Interview: Enigma “Seven Lives Many Faces“

Interview mit Michael Cretu

Mit “Seven Lives Many Faces“ veröffentlicht Michael Cretu das siebte Enigma-Album, fast auf den Tag genau 18 Jahre nach dem bahnbrechenden Enigma-Debut “Sadeness Part I“. Seit diesem Herbst im Jahre 1990 hat Enigma viele neue Rekorde zu verzeichnen: 40 Millionen verkaufte Tonträger, 50 Nummer-Eins-Platzierungen, rund 100 Platin-Auszeichnungen, Präsenz auf über 1000 Compilations. Das Erfolgsrezept scheint ganz einfach zu sein: „Ich tue das, was ich fühle – ich spreche das an, was mich bewegt“, so erklärt Michael Cretu das Prinzip welches ihn leitet.

Wie bei jedem Enigma-Album überrascht uns Michael Cretu wieder mit einer neuen wunderbaren Stimme, die auf zwei Titeln des Albums zu finden ist: Margarita Roig, die zu den wenigen Menschen zählt, die diese einzigartige, alte ibizenkische Gesangsfolklore noch beherrschen.

Und wieder ist es Michael Cretu gelungen, mit den zwölf Kapiteln seines neuen Albums einen großen Bogen zu spannen, der den Zuhörer verzaubert. Voluminös und doch sehr klar, romantisch aber nicht melancholisch, wie eine neue Erfahrung und doch sehr vertraut, so in etwa habe ich das neue Enigma-Album gleich beim ersten hören wahrgenommen. Und Vorsicht! ... Man bekommt einfach nicht genug und möchte gleich alles noch einmal hören.

Xound: Michael, 18 Jahre sind eine lange Zeit. Wie ist das wenn man so zurückblickt. Hast Du damals vor dem ersten Album schon eine Ahnung gehabt, was aus Enigma einmal werden könnte?

M.C.: Mir war damals schon sehr bewusst, was ich gemacht habe. Ich dachte mir, entweder es wird der größte Flop, oder es wird eine Sensation. Bereits vom ersten Tag an hatte ich schon einen Zehnjahresplan – dieser ging bis zum LSD-Album. Diesen Zehnjahresplan hatte ich natürlich zunächst nur in meinem Kopf, die ganze Welt muss natürlich mitspielen, damit solch ein Plan auch gelingt. (lacht) Dass sich aus Enigma so vieles entwickelt, konnte niemand wissen, ich habe auch niemals über einen Zeitraum von zwei Dekaden nachgedacht.

Xound: Wie fühlt man sich in solch einem Augenblick, wenn man plötzlich über 30 Millionen Alben verkauft?

M.C.: Natürlich freue ich mich, wenn sich meine Musik verkauft. Musik ist meine Religion und ich versuche einfach meinen Weg zu gehen. Ich probiere und tüftele immer gerne herum und versuche das Unmögliche möglich zu machen. Das ist der Motor des Ganzen. Und dafür habe ich diese Plattform geschaffen, um die mich auch berühmte Kollegen wie z.B. Phil Collins oder Mike Hucknall von Simply Red ein wenig beneiden. Die beiden sagten mal zu mir: Du hast so ein Glück. Du hast Welterfolge, du kannst überall hingehen und kein Mensch erkennt dich. Auch wenn ich mal keine Platten mehr verkaufen würde und auch wenn ich keinen Plattenvertrag mehr hätte, so lange ich atmen kann, würde ich irgendwelche Tasten drücken und Töne machen. Ich kann ohne das nicht leben, definitiv.

Xound: Nach einem solchen Erfolg kommt automatisch eine Erwartungshaltung der Plattenfirma, doch bei unserem heutigen Musikbusiness kann man gar nicht mehr so viele Platten verkaufen wie früher.

M.C.: Ja, das ist eigentlich unmöglich und doch irgendwie möglich.

Menschen haben Musik gemacht, bevor sie sprechen konnten. Ich bin der Meinung, dass der Mensch ohne Musik nicht leben kann. Aber es hat sich durch Entwicklungen in der Gesellschaft leider so ergeben, dass Musik keinen Stellenwert mehr hat.

Meine große Hoffung war, dass sich nach dem apokalyptischen Denken nun im neuen Millennium etwas verändert, dass – wie zu Jimi Hendrix´ Zeiten – eine Befreiung kommt. Aber wie du selber siehst, ist es noch schlimmer geworden. Schau dir nur mal den amerikanischen Präsidenten an. (lacht) Das ist ein riesiges Dilemma.

