Vergleichstest: Verzerrerpedale

Teil 2 – Distortion

Nachdem in der letzten Xound-Ausgabe eine Reihe von Overdrive-Pedalen vorgestellt wurde, die das Verhalten angezerrter Röhrenamps nachstellen oder eben solchen als Booster den nötigen Schub entlocken sollen, widmen wir uns dieses mal zehn Effektpedalen unter dem Überbegriff „Distortion“. Diese gehen in Sachen Zerrleistung etwas heftiger zur Sache und halten sich in einem Klangspektrum von voll aufgerissenen Non-Mastervolume-Amps über Sounds moderner Higain-Vertärker mit mehreren Zerrstufen bis hin zu brutalen, transistorartigen Heavy-Metal-Verzerrungen auf.
Wie schon beim letzten Test soll hier kein eindeutiger Sieger gekürt werden, da es sich zumeist um Vergleiche von Äpfeln mit Birnen handelt. Vielmehr ist ein Überblick über eine Auswahl aktuell erhältlicher Geräte das Ziel, welcher deren Eigenheiten, Unterschiede und Anwendungsmöglichkeiten herausstellen soll.

 

BOSS - DS-1

Die kleine orangene Kiste ist einer der Veteranen unter den Testteilnehmern und wird bereits seit 1978 gebaut. Ein hartes Clipping des Gitarrensignals, das sich entscheidend aggressiver als ein weicher Overdrive-Effekt auswirkt, war die Zielsetzung bei der Entwicklung, und mit den drei typischen Reglern TONE, LEVEL und DIST wird der Effekt eingestellt.

Im Vergleich zu modernen Distortion-Pedalen sind die Zerr-Reserven trotz ihres kantigen Charakters etwas begrenzt, was wohl zum einen damit zusammenhängt, dass die heutigen Highgain-Sounds 1978 weder bekannt waren noch angestrebt wurden, zum anderen ließ sich damals kaum ein Amp in höherer Lautstärke betreiben, ohne dem Gesamtsound eigene Verzerrung hinzuzufügen. So verwundert es auch nicht, dass der DS-2 vor einem völlig cleanen Amp einen eher harschen Charakter aufweist, bei zunehmender Eigenzerrung des Verstärkers hingegen wunderbar mit dieser verschmilzt und ein angenehm dichtes Zerrbrett liefert.

Die Klangregelung ist etwas mit Vorsicht zu genießen, im oberen Regelbereich kann es mitunter etwas kratzig werden - ein gut angeheiztes Marshallstack sollte dem aber entgegen wirken.

Moderne sustainreiche, sahnige Leadsound sind weniger das Metier dieses Pedals als ein klassisches Hardrock-Rhythmusbrett, dafür spricht nichts dagegen, den DS-1 mit einem zusätzlichen Booster zum singen zu bringen. Eben ein Klassiker, den schon Steve Vai, Joe Satriani oder Mike Stern zu schätzen wussten, und das zum Schnäppchenpreis.

UVP*: 65 EUR
www.rolandmusik.de

 

BOSS - DS-2

Den sich ändernden Anforderungen an die Zerrkapazitäten von Distortionpedalen wurde BOSS
mit dem Nachfolger DS-2 gerecht, der schon bei Nirvana, den Red Hot Chili Peppers oder bei Green Day zum Einsatz kam und dem neben den drei Reglern des Vorgängers ein zusätzlicher „Turbo“-Schalter verpasst wurde. In Stellung I entspricht das Zerrvermögen in etwa dem DS-1, wobei die Klangregelung insgesamt etwas weicher arbeitet, Stellung II sorgt für den Turbo-Boost. Über einen Remote-Anschluß lassen sich die beiden Gain-Modi sogar mit einem Fußschalter wechseln.
Durch den höheren Zerrgrad im Turbo-Betrieb sollte man mit der Eigenzerrung des verwendeten Amps etwas vorsichtiger sein als beim DS-1, da der Sound sonst schnell matschig werden kann, ein völlig cleaner Amp liefert jedoch einen ähnlich harschen Sound wie der DS-1, so dass es sich anbietet, einen angecrunchten Röhrenamp mit dem DS-2 und einem Fußschalter in eine Dreikanal-Anlage zu verwandeln - klassische Distortion plus Extra-Drive in einer Kiste.

