Interview mit Dr. Volkmar Kramarz

Hits nach Rezept?

Mit seinem neuesten Buch „Die HipHop-Formeln“ knüpft Dr. Volkmar Kramarz an sein Buch „Pop-Formeln“ an und greift nun die Frage auf, was sich da in der HipHop-Musik eigentlich wirklich tut. Zum Lieferumfang des Buches gehört eine CD mit 56 Hörbeispielen und insgesamt zehn Rap-Tracks, so dass man neben der vielen „Theorie“ gleich etwas zum Anhören und Herumexperimentieren hat.

Auf etwa 170 Seiten liefert der Autor Schritt für Schritt detaillierte Anleitungen, eigene Tracks nach den HipHop-Formeln zu komponieren. „Diese Tracks werden das Zeug dazu haben, auch erfolgreich zu sein!“ so ein Zitat aus dem Buch. Doch lassen sich Hits wirklich aus der Retorte konstruieren? Wir sehen das skeptisch.

Neben den konkreten Anleitungen liefert „Die HipHop-Formeln“ zehn Produzenten-Interviews mit Beatlefield, m3&Noyd STI und anderen, die jedoch bestätigen, dass eigentlich kaum jemand beim Songschreiben oder produzieren an so etwas wie HipHop-Formeln denkt.

Wir hatten Gelegenheit zu einem, durchaus kontroversen Gespräch mit Dr. Volkmar Kramarz. „Popular Musik“ ist eine Musik die nach Standardmuster auf gebaut ist ...

Xound: Wie entstand die Formelthese?

V.K.: Die Idee entstand in den 80er Jahren. Schon damals habe ich promoviert über die Harmonie-Analyse der Rockmusik. Eigentlich wollte ich so etwas wie eine Harmonielehre der Rockmusik schreiben. Dann fiel mir auf, dass man durchaus eine Harmonielehre der Rockmusik machen kann, dass jedoch eine andere Priorität dahinter steckt – nämlich die große, berühmte Frage:

Was eigentlich ist Pop-Musik? Ich habe dann begonnen zu verstehen, wie man die Frage

beantworten kann. Die Pop-Musik ist nicht nurProtest, sie ist nicht nur soziologisch begründbar, sondern hat ganz auch konkret etwas mit musikalischen Bausteinen zu tun.

Als ich dann begann die einzelnen Musikstile wie Rock, Beat, Rock‘n Roll usw. zu untersuchen, fiel mir auf, dass der wirkliche, dicke rote Faden definitiv die Akkorde bzw. die Akkord-Kombinationen waren. Das war auch damals schon mein Hauptthema. Es wurde dann einige Zeit auf Eis gelegt, da ich beim WDR und in eigenen Musikprojekten verwickelt war. Als ich Ende der 90er wieder Zeit hatte, habe ich begonnen, wieder an diese Forschung anzuknüpfen.

Xound: Was verstehst Du unter Pop-Musik?

V.K.: Es ist nicht gemeint, einfach nur das, was populär ist, sondern ich gehe im angloamerikanischen Sinne an das Thema: „Popular Music“ ist – so würde ich es heute sagen- eine von Älteren, von Erfahreneren für jüngere, im Prinzip ungebildete Kids produzierte Musik, mit allen ökonomischen Hintergründen, die möglichst auch global auf alle einwirkt. Eine Musik, die standardisiert ist und nach Standardmustern aufgebaut ist und die vorrangig den Sinn hat, eine möglichst breite ökonomische Basis aufzubauen.

Xound: Das stimmt ja nicht immer. Es gibt ja doch genügend Beispiele in der Musikgeschichte, wo jüngere Bands völlig unbedarft erfolgreich waren und große Hits gemacht haben, ohne dass Ältere dabei mitgewirkt haben.

V.K.: Das sind die berühmten Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Aber beim genaueren Hinseh-en finden sich dann im Hintergrund, spätestens in den Studios und bei den Plattenfirmen, praktisch immer eine paar coole Routiniers, die dann ganz entscheidend mit dran gedreht haben...

Xound: Du gehst davon aus, dass ein Song erfolgreich ist, sobald man sich an deine Formeln hält?

V.K.: Es gibt ja im Prinzip nur einige wenige Formelwelten den Turn-Around, den Blues, die Doppel-Subdominante usw.. Das sind eigentlich nur einige wenige große „Universen“ oder „Milchstraßen“ der Harmonien. Und diese sind wieder zu reduzieren auf meist nur drei, vier Akkorde. Wenn du anfängst diese Formelwelten zu vermischen, dann hast du halt keine Summen sondern nur Schnittmengen. Fast immer ist es so, dass die Leute, die auf den Blues positiv abfahren sagen: „Sobald das Andere dazukommt, höre ich mir das nicht mehr an“.