Aber ich bin nach wie vor ein kleiner Daniel Düsentrieb und lasse mir meinen Enthusiasmus nicht nehmen. Wenn etwas gut klingt und mich begeistert, dann springe ich auch mit meinen 51 Jahren um mein Mischpult herum und freue mich wie ein 10-jähriges Kind.

Wenn wir über das reguläre Plattengeschäft reden, hier ist die Situation wirklich schwierig geworden. Es herrscht weltweit eine Desorientierung. Für mich ist es ein Segen, das Virgin (Anm.: die Plattenfirma) aufgelöst wurde. Seit Udo Lange (ehemaliger Virgin-Geschäftsführer) nicht mehr da ist, war es auch kein „Virgin“ mehr. Die neuen Leute bei EMI (Anm.: EMI hat Virgin vor einigen Jahren übernommen) sind sehr gut. Leider haben auch diese Leute von der Londoner Zentrale Handschellen verpasst bekommen. Doch wenn man sich anschaut, wie extrem engagiert, wie motivierbar die EMI-Leute sind, das erinnert an die Gründerzeit von Virgin. Ich habe auch ein gutes Verhältnis zu allen Leuten dort. Alle sind offen für verrückte Ideen, es gibt sehr wenig Widerstand wenn man mit Vorschlägen kommt. Für solch einen großen Apparat ist das schon erstaunlich.

Bei vielen Firmen gibt es hier immer wieder Grundsatzdiskussionen, dies geht nicht und jenes darf man nicht, nach dem Motto „Rasen betreten verboten“.

D.h. ich bin mit der EMI bisher megaglücklich. Es geht dabei nicht um mein Portemonnaie, es geht um die Sache, ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Und dafür kämpfe ich mit Enthusiasmus, Tag und Nacht.

Xound: Das ist sicherlich die halbe Miete, wenn man sich bei einer Plattenfirma gut aufgehoben fühlt?

M.C.: Ja, ich fühle mich pudelwohl. Ich hoffe nur, dass die Leute, die gut sind, nicht wieder gefeuert werden. Seitdem das neue Album im März fertig war, gab es international schon wieder fünf neue Geschäftsführer. Oft waren die neuen Leute schon wieder entlassen, bevor ich sie getroffen habe. Das ist wie in der U-Bahn: Leute steigen ein und steigen aus.

Aber die Situation scheint sich langsam zu stabilisieren.

Xound: Wie lange hast du an “Seven Lives Many Faces“ gearbeitet?

M.C.: Elf Monate. Das war das schnellste Album meines Lebens. Normalerweise kommen etwa elf oder zwölf Titel aus das Album und dann habe ich meist 16 Titel, von denen ich die besten auswähle. In diesem Falle waren es 48 Titel, die in zwei verschiedene Richtungen gingen. Ich musste mich dann für eine Stilistik entscheiden. Aber alles ging so schnell und das liegt u.a. an meinem kleinen Studio. Klar, es kann mal sein, dass der Computer mal freezed, dann muss ich rebooten. Das dauert dann zwei, drei Minuten, nichts im Vergleich zu meinem großen Studio früher. Da musst du stets darauf achten, dass dieses Gerät mit jenem zusammenarbeitet, dass alles synchronisiert ist, damit du keine Knackser hörst usw..

Wenn du da in der kreativen Phase mal ein Problem hast, dann reißt es dich völlig raus.

Mit meinem kleinen Studio, dem Alchimisten, konnte ich intuitiver arbeiten denn je.

Xound: Was ist der Alchemist?

M.C.: Der Alchimist ist ein kreatives Produktions-Environment und basiert auf einer intuitiven Remote-Control-Oberfläche.

Ich habe mir beim Alchemisten alles nach meinen Vorstellungen anfertigen lassen. Du weißt, wenn du nicht eine bestimmte Stückzahl von irgendwelchen speziell angefertigten Teilen bestellst, dann dauert das ewig oder es wird richtig teuer. Da kosten dich dann ein paar Knöpfe soviel wie ein Kleinwagen und das sehe ich nicht ein. Von daher verzögert sich alles ein wenig bis zur endgültigen Version. Bis Ende des Jahres sollte die „Maschine“ komplett fertig sein. Wenn jemand solch ein System kaufen möchte, dann freue ich mich, aber in erster Linie tue ich´s für meine Seele.

