Test: Fractal Audio Axe-Fx II Mk 2

Peter Weihe zum Fractal Audio Axe-Fx II

Gitarren-Amp-Emulationsgeräte haben alle ihre Stärken und Schwächen. Die meisten haben in meinen Ohren klanglich häufig Schwächen, die sich nicht immer alle beim ersten Hinhören zeigen, sondern erst dann, wenn man probiert, welche Art Sounds sich im Produktionszusammenhang durchsetzten und gut mischen lassen.

Heute beim Test des Fractal Audio Axe-Fx II hatte ich das Gefühl, dieses Gerät könnte ein kleiner Durchbruch sein - in eine Richtung, die zunächst natürlich aus anderen Gründen als der Suche nach dem idealen Gitarrensound nämlich aus Platzgründen, aus Gewichtsgründen und aus Rationalisierungsgründen wie Speicherbarkeit in Zukunft wahrscheinlich funktionieren wird.

PeterWeihe24

Darüber, dass digitale Emulationen von Geräten wie z.B. die Nachbildung von Studiogeräten mit Plugins über die Jahre immer weiter verbessert werden konnten, herrscht unter Tontechnikern inzwischen wohl weitgehend Einigkeit. Allerdings verwenden sehr viele der gefragten Mix-Ingenieure immer noch Ihre analogen Lieblingsgeräte, weil für ihre Ohren die Plugins noch lange nicht alle Soundbestandteile befriedigend nachbilden. Bei Gitarrenamps waren die Emulationen bis jetzt für mich aber immer noch sofort als „Nachmache“ erkennbar. Umso überraschter war ich heute beim Test des Fractal Audio Axe-Fx II über meinen Eindruck, dass, zumindest bei der Nachbildung eines meiner Amps, eine Ebene erreicht ist, bei der ich, wenn ich ganz ehrlich bin, die Emulation auf einer Produktion wahrscheinlich kaum von einem Röhrenverstärker unterscheiden könnte. Es gab nur ein Detail, was eher für Tontechniker und Produzenten wichtig ist, an dem es mir dann doch aufgefallen wäre, welches beim Mix einer Produktion doch noch einen Unterschied macht.

