Ibanez AFS75T

Mehr als nur Jazz

Ibanez hat es sich jüngster Zeit mit der ARTCORE-Serie zur Aufgabe gemacht, auch nicht so gut betuchten Musikern wirklich preiswerte, aber qualitativ absolut hochwertige Instrumente zu ermöglichen, die nicht eine einfache Kopie von Vintage-Gitarren sind, sondern neben den traditionellen Elementen ebenfalls modernste Bauteile und Produktionsprozesse beinhalten und dadurch ein sicheres Spielgefühl vermitteln. So entstanden in der Artcore-Serie wunderschöne klassische E-Gitarren, die kunstvoll von den Designern von Ibanez in Szene gesetzt wurden und den Musiker in eine vergangene Zeit zurückversetzen können.

Heute möchte ich Euch die Artcore AFS75T vorstellen, eine Halbresonanz-Gitarre in klassischem Design mit Vintage-Tremolo und 2 Humbuckern.


Optik und erstes unverstärktes Spielgefühl

Als ich das erste Mal die Artcore AFS75T aus dem Transport-Karton genommen habe, musste ich zum Leidtragen meiner Frau gestehen, dass ich mich spontan neu verliebt hatte – in die AFS75T! Das „WOW“-Erlebnis (nicht World-of-Warcraft!!) war absolut umwerfend, so dass meine Augen wirklich etwas geglitzert haben!

Die Gitarre kommt mit einem wirklich schönen und gepolsterten Gigbag daher, einen mit Ibanez-Logo versehenen Nylon-Gurt hat der Hersteller auch noch spendiert. Optisch erinnert dieses schöne Instrument auf den ersten Blick sehr an eine Gibson ES mit schickem Tremolo-System oder an eine Gretsch, doch bei genauem Hinsehen verwischt dieser Eindruck sehr schnell.

Diese Lady sieht nicht nur graziös aus, sie vermittelt mir eine Ära der Musikgeschichte in edelstem Design und beinhaltet trotzdem modernste Gitarren-Technik. Sie kommt mit einem wunderschönen recht wuchtigen Hals, einem Rundum-Binding und sehr filigranen und optisch ansprechenden Inlays daher. Der transparente rote Lack lässt sehr schön auf das Body-Material Ahorn blicken. Der Hals erinnert an ein Les Paul-Profil und ist rückseitig ebenfalls rot lackiert. Das sehr groß wirkende und mit einem Vintage-IBANEZ-Logo versehene Tremolo verpasst diesem Schmuckstück einen verspielten klassischen Touch, welcher zusätzlich durch die sehr schön ausgearbeiteten F-Löcher (ebenfalls mit Binding) unterstrichen wird.

Insgesamt wirkt diese Gitarre mit einem kurzen Blick auf den aktuellen Listenpreis (UVP) von gerade einmal 538,00 € (inkl. Gigbag) deutlich hochwertiger und teurer, da neben dem schon erwähnten cremefarbenen Binding auch sehr formschöne Mechaniken und Hardware in klassischem Chrom-Edelstahl verwendet wurden.

Die großen schwarz-transparenten Regler-Knöpfe und der 3-Weg-Toggle-Switch sind sehr knapp unterhalb des Tremolos platziert. Ob dieser Platz ausreichend ist, wird sich im späteren Praxistest herausstellen. Insgesamt sind alle Bedienelemente und Bauteile wie gewohnt von der Produktionsstätte in China sauber verarbeitet worden und durch und durch sehr hochwertig.

Das schwarze Schlagbrett ist, wie bei einer Hollowbody-Gitarre üblich, schwebend montiert und schützt formschön den Lack vor ungewollten Abnutzungserscheinungen. Das Vintage-Tremolo erinnert stark an das klassische Bigsby-Tremolo, allerdings hat sich Ibanez zu Gunsten der Stimmsicherheit für eine moderne Rollen-Bridge auf einem „schwebenden“ Mahagoni-Steg entschieden. Das wuchtige Tremolo ist zudem aus massivem Metall gefertigt und ein absoluter Hingucker!

Die Kopfplatte hat eine sehr klassische Form und das Hersteller-Logo von Ibanez wurde ebenfalls als Perlmutt-Inlay gefertigt. Lediglich das „Artcore-Logo“ ist ein aufgedrucktes Element. Die gekapselten Mechaniken sind aus Eigenfertigung und machen einen soliden und roadtauglichen Eindruck. Die Verdeckung der Halsschraube erfolgt durch die bereits von anderen IBANEZ-Gitarren bekannte, moderne und neuartige „Serviceklappe“, welche mit einfachen Griffen und einem kleinen Kreuzschlitz-Schraubenzieher problemlos zur Seite geschoben und so geöffnet werden kann. Ein Verlieren der Kappe ist so nicht mehr möglich.