Das Herzstück des Alchimisten ist ein Apple, da ich alter Logic-Fan bin – ich kenne Gerhard Lengeling schon seit er noch für den Commodore C 64 programmiert hat – aber man kann genauso einen PC verwenden. Ich habe von Logic 7 auf Version 8 geupdated. Ohne Logic 8 hätte das Album sechs Monate länger gedauert.

Adam Audio aus Berlin hat mir ein paar spezielle Boxen angefertigt. Die Membranen der Mittel/Bass-Speaker sind aus Kevlar. Ich hatte bei dem feuchten Klima hier in der Vergangenheit oft Probleme mit den üblichen Membranen aus gewachster Pappe. Klaus Heinz, der Chefentwickler der Firma ist auch ein „Verrückter“ – wir verstehen uns blendend (lacht). Witzigerweise heißt mein Studio schon immer ART, wie das Hochtöner-Patent von Adam Audio. Ich bin begeistert von den Hochtönern, ich nenne den Sound immer „3-D-Musik“. Du hörst, wie du noch nie gehört hast. Es ist aber nicht so, dass es nur bei dir im Studio gut klingt und du dann einen Schreck bekommst, wenn du die Sachen woanders hörst. Es ist wirklich ein Genuss, damit zu arbeiten. Du weißt, ich stehe auf viel Bass und so habe ich den Adam´s immer gesagt: „Mehr Bass, noch mehr Bass“. Die Leute schmunzelten schon darüber, aber sie haben´s umgesetzt. Klaus Heinz hat mir dann ein tolles Kompliment gemacht, er sagte: „Du machst etwas aus meinen Lautsprechern“.

Mich freut das, wenn man sich direkt mit den Entwicklern austauschen kann. Ich mach das gerne, liefere immer wieder neue Impulse und erzähle von meinen Ideen und von meinen Erfahrungen.

Ich werde nie vergessen, wie oft ich früher mit Gerhard Lengeling gesprochen habe. Wir haben uns über Quantisierungen unterhalten. Ich habe ihm gesagt, dass seine Sequenzer-Software mit dem Dequantize, damals wieder zurück auf 768 – damals noch auf dem Atari – wie verrückt gewackelt hat.

Er erzählte mir dann etwas von einem Jazzpianisten XY, der sein Realtimesolo auf diese Art aufnehmen möchte. Das Ganze hörte dann erst auf, als die Software mit der Dequantize-Funktion nur auf 96-tel lief. Ab diesem Tag war die Maschine tight.

Leider gibt es ja zu viele Betatester, die gar nicht unbedingt erfolgreich mit ihrer Musik sind. Die Erfolgreichen haben ja meist keine Zeit sich um so etwas zu kümmern.

Xound: Wie wichtig ist für dich das Thema Quantisierung?

M.C.: Wenn ich eine Platte mache, einen Bass oder ein Solo spiele, dann sind ¾ davon Realtime. Ich quantisiere dann nicht. Wenn ich die Sachen quantisiere, dann klingt das Ganze wie ein Stück..., na ja. Ich habe Musik studiert, ich lebe die Musik und ich habe ein gutes Timing. Klar kann es sein, dass ich mal beim Bass die „Eins“ in Takt 17 korrigiere, damit es keine Auslöschungen gibt.

Was interessiert mich automatische Latency-Kompensation beim Mischen? Ich habe Ohren. Und das was ich höre, ist auch das, was der Konsument hört.

Xound: Hattest du von Anfang an ein musikalisches Konzept für das neue Album?

M.C.: Es ging mir um die Zahl Sieben. Viele Leute nervten mich schon fast mit den Vorschlägen: „Du hast Klassik studiert, mach doch was Klassisches. Sie wollten mir die merkwürdigsten Dinge vermitteln. Doch dann habe ich für mich einen eigenen Weg gefunden Klassik zu machen, Klassik mit Hip-Hop.

Xound: In den letzten 20 Jahren hat im Musikproduktionsbereich eine Demokratisierung der Werkzeuge stattgefunden. Vieles, was früher unbezahlbar war, ist heute auch für die meisten Semiprofis erschwinglich. Viele haben einen Computer, mit dem sie Musik produzieren können, verfügen über jede Menge Softwares – leider oft nicht ganz legal – und über tausende Sounds und Samples, vielleicht auch ähnliche, oder z.T. sogar die gleichen wie Du. Und trotzdem kreierst du stets etwas sehr Spezielles daraus. Was machst du anders?