Der Sound, bei dem es mir so ging, war ein original 73er Marshall, voll aufgerissen, mit einer kleinen Les Paul Junior. Ich habe mit diesem Sound Green Day Riffs und 8tel Rock-Riffs gespielt. Dieser Sound hat ein sehr giftiges Attack. Ich habe diesen Klang deswegen extra zum Vergleich ausgewählt, weil ich weiß, dass diese Art Attack und Durchsetzungsfähigkeit bei Produktionen extrem hilfreich ist. Bislang waren alle Emulationen von Amps weit von der Griffigkeit dieses Sounds entfernt.
Beim Axe-Fx II war es heute so, dass es zwar nicht genauso klang, aber dass wir einen Sound hindrehen konnten, der ähnliche Qualitäten besitzt.
Wenn man allerdings versuchte, das Axe-Fx II haargenauso klingen zu lassen, dann ging das nicht. Zumindest haben wir das auf die Schnelle nicht hinbekommen. Man hätte vielleicht noch länger daran arbeiten und fummeln können. Würde man mir eine Gitarre in die Hand geben, mich mit diesem speziellen Sound über das Axe-Fx II spielen lassen und mich fragen: Ist das ein Amp oder nicht? – Wenn ich ganz ehrlich bin, könnte ich das wahrscheinlich nicht sagen.
Was mir aber auffiel war, das die Luft im Abstand wischen Mikros und Speakern und diese minimale Räumlichkeit, die man bei einer Abnahme einer Box mit Mikrofonen immer gratis erhält, bei allen Sounds des Fractal fehlte. Das ist das Detail, was mir, wenn ich nicht rein gitarristisch denke sondern als Toning oder als Produzent, immer etwas dabei hilft, den Amp-Sounds auf Produktionen einen eigenen Platz und eine Persönlichkeit zu geben.
Natürlich könnte man versuchen, mit hochwertigen Hallgeräten oder Hall-Plugins diese Mini-Räumlichkeit zu erzeugen und zu testen, ob das zu einem befriedigenden Ergebnis führt. Aber da meine Verstärker, Boxen und Mikrofone diese Komponente ja gleich mitliefern, muss ich mir darüber normalerweise keine Gedanken machen. Das ist dann einfach automatisch ein Bestandteil meines Sounds, die Produzenten nehmen ihn mit, und die Tonings freuen sich, dass die Klänge gut in den Mix einzubetten und leicht zu positionieren sind.
Peter Weihes OriginaleBei diesem Sounds vom Fractal glaube ich, dass der Frequenzgang und Zerrgrad zwar ähnlich wie der Klang des 73er Marshall in den Mix einzubetten ist, aber er wird in der Räumlichkeit etwas flacher klingen. Außerdem ist er nicht ganz so ausladend, was das typische Marshall Brezeln anbelangt, welches dem Original-Sound im Playback eine gewissen Breite und Wucht verleiht. Trotzdem war das ein Sound des Fractal, den ich ohne Bedenken spielen würde - auch auf einer Produktion. Der Übergang vom klaren Ton in die Zerrung gesteuert von der Anschlagsdynamik mit der Les Paul Junior war erstaunlich weich. So habe ich das von einer Amp-Simulation noch nicht gehört. Das verhielt sich nicht zu 100 Prozent wie beim echten Marshall, aber es klang auch nicht schlechter – etwas anders eben. Es hat mich sehr gewundert, dass das digital inzwischen möglich ist. Man hat einen ziemlich verzerrten Sound, spielt ganz leise, etwas zurückgedreht, einen Akkord mit einem leichten Arpeggio, und dreht dann immer mehr auf und haut immer mehr rein. Die Art wie es dann in die Verzerrung geht, bis es richtig kräftig zerrt war bei dem Fractal faszinierend gut gelungen.
Was deutlich anders war als bei dem 73er Marshall war, dass der Fractal mit dem Wechsel zu anderen Gitarren und Pickups bei gleichen Amp-Einstellungen nicht so gut klar kam. Der Marshall klang mit einer Strat oder auch mit einer Humbucker-Les Paul bei gleicher Einstellung immer gut. Mit der P90-Les Paul zum Beispiel klang der Fractal z.B. sehr gut aber mit einer Humbucker-Les Paul fing er bei gleicher Einstellung in den Bässen an zu matschen. Das machte mein 73er Marshall nicht. Es scheint so, dass die Einstellungen beim Fractal mehr an die einzelnen Gitarren angepasst werden müssen. Darum muss ich mich bei meinen Amps glücklicherweise selten kümmern.
Dann sind wir zu einem 68er Plexi-Marshall übergegangen, der wirklich hervorragend klingt, und haben auch ihn mit verschiedenen Gitarren und Spielweisen probiert: einmal ein paar typische Hendrix Spielweisen mit meiner alten Strat wie - Manic Depressions und Little Wings und kleine Soul-Licks. Das bezaubernde an dem alten Plexi ist, dass er auf tiefen Saiten relativ stählern klingen kann, wenn man die Saiten dementsprechend anschlägt, Akkorde klar zeichnet und ich bei gleicher Einstellung (Volumen ca. auf 12 Uhr-Stellung) den Übergang in die Zerrung wunderbar weich gestalten kann bis hin zu flötig singenden Tönen in hohen Lagen. Die meisten anderen Amps klingen in hohen Lagen hart mit Einstellungen, die auch stählerne Bässe wiedergeben können. Der Fractal konnte dass Anzerrverhalten des Plexi Marshalls nicht so gut emulieren wie das des 73er. Hier hatte ich immer das Gefühl, dass die Kompression eher nach einem zusätzlichen Kompressor-Plugin klang, wenn ich versuchte, mit einem weichen Sound einen singenden Ton zu erzeugen als die eines echten Plex, bei dem die Kompression ein subjektiv nicht trennbarer Bestandteil seiner weich einsetzenden Zerrung ist. Für bestimmte andere Sounds klang das allerdings super. Wir haben es aber nicht geschafft, einen Klang hinzudrehen, der für alle Gitarren und Spielweisen wie ein Plexi Marshall klang. Es klang für mich allerdings wie ein anderer, sehr guter Verstärker.
Wir haben „All Right Now“ mit einer Les Paul gespielt, das Riff und das Solo. Dabei klang es entweder immer gleich zu verzerrt, oder zu klar mit klar erkennbarer Kompression. Das funktionierte auf Anhieb also nicht so gut.
Danach haben wir Cream-Riffs ausgepackt und „I Feel Free“ und „Crossroads“ gespielt. Dafür habe ich eine alte SG-Les Paul über den dumpfen Kanal des Plexi gespielt, das Tonepoti auf dem Halspickup zu gedreht, beim Spielen die Mischung zwischen Hals du Steg-Pickup variiert und auf den Steg Pickup umgeschaltet – Alles was man damals so gemacht hat. Das klang über meinen Plexi Marshall natürlich – wenig erstaunlich – genauso oder zumindest sehr ähnlich wie bei Cream. Über den Fractal war das dann wieder etwas anderes. Man konnte ihn zwar so einstellen, dass am Ende etwas annähernd Ähnliches heraus kam. Aber auch hier klang es eher wie ein anderer Verstärker, allerdings wie ein guter.
Danach haben wir uns meinem Vox gewidmet. Wir haben einen der Studenten mit einer Telecaster Country-Licks spielen lassen. Auch das ging über den Fractal erstaunlich gut. Mal klarer, mal komprimierter. Hier erzeugte der Fractal wieder nur eine ähnliche, für meinen Geschmack zu deutlich als solche erkennbare Kompression wie der Vox, bei dem die Kompression ein integraler Bestandteil der Zerrung ist. Es war trotzdem ein brauchbarer, durchsetzungsfähiger Sound.