Der Body hat eine gewölbte Decke und Rückseite und ist wie für diese Bauweise üblich komplett ausgehöhlt, durch die F-Löcher ist ein Blick ins Innere der Gitarre ansatzweise möglich. Der gesamte Korpus hat mit einer Gesamtstärke von ca. 4,5 cm schon eher den Charakter einer Semi-Hollow-Guitar und wirkt wie eine flache „Flunder“. Im Vergleich zu der Gretsch aus der vorletzten Ausgabe XOUND fünf|10 ist sie erheblich schlanker und wirkt filigraner. Komisch ist nur, dass bei meiner Rechtshänder-Gitarre das Hersteller-Siegel im Inneren auf dem Kopf steht.

Die beiden Humbucker sind auf die Decke aufgeschraubt und nicht in den Korpus eingelassen, dafür mit einem schönen, neutralen schwarzen Rahmen versehen. Spielerisch ist die Artcore bei den schlanken Hollowbodies mit hoher Saitenposition anzusiedeln. Im ersten Moment werden gerade „Flachspieler“ einer Strat oder Tele ein wenig Eingewöhnungszeit benötigen.

Der unverstärkte und trockene Ton klingt erstaunlich laut und doch schon sehr warm, was auf den voluminösen Korpus zurückzuführen ist. Der Gesamtsound wirkt sehr brillant und nicht allzu basslastig oder gar stumpf. Das Vintage-Tremolo gibt trotz des Rollen-Steges die Schwingungen der Saiten sehr gut an den Klangkörper weiter, so dass wir uns jetzt schon auf den „Plugged“-Zustand freuen dürfen.


Technik und Schaltungsprinzip

Die AFS75T besitzt die klassische 1-1/2-2-Schaltung, die durch den Toggle-Switch eingestellt werden kann. Hinzu kommen die typischen, von der Les Paul bekannten 2x Volume- und 2x Tone-Potis. Einen Master-Regler hat Ibanez der AFS75T nicht spendiert. Der Rollen-Steg arbeitet äußerst präzise, so dass die Stimmung trotz regelmäßigem Gebrauch des Tremolos konstant bleibt. Sicherlich ist diese Gitarre insgesamt nicht so konzipiert, wie man es von Gitarren mit LowPro-Edge Floyd Rose-Tremolo her gewohnt ist, bei denen man ohne größere Verstimmung die Saiten komplett entlasten kann, doch sind einige nette und weich gehende Vibrato-Effekte realisierbar.


Sound & Bespielbarkeit

Nun aber endlich das Klinkenkabel angeschlossen, Verstärker aufgedreht und ab dafür… Doch sehr schnell werde ich durch ein lautes „Aufheulen“ gebremst. Der offene Korpus lädt bei High-Gain-Einstellung regelrecht zu Feedback und Pfeifen ein. Dies ist nicht auf die Gitarre an sich zurückzuführen, sondern durch die Bauweise bedingt, da der Klangkörper hier sehr schnell als Feedback-Generator fungiert. Die gleichen Symptome hat man, wenn man eine Akustik-Gitarre mit PreAmp an einen E-Gitarrenverstärker mit Crunch- oder High-Gain-Einstellung anschließt. Die Resonanzen des Korpus bringen die Gitarre in Eigenschwingung und schon wird’s laut aus dem Amp. Bei der AFS75T sollte man beim Anspielen unbedingt die Gainstufe runter drosseln und entspannt die Regler langsam hochschrauben.
Fangen wir am besten mit einem Clean-Sound an einem Röhrenverstärker an. Sofort wird mir bewusst, dass die Pickups einen sehr warmen, satten und „vollmundigen“ Ton erzeugen. Der Hals-Pickup sorgt für schwimmende und nicht allzu brillante Sounds, welche sich hervorragend für den Backround einer Ballade eignen und nicht allzu sehr herausstechen sollen. Gekoppelt mit dem Steg-Pickup kommen feine, perlige Klänge zu Tage, die schon als sehr charakterstark bezeichnet werden können. Durch die Verschiebung der Anteile der jeweiligen Pickups mit Hilfe der separaten Volume-Regelung entlocke ich der AFS75T sehr unterschiedliche und weitreichende Sounds, die stilistisch nicht abgrenzbar sind. Selbst ein feiner offener Ton, wie man ihn von einer Tele her kennt, ist mit etwas Feingefühl realisierbar und lädt zum „Funken“ ein. Der Treble-Pickup bietet einen durchsetzungsfähigen Ton, der genügend Höhen und Mitten liefert, um im Rhythmus-Bereich eines Songs ein passendes Bett zu liefern.