UVP*: 85 EUR
www.rolandmusik.de

 

BOSS - MT-2

Wer den DS-2 nicht böse genug findet und dazu neigt, in vornehmlich schwarzen Klamotten den Kopf auf und ab zu wirbeln, findet im BOSS-Sortiment mit dem MT-2 das passende Pedal.
In Sachen Zerrung beginnt diese schwarze Kiste dort, wo die Kollegen aufhören, und lässt kaum  Interpretationsspielraum über die Bedeutung der Buchstaben in der Produktbezeichnung.
Das Pedal hat durchweg einen brutalen Charakter, fast endlose Gainreserven und zwischen den üblichen Reglern für Lautstärke und Distortion eine Klangregelung, die ihresgleichen sucht: Mit den zweistöckigen Potis lassen sich zum einen Bässe und Höhen separat anheben oder absenken, zum anderen die Mitten semiparametrisch regeln, d.h. die Mittenfrequenz, die angehoben oder abgesenkt werden soll, ist zudem frei wählbar.
Von tief eingeschnittenen Scoop-Sounds bis hin zu bissigen Extremen lässt sich so alles abrufen, was das moderne Metallerherz begehrt und durch den Regler für die Mittenfrequenz optimieren.
Die weitreichenden EQ-Möglichkeiten setzen zwar etwas Kenntnis der Materie voraus, sind jedoch ein adäquater Weg, die unbändige Zerrkraft des MT-2 in den Griff zu bekommen. Den Amp lässt man besser clean.
Wer auf einen dynamischen, röhrenähnlichen Distortionsound steht, sollte sich lieber woanders umsehen, wer schroffe, aggressive Zerrdröhnung für Speed-Metal bis Hardcore-Punk zu schätzen weiß, kommt an diesem Gerät nicht vorbei.
Alle drei BOSS-Pedale stecken übrigens im gewohnt solide verarbeiteten Gehäuse, lassen sich wahlweise mit 9V-Netzteil oder Batterie speisen und bieten als einzige Probanden ein von oben und ohne Werkzeug zugängliches Batteriefach - dickes Plus bei fester Verschraubung auf dem Board.

UVP*:  109 EUR
www.rolandmusik.de

 

MAD PROFESSOR - MIGHTY RED DISTORTION

Die finnische Boutique-Schmiede schickt das mächtig rote Distortionpedal ins Rennen, das angesichts seines ebenso mächtigen Preises eine etwas andere Erwartungshaltung hervorruft als die bisherigen Probanden. Auf dem hübsch lackierten Gussgehäuse sitzen die üblichen drei Potis, wobei die Klangregelung PRESENCE genannt wird. Da man hier offensichtlich nicht in extravagante Features oder Gehäuse-Architektur investiert, ist umso interessanter, ob sich das Pedal auch klanglich in einer anderen Liga aufhält - und bei aller Skepsis ist das irgendwie der Fall.
War einem bei den BOSS-Zerren durchweg gegenwärtig, dass man es mit einem vorgeschalteten Pedal zu tun hat, liefert der Mighty Red Distortion eher den Eindruck, man habe es mit einem saftigen Röhrenamp zu tun. Zerrverhalten und Obertöne wirken weitaus lebendiger, als man es von einem Pedal erwartet, und das Zerrspektrum reicht von mittleren Gefilden à la JCM 800 bis in den Highgain-Bereich jüngerer Amps, stets mit einer eher britischen Note. Im unteren Regelweg des DISTORT.-Reglers lassen sich konturierte, dynamische Rhythmus-Sounds einstellen, in der oberen Hälfte geht die Zerrung angenehm in die Kompression, und sahnige Leadsounds treten hervor.
Mit zunehmender Eigenverzerrung des Verstärkers verdickt sich der Sound dann, was einem beim Solospiel zusätzliches Sustain beschert, bei der Rhythmusarbeit aber, wie bei den meisten Distortion-Pedalen, auch gerne zu Matsch führen kann - hier ist wie immer Fingerspitzengefühl bei der Einstellung der Komponenten gefragt.
Die Namenswahl des Klangreglers ist durchaus berechtigt, wirkt sich dieser doch eher auf den Höhenbereich aus, ohne bei Linksanschlag auch die oberen Mitten herauszufiltern. Die Eingriffe sind somit etwas subtiler als bei anderen Geräten, aber trotzdem effizient.
Für den Batteriewechsel muss die Gehäuseunterseite abgeschraubt werden, das Gerät verfügt aber auch über einen 9V-Netzanschluss und zudem über einen True-Bypass, d.h. die Schaltung wird im ausgeschalteten Zustand auch bei fehlender Spannungsversorgung komplett aus dem Signalweg genommen.
Der Preis hat sich für ein schnörkelloses Distortionpedal zwar gewaschen, die Klangqualität ist aber angemessen überzeugend.