Dann haben wir meinen Soldano gequält, und einen Sound erzeugt, den ich oft auf Produktionen verwende, da er sich sehr gut einbetten lässt. Eine Art gezähmter Marshall Sound - sehr kraftvoll mit einer sehr schönen Verzerrung. Auch bei diesem Versuch erzeugte der Fractal zwar Ähnliches aber einen nicht 100 % identischen Sound. Aber auch diesen Sound des Axe-Fx II könnte man durchaus mit den eingangs beschriebenen Abstrichen bezüglich der Mini-Räumlichkeit in Produktionen einsetzen.
Wenn es mehr Richtung Metal gehen soll, schleife ich gerne hinter den Mikrofonverstärkern einen graphischen API Equalizer in den Einschleifweg meines Pultes. Auch diesen Sound haben wir mit dem Axe-Fx verglichen. Dabei dachte ich, jetzt würde der Fractal den Soldano auf seinen Platz verweisen, weil er die extremen Zerrsounds mit Badewannen EQ wahrscheinlich gut beherrscht. Die Sounds klangen zwar sofort nach Metal, aber die Werks-Sounds waren nicht ganz so kraftvoll und dynamisch wie erwartet. Ich habe zwar schon vorher häufiger die Erfahrung gemacht, dass der Soldano mit dem graphischen EQ im Playback griffiger klang als andere, eigentlich für ihre Metal-Sound bekannte Amps, erwartete aber der Axe-Fx II würde die typischen Sounds sofort in gleicher Qualität erzeugen, weil wir es hier mit starker Zerrung und einem stark verdrehten Frequenzgang zu tun haben. Das konnte er zwar nicht, aber ich hatte das Gefühl dass man sicherlich ein paar Einstellungen anpassen, die Bässe genau bestimmen, die Mitten gezielter ausgehöhlen kann und dann hätte man den Sound wahrscheinlich in die gewünschte Richtung otimieren können.
Danach haben wir einen der Studenten über einen Fender Bandmaster und über den Fractal mit einer Rockabily-typischen Gitarre spielen lassen. Auch das ergab brauchbare Sounds. Wir haben beide Amps verglichen, und wie bei den anderen Verstärkern war der Fractal ein Stück weit von Original entfernt, aber trotzdem gut.  
Ich kenne meine Sounds durch die vielen Jahre Studio-Sessions sehr gut und weiß, wie sie sich in Produktionen durchsetzen und am wichtigsten, welche Atmospähre sie erzeugen.  Nein, genauso tönt es aus dem Fractal noch nicht. Trotzdem kann es sein, dass der Tag kommen wird, an dem die Emulationen und die echten Amp nahezu identisch klingen werden. Ich würde allerdings nach diesem Test auch nicht mehr unbedingt probieren, Amp-Sounds mit dem Fractal genau zu imitieren. Vielmehr würde ich versuchen, das Gerät so einzustellen, dass die Sounds für Produktionen funktionieren, und das geht mit dem Axe-Fx II schon erstaunlich gut. Das einzige, was ihm fehlt ist diese leichte Luft, diese leichte räumliche Etwas, was hilft, dem Ganzen eine erkennbare Persönlichkeit zu verleihen, wie ein markantes Merkmal eines Schauspielers.
Trotzdem glaube ich, man ist auf dem Weg in eine Ära, in der AmpEmulationen professionell einsetzbar sein werden. Gefühlsmäßig war das Ergebnis bei den etwas kühleren Rythmus-Sounds und „Gebrauchs“-Sounds sehr gut. Bei sehr nuancierter Dynamik, mit Lautstärkeänderungen zwischen Pickups und feinen Schattierungen reagiert der Fractal allerdings noch nicht den Röhrenverstärkern gleichwertig – zumindest nicht mit den Einstellungen, die wir heute auf die Schnelle vornehmen konnten. Allerdings ist die Art wie der Fractal die Anzerrung des 73er Marshall emuliert, wirklich erstaunlich. Das Attack und die Durchsetzungsfähigkeit sind besser, als ich das bisher von Emulationen kannte.