Viele Radiosender sortieren ihr Programm heute nur nach Harmoniefolgen aus und nicht nach Sängern, nicht nach Sounds. BIG FM hat heute z.B. maximal 2 Pop-Formeln, die sie den ganzen Tag bedienen. Der Südwestfunk spielt z.Zt. nur Turn-Around-Sachen. Wenn du dagegen einen Oldie-Radiosender hörst, spielt man hier nur Doppel-Subdominanten.

Ich will mit meinem Buch jedem, der ernsthaft in die Musik einsteigen will, sagen: Guckt euch das an und versucht zu verstehen, dass die Leute, bei aller Unbewusstheit, wahnsinnig sensibel darauf reagieren ob man ihre Formel erfüllt oder nicht.

Erfülle dem Publikum doch seinen Wunsch, gib ihm eine Formel und zeige, dass aus diesem Korsett heraus, du immer noch deine eigenen Ideen hast.

In dem Moment, in dem du als Songwriter in eine Popformel-Welt einsteigst, bekommst du plötzlich einen Energieschub, den du woanders nicht kriegst. Es kann sein, dass du hier und da etwas probierst, wenn du allerdings exakt den Turn-Around spielst, dann macht es „Peng“ und du wirst automatisch nach oben „geschossen“.

Xound: Das ist für mich nicht der Ansatz zum Musikmachen.

V.K.: Es ist der Ansatz zum ökonomisch erfolgreichen Popularmusik machen, mehr nicht.

Xound: Es gibt Musikbereiche, in denen die Musiker oder Songschreiber eine gewisse musikalische Vorbildung haben, um die theoretischen Zusammenhänge wie Harmoniefolgen usw. in deinem Buch zu verstehen. Ich denke, dass es gerade im HipHop-Bereich viele Leute gibt, die mit Harmonielehre oder Musiktheorie wenig am Hut haben. Geht dein Buch da nicht an der Zielgruppe vorbei?

V.K.: Das wirklich Spannende ist ja, dass sich wie bei den Pop-Formeln auch im HipHop jetzt in der aktuellen Post-Sampling-Phase spezielle Formeln entwickelt haben. Und da haben die Leute gemerkt, wenn du diese einsetzt, dann beförderst du dich automatisch durch eine Art Turbo-Energie wieder in Position hinein, von der aus es sehr viel leichter geht. Das mokieren darüber „Wir können keine Noten!“ darf man nicht überbewerten.

Es gibt von John Lennon diese berühmten Interviews in Bezug auf, die ersten Kritiker, die ihm äolische Tonskalen nachsagten, worüber er sich fürchterlich aufgeregt hat. Auf seine Weise wusste er trotzdem ganz genau, an welcher Stelle er Moll- und Dur-Akkorde spürte. Ich habe ja ganz viele der HipHop-Produzenten kennen lernen dürfen, die mir alle sagten: „Wir machen alles aus dem Gefühl heraus“. Aber wenn du ihnen eine A-Moll und einen Dur-Akkord in Kombination gespielt hast, wussten sie 100%ig was sie gut finden und was sie nicht gut finden.

Xound: Du sagst in deinem Buch, wenn man sich an deine Formeln hält, dann wäre man erfolgreich. Das wage ich zu bezweifeln. Wenn das so wäre, dann müsstest du ja steinreich sein und tausende von Hits haben!

V.K.: Nein, so banal sage ich das nicht und das versuche ich auch immer wieder zu erklären.

Einen Hit zu haben, ein Star zu werden bedeutet ja auch – und das sage ich ganz realistisch – im esoterischen Sinne sehr viel. Ich muss ja ganz viele Leute dazu bewegen, mir Geld zu geben. Mein Leben muss darauf vorbereitet sein, dass ich plötzlich durch die Decke gehe und in fünf Villen wohne. Diesen Universal-Platz des reichen „Geldsacks“, den können einfach nicht alle mal einnehmen – den muss man auch aushalten können.

Ich habe schon relativ bald gemerkt, dass mir dieses Leben – vier Nächte bis morgens um drei in der Kneipe – nicht zusagt. So sehr ich auch daran interessiert war, Hits zu haben, das

Arbeitsumfeld hat mir persönlich nicht behagt.

Xound: Ich kenne einige Komponisten, die schon sehr viele Hits hatten, z.T. und gutes Geld verdienen, die aber trotzdem völlig unspektakulär zu Hause sitzen und ihre Songs schreiben, ohne dass sie diesem Stress, den du beschreibst, unterliegen. Auch wenn diese Leute auf die Straße gehen, haben sie ihre Ruhe, weil sie nie in der Öffentlichkeit stehen müssen. So geht es doch auch?