UVP*: 279 EUR
www.mpamp.com

 

T-REX - TONEBUG DISTORTION

Während die meisten Produkte der dänischen Effektmanufaktur durch eher ausgefuchste Features auf sich aufmerksam machen, setzt T-Rex mit der TONEBUG Serie auf eine kompakte und im alltäglichen Einsatz leicht zu bedienende Reihe von Effektpedalen, die bei überschaubaren Verkaufpreisen schnell zu guten Resultaten führen.
So kommt auch das Distortion-Pedal dieser Reihe mit den drei Basis-Reglern für GAIN, TONE und LEVEL aus, ist dem Namen entsprechend in einem eigenen abgerundeten Gehäusedesign untergebracht und macht einen rundum praktikablen und robusten Eindruck.
Der Sound ist überraschend lebendig und fast röhrenähnlich, reicht zwar nicht ganz an das (mehr als doppelt so teure) Mad Professor Pedal heran, erzeugt aber beim Rhythmusspiel ein ampähnlicheres Spielgefühl als die BOSS-Geräte. Die Zerrkapazitäten sind mehr als ausreichend, um mit einem cleanen Amp, ein dickes, klassisches Brett zu erzeugen und sollten vor einem angezerrten Verstärker sehr sorgfältig dosiert werden.
Der Klangcharakter ist eher höhenbetont crisp, sorgt bei der Rhythmusarbeit für sauberes Attackverhalten und lässt Leadsound mitunter etwas spitz klingen, was man durch eine effektive Klangregelung aber in den Griff bekommen kann. Das Pedal ist somit grundsätzlich recht flexibel, wenn man sich zwischen Solo- oder Rhythmus-Einstellung entscheiden kann.
Hat man das Gerät nicht fest verschraubt, lässt sich die Batterie mittels eines Deckels auf der Unterseite leicht und schnell wechseln, ein Netzanschluss ist auch vorhanden.
Hier liegt auf jeden Fall ein sehr ausgewogenes Preis-Leistungs-Verhältnis vor.

UVP*: 118 EUR
www.t-rex-effects.com

 

T-REX - MUDHONEY II

Bei diesem Pedal greifen die Dänen schon etwas tiefer in die Trickkiste.
Es handelt sich zwar um das teuerste Gerät in diesem Test, aber im Grunde auch um gleich zwei identisch aufgebaute Verzerrer im Doppelpack.
Die Regelmöglichkeiten bestehen jeweils aus LEVEL, GAIN, TONE (ein ungewöhnliches Minipoti, das gleichzeitig als Statusleuchte dient) sowie einem Kippschalter, der die Modi NORMAL und BOOST zur Auswahl stellt.
Ist ein Kanal aktiv, aktiviert der Fußschalter auf der gegenüberliegenden Seite direkt den jeweils anderen Kanal, ohne dass man wie gewohnt den ersten Zerrer erst ausschalten muss.
Eine gleichzeitige Verwendung beider Kanäle ist durch diese Schaltung zwar ausgeschlossen, jedoch kommt man aufgrund des unglaublich breiten  Klangspektrums der einzelnen Kanäle erst gar nicht auf die Idee, sie zusammen verwenden zu wollen.
Im NORMAL-Modus gleicht der Effekt eher einem dynamischen Overdrive mit reichlich Reserven, der BOOST-Modus setzt das Ganze dann bis in satt komprimierende Highgain-Gefilde fort.
Der Charakter ist im gesamten Zerrspektrum sehr angenehm und natürlich, und die Klangregelung arbeitet äußerst effektiv, wobei sie tendenziell eher imstande ist, einem dumpfen Verstärker Höhen zu verleihen als bei einem hell klingenden Amp das Gegenteil zu bewirken.
Abgesehen von der rundum überzeugenden Klangqualität bietet T-Rex mit dem Mudhoney II ein Rundum-Sorglos-Paket für die meisten denkbaren Anwendungen an: Mit nur einem Pedal hat man die Möglichkeit, sich einen crunchigen Rhytmussound sowie einen saftigen Leadkanal einzustellen, ebenso kann mit zwei verschiedenen Highgain-Einstellungen einen Gig härterer Gangart bestreiten, ohne bei all dem auf den geliebten Einkanal-Vintage-Röhrenamp verzichten zu müssen.
Durch die weitreichenden Klangoptionen passt das Pedal gleichermaßen vor cleane wie angezerrte Amps und ist somit ein ultra-flexibles, amtliches Tool.
Stromversorgung und Batteriewechsel gestalten sich wie beim Tonebug Distortion.