Höchst spannend ist der Einsatz im Crunch- und sensibel eingestellten Gain-Modus. Auch hier bietet der Hals-Pickup eine durchsetzungsfähige Wärme für butterweiche Soli oder feine Blues- und Jazz-Licks. In der mittleren Position des Toggle-Switch entlocke ich der Ibanez einen breiten und doch höhenreichen Sound, der gerade im Crunch mit vollen Akkorden superschöne Flächen bietet.

Aber so richtig Dampf machen kann die AFS75T auch! Was ich mit dem Steg-Pickup im Crunch- und dosierten Gain-Bereich anstellen kann, hat mich doch schon sehr positiv überrascht. So ist sogar das typische „Bratzen“ einer vollmundigen Les Paul mit etwas mehr Bass zu verwirklichen. Wichtig ist hier wirklich die Dosierung des Gain-Anteils, aber wenn man sich einmal drauf eingeschossen hat, macht die Gitarre auch in diesem Modus sehr viel Freude. Während der gesamten Testphase dieses Instrumentes mussten leider alle meine anderen Gitarren auf der Wartebank verweilen, da für mich diese formschöne Gitarre nicht nur optisch ein echtes Schmankerl ist, sondern gerade bei Proben oder im Studio-Einsatz in mir schon wahre Improvisationswellen ausgelöst hat.

Das einzige, was mich etwas gewurmt hat, ist die Tatsache, dass für mein Empfinden der Switch deplatziert ist. Hier hätte zumindest bei dem Tremolo-Modell der AFS-Serie die Position überdacht werden können, da der „Jammerhaken“ des Vintage-Tremolos mitunter den Switch versperrt. Man muss quasi um die Ecke durch das Tremolo greifen, um die Pickups auszuwählen. So ist trotz der Les Paul-Schaltung die manuelle on-off-Spielerei mit den Pickups (Stottersounds) nicht umsetzbar, da – wenn man den Toggle in der Hand hat - der Haken des Tremolos für ein sauberes Anspielen der Saiten schlichtweg im Weg ist.

Hier haben sich die Designer und Entwickler von Ibanez doch zu sehr an erfolgreiche Modelle der Konkurrenz gehalten. Eine Position wie bei einer Les Paul im oberen Body-Bereich hätte meines Erachtens das Instrument absolut perfekt gemacht. Sollte man sich für ein Modell dieser
Serie ohne Tremolo entscheiden oder ein
„Dauerumschalten“ nicht zum Spiel-Style gehört, fällt dies nicht mehr ins Gewicht.
Fazit

Rein objektiv betrachtet hat Ibanez hier technisch wie auch in der Verarbeitung wieder alles richtig gemacht. Der Klang ist sehr charakterstark und lädt zum The-Edge-Jammen, Greenday-Crunchen, Nickelback-Rocken oder auch Smooth-Jazzen ein. Selbst Punk-Riffs haben mir auf der AFS sehr viel Freude bereitet und auch anderen Bandkollegen ist diese Gitarre sehr positiv aufgefallen.

Insgesamt hat Ibanez hier für den wirklich
schmalen Geldbeutel eine - wie ich finde - Traumgitarre geschaffen, die im Wert viel höher anzusiedeln ist, als das Instrument in der Anschaffung kostet. Jeder, der schon einmal von einer Hollowbody-Gitarre geträumt hat, sich aber bis jetzt nur im Lager der Gretschs und Gibsons umgesehen hat, sollte sich die AFS75T einmal näher ansehen und zumindest zum Vergleich im Musikgeschäft trauen – Ihr werdet überrascht sein. Die Artcore AFS75T macht Spaß, hat einen unglaublich schönen und flexiblen Ton, sieht absolut edel aus und kommt sogar gleich mit einem passenden Gigbag und Gurt.

*UVP: 538 EUR  inkl. hochwertigem Gigbag (gepolstert)


www.ibanez.de
www.ibanez.com


Technische Daten:

-    Korpus:    Ahorn     
-    Hals: eingeleimter Mahagoni-Hals     
-    Farben: Transparent Red
-    Hardware: Silver     
-    Mechaniken: Ibanez, gekapselt     
-    Mensur: 24,75“    
-    Griffbrett: Palisander     
-    Einlagen: Pearl/Abalone AFS Special     
-    Bünde: 22 Medium-Bünde     
-    Steg: Palisander Based ART-2 Roller mit VBF70 Vibrato     
-    Schaltung: 3-Weg Toggle Switch
-    Regler: Volume (2x), Tone (2x)
-    Tonabnehmer: ACH1 & ACH2 Humbucker-Pickups
-    Herstellungsland: China



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