch recht verbreiteten MP3-Formats wäre bei allen Qualitätsansprüchen wünschenswert, wobei der Audioplayer jedoch als kostenlose Dreingabe betrachtet werden kann und nicht zu kritisch beäugt werden sollte.

Ebenso die eingebaute Looperfunktion. Nach Aktivierung durch Drücken und Halten zweier Fußtaster lassen sich bis zu 20 Sekunden Performance aufnehmen, als Loop abspielen und beliebig oft overdubben - ein weiteres nettes Extra.

Zuletzt verfügt der GR-55 noch über einen eingebauten Tuner (ebenfalls über gleichzeitige Betätigung zweier Fußtaster anwählbar), der nicht zuletzt aufgrund des großzügigen Display sehr präzise und praxistauglich funktioniert.


Fazit

Beim GR-55 handelt es sich um einen flexiblen Gitarrensynthesizer in wirklich erstklassiger Klangqualität, gepaart mit einem Modelingsystem mit umfangreichen Gitarren-, Amp- und Effektsimulationen. Zahlreiche Zusatzfeatures für den Gebrauch im Heimstudio wie auch auf der Bühne runden das Paket gekonnt ab, sodass sich vom Gitarrenalleinunterhalter mit Videoshow über die klangliche Ergänzung im Rocktrio bis zur MIDI-Produktion ganz ohne Tasten fast unbegrenzt Anwendungsbereiche erschließen.

Tracking hin oder her - es macht einfach unheimlich Spaß, mit der Gitarre einen hervorragend klingenden Wurlitzersound zu spielen, einer zwöfsaitigen Gitarre per Schwellerpedal Streicher beizumischen oder ein Deep Purple Unisono-Riff gleichzeitig mit Orgel und Gitarre abzuledern, und durch die vielseitigen Einbindungsmöglichkeiten lässt sich der GR-55 gleichsam im Stand-Alone-Betrieb wie im Verbund mit einem Gitarrenamp verwenden. Lediglich die Bedienung mit nur vier Fußtastern (insbesondere der Balanceakt des gleichzeitigen Betätigens) legt bei ausgiebiger Verwendung auf der Bühne die Anschaffung eines MIDI-Controllers nahe.

Die Frage, ob man als Gitarrist wirklich einen Gitarrensynthesizer braucht, muss wohl jeder für sich beantworten. Bekannte Performances von Jennifer Batten in Jeff Beck‘s Begleitband oder von Steve Morse auf seinen Soloalben können hier unter Umständen genau so aufschlussreich sein wie die teilweise wirklich beeindruckenden Produktvideos im Internet - ein persönliches Antesten im Musikgeschäft sei allemal jedem Gitarristen wärmstens empfohlen!


UVPs*:
GR-55GK (inkl. GK-3 Tonabnehmer): 835 Euro
GR-55 (ohne Tonabnehmer): 715 Euro
GK-3 oder GK-3B: 165 Euro


Facts:
-    910 editierbare PCM-Sounds
-    COSM Modeling aus dem VG-99 (Gitarre/Bass/Synth/Effekte/Amps) inkl. virtuellem Tuning
-    Normales Tonabnehmer-Signal kann in die Modelingkette eingespeist werden
-    Zwei PCM-Sounds und ein Modelingsound kombinierbar
-    51 Effekt- und 42 Amptypen
-    297 Speicherplätze für eigene Sounds
-    Abspielmöglichkeit für Audiofiles vom USB-Stick
-    Control-Fußtaster und Expressionpedal frei belegbar
-    20-Sekunden-Looper mit endlosen Overdubs
-    Verwendung als USB-Audio/MIDI-Interface möglich; zusätzlich konventionelle MIDI-Anschlüsse
-    AD/DA-Wandlung: 44,1 kHz, 24 bit
-    Maße (B x H x T): 405 mm x 106 mm x 244 mm
-    Gewicht: 3,3 Kg (ohne Netzteil)

www.rolandmusik.de



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Kommentare (2)add comment

HG.Voss said:

0
...
Schade dass man keinen Octaver programmieren kann sonst Top Gerät !
November 12, 2016

Richard Bade said:

0
...
leider lässt sich der GR-55 nicht mit den per MIDI aufgezeichneten Noten ansteuern, da die Klangerzeugung des GR-55 laut der Bedienungsanleitung via USB oder MIDI nicht möglich ist.
Dadurch kann man die fehlgeleiteten Noten bei Aufnahmen auch nicht korrigieren. Das finde ist sehr schade. Der MIDI IN ist also nur für Controller etc..
November 25, 2014

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busy

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