Interview mit Felix M. Lehrmann

Lizenz zum Trommeln

Die meisten gestandenen Musiker sind sich einig: Ein „echter“ guter Musiker muss ein gewisses Alter haben, über genügend Erfahrung verfügen. Die jungen Musiker sind ja oft nicht abgeklärt genug und haben weniger Routine als die alten Hasen. Ein junger deutscher Musiker, der diese weit verbreiteten Vorurteile aus den Angeln heben kann, ist Schlagzeuger Felix M. Lehrmann. Mit seinem Schlagzeugspiel ist der 24-jährige Felix M. Lehrmann alles andere als noch grün hinter den Ohren, und hat bereits jede Menge Erfahrung.

Wie das geht? Man muss nur früh genug anfangen. Felix verfügt über eine extrem schnelle Auffassungsgabe und spielt mit einem beängstigend präzisen Timing, ausgeschlafener Musikalität und doch stets voller Lebendigkeit. Jeder Take hat etwas besonderes, so dass man als Produzent oft die Qual der Wahl hat. Und, wie Stings Percussionist Rhani Krija einmal sagte, hat Felix jede Menge „Wumms“. Felix gilt in der deutschen Drummer-Szene bereits als einer der Top-Musiker.

Trotz seines Alters, arbeitete Felix Lehrmann schon mit Künstlern wie Yvonne Catterfeld, Dendemann, Culcha Candela, Thomas Godoj, Jeanette Biedermann, Orange Blue, Tobias Regner, Mike Leon Grosch, Lisa Bund, und vielen anderen zusammen. Aktuell ist Felix mit Sarah Connor auf Tour. Wir sprachen mit Felix während der Aufnahmen für unsere aktuellen Xound-Online-Aktionen im Studio.

 

Xound: Du bist ja noch recht jung, wie bist du zur Musik gekommen?

Felix: Zur Musik bin ich schon recht früh gekommen, da mein Vater auch hauptberuflich als Gitarrist arbeitet. Mein Onkel mütterlicherseits war Schlagzeuger. Das war der Ausschlaggebende Punkt dafür, dass ich Schlagzeug als Instrument gelernt habe.

Als ich drei Jahre alt war, habe ich meinen Onkel zum ersten Mal Schlagzeug spielen gesehen.

Ab dem Zeitpunkt wo ich den „Wind“ aus der Bassdrum gespürt habe, gab‘s kein zurück mehr.

Ich habe dann sehr schnell ein altes Schlagzeug von meinem Onkel bekommen, welches bei

meiner Oma auf dem Dachboden stand. So habe ich mit vier Jahren in unserer Neubauwohnung in Berlin Marzahn angefangen, Schlagzeug zu spielen.

Xound: Hast du Unterricht bekommen?

Felix: Bei den ersten Schritten bin ich autodidaktisch vorgegangen. Mein Vater hat Gitarre gespielt und ich habe dazu einfach ein bisschen gejammed. Mit sieben Jahren hatte ich meinen ersten Schlagzeuglehrer, Frank Schirmer. Frank Schirmer hatte lange Zeit mit meinem Vater bei Stern Meißen und Veronika Fischer gespielt. Frank – ein großer Steve Gadd-Fan – hat mich so in die „Snare-Mangel“ genommen. Er war sehr prägend für mein heutiges Schlagzeugspiel. Danach hatte ich noch zwei andere Schlagzeuglehrer, bis ich schließlich mit 16 Jahren meinen „Mentor“ Kenny Martin kennengelernt habe. Kenny Martin ist der Schlagzeuger der New Yorker Funk-Band Defunked. Ich habe ihn in Berlin getroffen und hatte mehrere Jahre bei Kenny Unterricht. Kenny Martin hat mich geformt, gequält und hat mich oft mit ganz einfachen Sachen zum Schwitzen gebracht.

Xound: Wie bist du an die ersten Bands gekommen?

Felix: Meine fünf Jahre ältere Schwester spielte damals Klavier – sehr klassisch. Mit etwa 15 Jahren ist sie dann auf Bass umgestiegen und so kam ich mit 10 Jahren an meine erste Band – mit meiner Schwester am Bass. Wir haben dann diverse Hits nachgespielt, wobei ich wohl für die Band als ziemlicher Quälgeist gewirkt haben muss, da ich viel zu laut und viel zu viel gespielt habe (lacht).

Auch in der zweiten Band, ebenfalls eine Cover-Band, habe ich mit meiner Schwester zusammen gespielt. Den ersten professionellen Job habe ich mit 17 Jahren bekommen, das war in der Band von Sängerin Della Miles. Della Miles kam aus Houston. Della hatte bereits mit Stevie Wonder und Whitney Houston gearbeitet und suchte in Berlin einen Drummer für ihr Solo-Projekt.