UVP*: 316 EUR
www.t-rex-effects.com

 

PROCO - THE RAT 2

Hier kommt der zweite Veteran: Die PROCO RAT wurde wie der BOSS DS-1 schon 1978 entwickelt und hat ihren Klassikerstatus bis heute behaupten können (Jeff Beck, Nirvana, Aerosmith, R.E.M., Police, Sum 41, Coldplay, John Scofield u.v.a). PROCOs Neuauflage RAT 2 unterscheidet sich vom Ursprungsmodell im Wesentlichen nur durch modernere Fertigungsmethoden und eine hinzugefügte Status-LED, eine durchaus sinnvolle Ergänzung.
Auch bei der RAT suchte man nach einer deftigeren Alternative zu sahnigen Overdrives und quäkenden Fuzz-Sounds, und das Resultat besticht nach wie vor durch einen zwar schroffen, aber sehr obertonreichen Distortionsound, der sich durch seinen eigenständigen Charakter von den meisten Pedalen absetzt.
Wieder gibt‘s drei Regler (DISTORTION, FILTER und VOLUME), wobei die Klangregelung entgegengesetzt zur üblichen Regelwirkung funktioniert: Die Höhenanteile werden hier im Uhrzeigersinn herausgefiltert.
Der DISTORTION-Regler setzt direkt mit einer satten Zerrwirkung ein, die im unteren Bereich noch artikulierte Rhythmusarbeit zulässt, ab der Mitte aber stark in die Kompression fährt und im höheren Bereich nur noch reines Melodiespiel erlaubt. Hier geht es definitiv nicht darum, einen Amp zu simulieren oder die Eigenheiten der verwendeten Gitarre herauszuarbeiten, eher liefert die RAT ihren typischen, klassischen Distortion-Pedal-Sound, der sustainreiche Lead-Passagen kontrolliert in harmonische Feedbacks kippen lassen kann oder Rockriffs markant in Szene setzt.
Durch das satte Kompressionsverhalten passt das Pedal besser vor einen cleanen oder nur leicht angezerrten Verstärker, zuviel Ampzerrung führt leicht zu Matsch.
Und wenn man es schafft, den richtigen Punkt in den ersten Millimetern des DISTORTION-Regelwegs abzupassen, lässt sich mit der Ratte als Booster ein knallharter, attackreicher Crunchsound erzeugen. Aber eigentlich geht‘s hier um nicht mehr oder weniger als den bekannten klassischen RAT-Distortionsound.
Die RAT 2 verfügt über True-Bypass, ein verschraubbares Batteriefach auf der Unterseite und einen Netzeingang, der in alter Tradition als Miniklinkenbuchse ausgelegt ist.

UVP*: 98 EUR
www.ratdistortion.com

 

PROCO - SOLO

 