M.C.: Ich kann dir nicht genau sagen, woran das liegt. Ich weiß nicht, warum ich das beherrsche. Es ist vielleicht eine Frage von Geschmack haben und keinen Geschmack haben. Es gibt Dinge, die sind dir einfach angeboren. Das ist wie bei Ronaldinho: Er kann besser mit dem Ball umgehen als andere, die dreimal so viel trainieren. Man kann auch sehr viele Sachen durch Willenskraft und Strebsamkeit hervorbringen. Man muss immer wieder an sich selbst und dem Environment, mit dem man zu tun hat, arbeiten.

Beim letzten Album habe ich noch zwei Synthies verwendet, doch das neue Enigma-Album ist nur auf dem Apple-Computer gemacht. Wenn du dir mein Arrange-Fenster anschaust, so stellst du fest, dass die meisten Songs nur aus sechs bis sieben MIDI- oder Audio-Spuren bestehen.

Zu Fairlight-Zeiten (Anm. Einer der ersten Profi-Sampler der 80er, mit Monitorlichtgriffel für Wellenformediting kostete damals, mit ca. 1 Sekunde Samplingzeit und 8 Bit, ca. 100.000 DM), brauchte man noch viel Geld, um sich besondere Tools kaufen zu können.

Ich verwende nur gekaufte Software, die meisten Plug-In´s kosten nur wenige Euros, das sollte für die meisten erschwinglich sein. Aber leider ist es eine Art Volkssport geworden, zu stehlen. So ein Plug-In kostet vielleicht 29 Euro, aber viele Leute gehen lieber ins Internet und ziehen sich eine illegale und oft nur halb funktionierende Version.

Ich verwende heute in meinem Setup nichts, was nicht fast jeder heute zur Verfügung hat. Doch wenn ich dir mein ganzes Soundarchiv als Liste geben würde, ich glaube, du würdest nie auf diese Kombination der Sounds kommen.

Enigma ist keine normale Popmusik, sondern ein Collage-Projekt, wie ein Andy Warhol in der Musik. Er macht z.B. aus einem Bild ein Triptychon, einmal pink, einmal blau usw. oder macht aus einem Marilyn Monroe-Foto durch eine Collage ein einzigartiges Porträt.

So sehe ich Enigma und ich pflege auch diese Machart. Vielleicht sagt der eine oder andere, so hätte ich mir das nie vorgestellt. Aber für mich ist das Ergebnis immer ganz einfach und nachvollziehbar. Vielleicht ist Enigma deshalb auch weltweit ohne Konkurrenz, es gibt keine fest zuordenbare Kategorie. Ich bezeichne die Musik von Enigma als moderne klassische Musik. Man darf nicht vergessen, dass Mozart der Paul McCartney seiner Zeit war; Mozart war ein Popmusiker.

Xound: Du verfügst ja über eine ungeheure Zahl an Sounds. Es ist ja sicherlich nicht einfach hier den Überblick zu bewahren. Was inspiriert dich bei der Auswahl der Sounds?

M.C.: Ich schätze, wenn ich alle Plug-Ins zusammenrechne, komme ich auf ca. eine halbe Million verschiedener Sounds, davon sind meine Favoriten, die besten zehntausend, aufgelistet. Nach jedem Album höre ich mir meist noch mal das gesamte Archiv an, denn das, was du heute nicht gebrauchen kannst, ist vielleicht genau das, was du dir morgen wünschst.

Es hängt auch davon ab, welches Ziel man hat und wohin man will. Natürlich ändert sich auch der persönliche Geschmack und so verändert sich auch die Beurteilung der Sounds.

Mein Hinterkopf ist wie ein Wanderzirkus, ich scrolle ständig im Kopf mein ganzes Archiv durch. Ich versuche mir die Sounds nach atmosphärischen Zusammenhängen zu merken, was – zumindest in meinem Kopf – zu anderen Sounds passen könnte.

Man muss allerdings auch Glück haben, man muss im richtigen Augenblick das „richtige Händchen“ haben. Das ist wie beim Fußball. Da wechselt der Trainer in der 70. Minute den besten Spieler vom Feld gegen einen Ersatzspieler aus der Amateurmannschaft aus und der schießt dann die beiden Tore, die den Sieg bedeuten.