So bekam ich mit 17 mein erstes professionelles Engagement, den ersten „Call“. Ich habe danach mit vielen anderen Bands gespielt, und mich auf diversen Sessions herumgetrieben, bis es schließlich in der Stadt bekannt war: „da ist ein junger Drummer, mit dem kann man etwas anfangen“ (lacht).

Xound: Du bist uns im letzten Jahr von Rhani Krija (u.a. Percusssion-Spieler bei Sting) und René Decker, damals musikalischer Direktor bei Yvonne Catterfeld als Studio-Drummer empfohlen worden. René erzählte mir, dass er dich bereits als Kind trommeln gehört hat.

Felix: René und mein Vater haben früher öfter zusammen gespielt – ich glaube Mitte der 90er waren die Beiden noch gemeinsam auf Tour. Ich kenne René seit ich acht oder neun Jahre alt war. Mein Vater nahm mich zum ersten Mal mit ins Studio – das war bei René Decker im Studio. Ich erinnere mich noch ganz genau an die Aura im Raum. Man musste immer ganz ruhig sein, wenn etwas aufgenommen wurde (lacht). Ich kannte René allerdings bereits schon vorher durch die Erzählungen meines Vaters am Frühstückstisch, durch die vielen Geschichten und Jokes, die René so fabriziert hat.

Zum ersten Mal habe ich mit René im Alter von achtzehn gespielt. Das war in der Band von Mike Russell, einem amerikanischen Soul- und Funk-Gitarristen, der in Berlin lebte. René war damals bereits Mike‘s und Yvonne Catterfeld‘s musikalischer Direktor. René spielte hier Saxophon, zweites Keyboard, zweite Gitarre, Mundharmonika und... was René halt alles so macht.

Als ich 19 Jahre alt war, hat René dann bei mir wegen Yvonne angerufen. Das war für mich die erste Chance mit einem größeren Act auch längere Touren zu spielen. Wir waren wirklich zwei oder drei Jahre intensiv zusammen auf Tour. Ich bin René bis zum heutigen Tag dankbar, dass er damals an mich gedacht hat.

Xound: Du gehst ja gerade mit Sarah Connor auf Tour. Wie viele Gigs habt ihr?

Felix: Es gibt etwa 30 Termine bis Anfang April. Wir haben die letzte Woche vor der Tour in Berlin geprobt; die letzten drei Tage fast 10 Stunden am Tag mit Pyroshow, Tänzern, Regisseur und der Band. Ich freue mich sehr, mit den Jungs zusammenzuspielen, und Rhani ist halt auch dabei.

Rhani und ich haben uns vor etwa zwei Jahren bei „Orange Blue“ kennen gelernt und oft hier und da zusammen gespielt. Doch dies ist unsere erste gemeinsame Tour. Ich kann es kaum erwarten.

Xound: Du bist ja sehr beschäftigt, kommst du noch zum Üben?

Felix: Es ist schon so, dass ich jeden Tag spiele, sei es live, im Studio oder auf einer Probe. Aber darüber hinaus übe ich nicht mehr jeden Tag neue Sachen, obwohl ich – ganz gleich wie viel ich bereits am Tag gespielt habe- immer meine „Rudiments“ mache, meine Finger stretche und eine halbe Stunde Übungs-Pad spiele. Dass ist einfach Pflicht, sonst kann ich nicht ruhig schlafen. Meine Freundin kann bestätigen, dass ich unausgeglichen und ungenießbar bin, wenn ich nicht genug Schlagzeug gespielt habe. D.h., es gibt keinen Tag, an dem nicht gespielt wird, doch die Möglichkeit, täglich noch richtig intensiv üben zu können, wird immer schwieriger, so blöde es auch klingen mag.

Xound: Wie sollte jemand vorgehen, wenn er Schlagzeug lernen möchte. Braucht man einen Lehrer, oder eine Schule?

Felix: Ich weiß jetzt nicht, wie das Leben an einer Musikschule ist. Ich hatte immer Privatlehrer und ich habe auch nie Musik studiert. Nach meinem Abi ging für mich direkt das Profi-Dasein los. Vieles hängt sicherlich davon ab, wer einem etwas zeigt. Dass man jemanden findet, den man mag, den man schätzt, jemanden der einen wirklich anspornen kann.

Es macht keinen Sinn, wenn man nur stupide Aufgaben gestellt bekommt, auf die man sowieso keine Lust hat. Wichtig ist sicherlich, dass eine zwischenmenschliche Basis zwischen deinem Lehrer und dir selbst existiert. Gerade wenn man in jungen Jahren anfängt, braucht man jemanden der einen zum spielen motiviert und immer wieder die eigenen Grenzen zu durchbrechen.