Wenn sich ein Produkt seit mehr als 30 Jahren in unveränderter Form gleichbleibender Beliebtheit erfreut, ist es zwar nicht notwendig, aber durchaus verständlich, dass mitunter auch neue innovative Alternativen zum Dauerbrenner das gleiche Werk verlassen.
So ist das SOLO-Pedal zwar um Ecken mit der RAT verwandt, basiert jedoch auf einem völlig anderen Schaltungskonzept, das mit unsymmetrischen Clippings in drei schaltbaren Stufen und einer aufwendigeren Klangregelung ein flexibleres Distortionpedal mit einem leichten Schwerpunkt auf strahlende Lead-Sounds darstellt.
Die Regler heißen DISTORTION, SCOOP, TONE und VOLUME, und ein versenkter Schiebeschalter bietet die Optionen HOT, MELT und BURN, wobei er verschiedene Diodenpaare mit der Zerrung betraut, die sich in Zerrgrad und Lautstärke unterscheiden.
Neben dem gewohnten TONE-Regler verfügt die Klangregelung mittels des SCOOP-Potis über die Möglichkeit zur Mittenabsenkung, was Freunden härterer Sounds entgegen kommen dürfte. Bei Rechtsanschlag bleiben die Mitten voll erhalten, und gegen den Uhrzeigersinn schlägt man unmittelbar eine Schneise in den Mittenbereich. TONE und SCOOP arbeiten relativ extrem, was zwar die Anpassung an verschiedenste Amps ermöglicht, den sinnvollen Regelbereich vor einem einzelnen Verstärker jedoch recht schmal ausfallen lässt.
Die Zerrung selbst hat ausreichend Reserven für moderne Highgain-Sounds und geht ähnlich wie bei der RAT schon im unteren Regelbereich schnell zur Sache, führt nach oben hin jedoch deutlich weiter - das Spektrum reicht von mittlerer Verzerrung bis in den komprimierten, sustainreichen Highgainbereich. Die drei Diodenstufen wirken sich zwar auch auf die Klangcharakteristik aus, in erster Linie sind jedoch Pegelunterschiede wahrzunehmen, so dass bei der HOT-Stellung der VOLUME-Regler schon ordentlich aufgerissen werden muss, um den Lautstärkeunterschied zum Bypass aufzuholen.
Das SOLO-Pedal lässt sich aufgrund der flexiblen Klangregeklung gut an verschiedene Umgebungen anpassen, verträgt sich mit angezerrten Amps wesentlich besser als die RAT, lässt jedoch unter Umständen deren ausgeprägten Charakter etwas vermissen.
Batteriefach, Klinken-Netzbuchse und True-Bypass-Funktion sind jedoch gleich.

UVP*: 279 EUR
www.procosound.com

 

Z.VEX - BOX OF ROCK Vexter

Beinahe eine eigene Kategorie in dieser Testreihe nimmt die kleine bunte Box of Rock ein.
Die Auffassung von „Distortion“ ist in diesem Fall eine, die klassischer nicht sein könnte:
Ein voll aufgerissener Marshall JTM45 war das angestrebte Ideal, welches demnach eher Richtung AC/DC als Richtung Metallica zielt.
Die Firma Z.VEX sitzt in Minnesota und hat sich weltweit einen Namen mit erstklassig klingenden, handbemalten Boutique-Pedalen gemacht. Diese werden nun auch als handbeklebte Vexter-Serie in Taiwan gefertigt, was denjenigen, die auf den Genuss verzichten können, handbemalte Kunstwerke mit den Füßen zu treten, nicht wenige Euros erspart.
Wer schon mal einen aufgerissenen Marshall ohne Mastervolume spielen durfte, ist verblüfft, wie nah die Box of Rock diesem Spielgefühl kommt - Sound, Dynamik und sogar die Interaktion mit dem Volume-Poti der Gitarre sind wirklich berauschend, vorausgesetzt, man hält ein paar Regeln ein: Den Amp möglichst clean lassen, am besten ein Marshall-Fabrikat verwenden (wobei auch andere Amps zu durchaus ähnlich überzeugenden Resultaten führen) und vor allem nicht mehr erwarten als einen satten AC/DC-Brettsound. Der 32stel-Staccato-Headbang-Fraktion dürften die Zerr-Reserven des Pedals nur ein müdes Lächeln abringen, aber hier geht es eben um Harley-Feeling und nicht 220 Sachen auf der Überholspur.
Richtig eingesetzt führt die Box of Rock zur Verwunderung darüber, dass einem nicht der Wind eines Fullstacks um die Ohren weht, obwohl es genauso klingt. Satter Bass, schillernde Obertöne und als Dreingabe ein schaltbarer Boost, der bist zu 50% Pegel draufhaut, zaubern jedem, der einen Sound ohne Highgain-Kompression beherrschen kann, ein Grinsen ins Gesicht.
Die Regler heißen BOOST, VOL, TONE und DRIVE, nichts neues also - die Tatsache, dass man aufgerissene Marshalls jetzt in kleine Kisten verpacken kann, schon.
One Trick Pony - aber absolute Oberklasse!