Wichtig bei digitalen Geräten ist auch die Latenz. Die Latenz des Fractal haben wir heute nicht gemessen, sie war aber so, dass sie mich nicht bewusst gestört hat.
 (Anmerkung der Redaktion: die Latenz des Axe-Fx II vom Gitarren-Eingang bis zum Master-Out wurde mit 2 ms gemessen, was mehr als gut ist. )


Statements der Studenten

JulianJulian: „Mein Eindruck ist, dass es sich eigentlich anfühlt wie ein echter Amp. Natürlich ist es von der Dynamik und vom Druck ein Unterschied, ob man über das Axe-Fx II spielt oder vor seinem eigenen Amp sitzt. Aber mit dem Gedanken daran, dass man Live spielt und der Amp abgenommen wird hat man nicht das Gefühl, dass man über einen Modeler spielt. Es hört sich super an. Auch bei Peter im Studio konnte überraschend viel authentisch nachgebildet werden. Mit ein bisschen mehr Zeit ist da sicher sehr viel drin.“
3Student01Levin: „Das Axe-Fx II reagiert erstaunlich echt. Natürlich hat man auch im Kopf, dass das Fractal sehr kompakt und praktisch ist – Alles in einer Kiste. Was für einen Gitarristen fehlt, ist das Gefühl von einem leuchtenden Verstärker mit glühenden Röhren, der nach irgendetwas riecht. Das sind Sachen, die zur Seele dazu gehören. Dieses Feeling hat man beim Fractal natürlich nicht. Andererseits bin ich erstaunt, was es für brauchbare Sounds es erzeugt. Im Studio waren manche Sounds zum Verwechseln ähnlich, manche wirkten aber auch etwas flach und eindimensional, aber mit etwas mehr Zeit kann man das sicher auch in den Griff bekommen.“
MaxMax: „Auf einer guten Anlage oder im Studio fühlt es sich gut an, wie das Fractal anspricht. Die Fender-Clean Sounds des Axe-Fx II haben mich positiv überrascht. Ich hätte nicht erwartet, dass man das damit hinbekommt. Im Studio fehlte in meinen Ohren ein wenig die Breite eines echten Verstärkers, die den Raum ausfüllt. Vielleicht war das Einbildung, aber das war mein Gefühl.“
JuliusJulius: „Ich habe beim Axe-Fx sofort das Gefühl gehabt, dass man über einen Amp spielt. Wenn man versucht objektiv zu bleiben, merkt man nicht, dass man nicht über einen echten Verstärker spielt. Viele Arten von Verzerrung klingen sehr authentisch. Bei der Wahl der Gitarre kann es aber sehr große Unterschiede geben, mehr als bei einem Röhrenverstärker. Da kommen manchmal Frequenzen hinzu, die es vorher nicht gab oder umgekehrt. Das finde ich außergewöhnlich.“

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