Gerade beim Schlagzeugspiel wenn die „Unabhängigkeits-Übungen“ einen schon fast zermürben und man z.T. lange Zeit benötigt, bis der Knoten platzt, ist es wichtig, dass du einen Lehrer hast, der dir Mut macht und dir nicht ständig sagt, wie schlecht du noch bist.

Xound: D.h. für dich ist nicht nur der rein technische sondern gerade der mentale, menschliche Aspekt wichtig?

Felix: Ich sehe es immer wieder. Ich lebe in Berlin, einer großen Stadt mit vielen guten Musikern. Hier gibt es auch jede Menge gute Schlagzeuger, einer besser als der andere.

Viele Jungs üben tagtäglich, sind schnell und haben eine wahnsinnige Technik, aber sie spielen den ganzen Tag im Proberaum und vergessen, dass es letztlich darauf ankommt, dass man mit anderen Musikern kommuniziert. Dass man sich austauscht, zusammen Musik macht, Dinge gemeinsam entstehen lässt, anstatt nur darauf zu warten, von jemandem entdeckt zu werden, weil man so schnell spielen kann.

Auch wenn die Technik ein wichtiges Werkzeug darstellt – man sollte nie aus den Augen verlieren, dass man angefangen hat ein Instrument zu lernen, um mit anderen zusammen Musik zu machen. So war es zumindest bei mir.

Ich hoffe das klingt jetzt nicht zu altklug für einen 24-jährigen (lacht).

Xound: Ich habe dich ja schon öfter im Studio erlebt. Du machst ja eigentlich niemals Fehler, hast ein perfektes Timing usw.… Was geht beim Einspielen eines Tracks in diesem Augenblick in dir vor?

Felix: Wenn ich ins Studio komme und etwas zu einem neuen Titel spielen soll, ist es meist eine Instinktsache. Was ich überhaupt nicht mag ist z.B. über Dinge wie Mikro-Timing u.ä. reden. Meiner Meinung nach fängt das Problem erst richtig an, wenn man sich schon vorher überlegt: hier spiele ich ein bisschen mehr nach hinten, an der anderen Stelle dann wieder etwas mehr nach vorne usw…. Ich verlasse mich, bei allem was ich mache, nicht nur beim Schlagzeug spielen sondern auch im Leben, eher auf mein Bauchgefühl, meinen Instinkt. Und nichts anderes passiert bei solch einer Studiosession. Ich höre einfach darauf: welchen Charakter, welches Gefühl vermittelt der Song. Und als Schlagzeuger kannst du natürlich extrem mit gestalten, wie es sich hinterher anfühlt.

Um auf deine Frage zurückzukommen: ich denke nicht, wenn ich Schlagzeug spiele, ich plane auch nicht vorher, an welcher Stelle ich welches Fill spiele. Es ist schwierig zu beschreiben. Ich fange einfach an. Natürlich muss man sich die Form merken doch dann passieren die Dinge eher automatisch. Und dabei kommen interessantere Dinge hervor, als wenn man jeden Schritt vorher durchdacht hätte.

Xound: Wenn du auf Tour bist, musst du ja fast jeden Abend das gleiche Programm spielen. Wie kannst du deine Performance Abend für Abend „frisch“ halten, ohne in einen Trott zu verfallen?

Felix: Ich versuche schon, nicht jeden Abend alles ,,eins zu eins“ zu spielen. Trotzdem darf man den Charakter des Songs nicht aus den Augen verlieren. Bei der Sarah Connor Tour spielen wir alles völlig ohne Sequenzer, d.h. ich habe keinen Clicktrack im Ohr. Klar müssen die Songs im Rahmen der vorgegebenen Struktur gespielt werden. Allerdings gibt es hier schon eine Menge Spielraum, ob man sich nun ein wenig nach vorne treibt oder sich ganz zurücklehnt u.v.m ... Dieses „Frischhalten“ passiert eigentlich mit der ganzen Band zusammen. Man kann durchaus immer wieder neue individuelle Augenblicke entstehen lassen, anstatt jeden Abend nur seinen Part abzuspulen.

www.myspace.com

www.felixlehrmann.de

Credits:

Sarah Connor, Yvonne Catterfeld, Jeanette Biedermann, Dendemann, Orange Blue, Culcha Candela, Mousse T., Estelle, Bahamadia, Jaguar Wright, Weather Girls, Zasha Moktan,Valentine

 

Aktuell im Studio mit:

Oliver Wimmer (StarMania Österreich Winner), Kim Sanders, Eisblume, Timothy Jones!

Endorser von Labels wie:

Meinl,Tama,Vic Firth Sticks, Evans Felle

und Beyerdynamic.

 

Ab dem Zeitpunkt wo ich den „Wind“

aus der Bassdrum gespürt habe, gab‘s

kein zurück mehr

 

Man sollte nie aus den Augen verlieren, dass man angefangen hat ein Instrument

zu lernen, um mit anderen zusammen Musik zu machen.

 

 

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