UVP*: 279 EUR
www.zvex.com

 

Z.VEX - DISTORTRON

Noch ein Kandidat aus dem Hause Z.VEX - basierend auf der Box of Rock wurde beim Distortron-Pedal der Funktionsumfang ein wenig verschoben: Der Boost wurde eingespart, dafür gibt es zwei Options-Schalter und mehr Gain. Neben VOLUME, TONE und DRIVE lässt sich der Bassbereich in drei Stufen variieren und das Zerrverhalten zwischen LO- und HI-Gain umschalten.
Im LO-Modus entspricht der Sound der Box of Rock, kippt man den Schalter auf HI, wird eine ordentliche Extraportion Gain draufgelegt, die einer moderneren Auffassung von „Distortion“ gerecht wird, auch wenn es immer noch „very british“ zugeht, d.h. eher JCM als Rectifier.
Der recht ausgeprägte Bass der Box of Rock lässt sich mit dem zweiten Schalter bändigen und in drei Schritten dosieren, so dass man sich noch flexibler auf die musikalische Umgebung einstellen kann - was einem Solo das nötige Fundament verleiht, kann beim Rhythmus-Spiel gerne mal zu sehr wabern. Hat man hier eine Ausgangsposition gefunden, lässt sich im Zusammenspiel von TONE und GAIN schnell ein optimales Ergebnis finden. Wer also auf den Boost verzichten kann (oder eh einen guten Booster sein Eigen nennt), findet im Distortron eine wesentlich günstigere Alternative zur Box of Rock mit demselben britischen Alles-auf-10-Sound, flexibleren Klangoptionen und höheren Gain-Reserven.
Beide Z.VEX Pedale erlauben Netz- oder Batteriespeisung - für den Batteriewechsel muss geschraubt werden, aber so ist das nunmal bei den meisten Boutique-Pedalen.


UVP*: 199 EUR
www.zvex.com


Fazit

Die Frage nach dem besten Distortion-Pedal ruft schnell eine Reihe von Gegenfragen hervor:
Sucht man eher einen klassischen Sound oder ein modernes Metalbrett, eine weitere einzelne Klangfarbe auf dem Pedalboard oder ein flexibles Arbeitsgerät mit einer Menge Features? Spielt man immer einen bestimmten Verstärker oder hantiert man schon mal mit verschiedenen Amps? Ist der verwendete Verstärker eher clean eingestellt oder bevorzugt man eine crunchige Grundeinstellung?

Und selbst wenn dieser Fragenkatalog abgearbeitet ist, entscheidet am Ende immer noch der persönliche Geschmack.

Grundsätzlich kann man sagen, dass es zum einen leicht einzustellende, günstige Geräte gibt, die ohne allzu große Investitionen das Soundarsenal um eine Allround-Distortion erweitern (z.B. BOSS DS-2 oder T-REX TONEBUG DISTORTION), andere verfügen hingegen über ein breiteres Spektrum klanglicher Möglichkeiten, die unter Umständen ein feinfühligeres Justieren erfordern, teilweise aber auch im Einsatz einfach und schnell umgeschaltet werden können (PROCO SOLO bzw. T-REX MUDHONEY II), weitere verfügen nur über die notwendigsten Regelmöglichkeiten, liefern dabei aber altbewährte, charaktervolle Sounds (BOSS DS-1 oder PROCO RAT 2), passen sich den Erfordernissen eines speziellen Genres an (BOSS MT-2) oder bestechen neben mehr oder weniger Extra-Features durch eine kompromisslose Linie, die auch ihren Preis hat (MAD PROFESSOR MIGHTY RED DISTORTION, ZVEX BOX OF ROCK oder DISTORTRON).

Vielleicht hilft dieser Überblick ja dem ein oder anderen Distortion-Interessenten, seine persönlichen Vorlieben im Vorfeld etwas zu sondieren, um dann beim Selbstversuch im Gitarrenladen gezielt den persönlichen Favoriten zu ermitteln. In der nächsten Ausgabe geht es weiter mit Fuzz-Pedalen.

Vielen Dank an Musikhaus Thomann für die freundliche Unterstützung.



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