Wenn ich die Soundarchive durchhöre und mir gefällt etwas, dann nehme ich meist kurzes Scribble von ungefähr einer Minute auf, um die Idee festzuhalten. Dann arbeite ich immer weiter an diesen Ideen und dann bekommt das Ganze nach und nach ein Gesicht. Als “Seven Lives Many Faces“ fast fertig war, fand ich das ganze Album noch nicht so harmonisch. Ich habe dann drei Titel rausgeschmissen und innerhalb von zehn Tagen vier neue dafür gemacht.

Neben dem kreativen Anspruch habe ich auch in Bezug auf die technische Umsetzung eine hohe Erwartung – die Ehre des alten Handwerks. Das Album ist technisch makellos. Die Platte funktioniert auf dem schlechtesten Taxilautsprecher, genauso auf der großen Abhöre im Studio.

Xound: Beim Hören des neuen Albums fiel mir sofort die Stimme von Margarita Roig auf.

M.C.: Margarita Roig, das ist eine Bäuerin von hier. Sie ist 61 Jahre alt.

Ich bin an diesen Kontakt gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Ich habe seit langer Zeit nach speziellen Stimmen gesucht, habe mich umgeschaut nach Mongolinnen, nach Eskimos, habe recherchiert von Taiwan bis Neuguinea. Und dann stoße ich plötzlich vor etwa neun Monaten auf diese traumhaft schöne alte ibizenkische Tradition. Ich lebe hier auf Ibiza seit 20 Jahren und habe diese Musik noch nie gehört. Ich assoziierte die Musik mit ihrer tiefen, weisen Melancholie im ersten Augenblick mit dem portugiesischen Fado.

Man sagte mir, dass die Musik mehr und mehr ausstirbt und dass man nur noch Frauen über 60 findet, die so etwas singen können.

Margarita Roig – sie ist eine ganz liebe, kleine Ibizenkerin – kam zu mir, ich habe ihr das Mikro hingestellt, ganz ohne Kopfhörer und sie hat einfach gesungen. Währenddessen saß ich auf der Terrasse und habe eine Zigarette geraucht. Nachdem sie fertig war habe ich mir überlegt, welches Tempo dazu passt, in welcher Tonart ich den Song anlegen kann, in Dur oder in Moll. Dann fing die „Schneiderei“ an. Man muss bedenken, dass diese ibizenkische Musik aus siebentaktigen Phrasen besteht, wobei die Rhythmik zwischen 4/4- und 7/8-Takten wechseln kann. Wir reden von Musiker zu Musiker – ich brauche dir nicht zu sagen, wie lange du daran sitzt, bis du diese Struktur in eine normale Popmusikstruktur mit 4/4-Takt und achttaktigen Phrasen umarrangiert hast.

Xound: D.h. Margarita Roig hat ganz frei gesungen?

M.C.: Ja, sie hat völlig frei gesungen. Ich habe dann genauso wie beim „Hajo Hajo-Sample“ von „Return to Innocence“ herumgepuzzelt.

Xound: Wenn man das ganze Werk nun hört, hat man das Gefühl, ihr hättet den Song zusammen eingespielt.

M.C.: Ich will mich nicht selber loben, aber es verlangt wahrscheinlich eine gewisse Affinität und ein gewisses Talent, zu erkennen, was solch ein Sample oder solch eine Aufnahme im richtig arrangierten Umfeld letztlich darstellen kann.

Ich hatte auf Margarita Roig´s Stimme keine großen Effekte, sondern nur ein bisschen Hall gelegt, sonst nichts und plötzlich dachte ich bei „La Puerta Del Cielo“, der Himmel geht auf.

Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich den Song höre.

Xound: Dir ist es ja stets gelungen, exotische Stimmen mit wunderschönen Atmosphären zu kombinieren und damit etwas sehr spezielles zu schaffen.

M.C.: Damals waren es die gregorianischen Chöre und danach die Ethno-Gesänge.

Man erwartet von Enigma immer ein bisschen, dass ich das Rad neu erfinde, was natürlich nicht möglich ist. Ich sehe aber den Titel „Seven Lives“ mit den Wiener Symphonikern und Trip-Hop-Drums wieder als neue „Enigma-Erfindung“, diese Kombination habe ich vorher noch nicht gehört.

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