V.K.: Ich habe mich halt für Forschung und Universität entschieden und sehe mich nicht so sehr als Komponist. Ich sehe mich vielmehr als jemand, der mit großem Interesse die Dinge analytisch betrachtet. Ich sehe mich sozusagen als jemand, der die Rennbahn abschreitet und schaut, welche Kombination aus Zylinder und Kurbelwellen hier jeweils verwendet werden. Aber ich denke im Leben nicht daran jemandem wie Michael Schumacher Konkurrenz zu machen.

Ich sage nur jedem: es ist interessant zu sehen, dass die Songs die erfolgreich sind, nach einem konkreten Schema funktionieren. Mein Hauptanliegen ist es eigentlich, den jungen Leuten , die gerne etwas lernen möchten etwas nahe zubringen. Bevor man diese Leute immer in dem imaginären Glauben lässt, theoretisch könnte man jede Kombination von Akkorden machen – man muss nur etwas Neues erfinden – sage ich

immer ganz laut und deutlich:

Analysiert doch erst einmal, was euch vorgemacht worden ist. Schaut, wo die „Großen“ ihre Spuren hinterlassen haben und schaut, ob es für euch passt.

Xound: Um noch mal auf dein Beispiel mit dem Autorennen zurückzukommen – du kannst alle Parameter des Motors, wie du gesagt hast, analysieren, daraus lernen und bestimmte Faktoren optimieren. Ob das Rennen aber letztlich gewonnen wird oder nicht, hängt von so vielen Faktoren ab, nicht zuletzt vom Fahrer.

V.K.: Wenn der Motor allerdings 7 Zylinder aber keine Kurbelwelle hat, dann ist das bestimmt etwas ganz Neues, aber das Ding läuft einfach nicht. Wenn ihr wirklich wissen wollt, woraus ein Auto im Kern besteht, dann zeige ich euch welche Achsen üblicherweise genommen werden, welcher Motor eingesetzt wird und wie grundsätzlich die Struktur dieses Autos ist. Ob man sich beim Auto später für Leder oder Kunststoffsitze entscheidet, bleibt jedem selbst überlassen. Das beeinflusst sicherlich auch die Kaufentscheidung aber ich spreche ja die Autoingenieure, die Macher an.

Xound: Dass ein Motor ohne Kurbelwelle nicht funktioniert ist klar – es sei denn es ist ein anderes Antriebskonzept wie z.B. ein Wankelmotor oder ein Elektromotor...

V.K.: Das wäre wieder eine eigene Formel...

Xound: Bei Musik dagegen ist es ja so, dass es unendlich viele Spielmöglichkeiten gibt.

V.K.: Nein, wir reden hier nicht über Musik, wir reden über Popularmusik des 20. Jahrhunderts, die auf ökonomischen Grundsätzen beruht und von Älteren für Jüngere gemacht ist. Jeder, der den Jugendlichen heute noch sagt, macht etwas Neues, macht was Anderes ist in meinen Augen unverantwortlich.

Bei dieser Konkurrenz, die global auf diese Kids zukommt, die alle keine Zeit haben, noch Jahre im Trial- und Error-Verfahren loszulegen finde ich es geradezu unverantwortlich, ihnen nicht zu sagen: Moment, die ein große Hälfte der Pop-Musik ist Turn-Around, die andere große Hälfte ist Blues: das müsst ihr in Fleisch und Blut aufnehmen. So haben auch die Beatles drei Jahre in Hamburg ihr Geschäft gelernt. Wenn ihr das drin habt, dann könnt ihr darauf aufbauen und beginnen Varianten zu machen. Und wenn ihr dann noch gut seid, eure Instrumente gut spielen könnt und gute Sounds habt, dann geht’s los.

Aber ihnen einfach zu sagen „spielt mal drauf los und findet was Neues“, ist dummes Zeug. Die jungen Musiker sind völlig hilflos. Warum sollte man ihnen nicht sagen: spiel mal diese oder jene konkrete Harmoniefolge – sofort fährt das Publikum darauf ab.

Xound: Viele Musiker spielen gerade am Anfang Cover Songs um musikalische Erfahrungen an Hand der verschiedenen Stilistiken zu sammeln. Auch ich habe so begonnen Musik zu machen, um halt die verschiedenen Dinge kennen zulernen. Nach und nach beginnt man dann aus dem Erlebten eigene Songs zu entwickeln. Das halte ich für den besseren Weg.

V.K.: Es geht ja darum, dass die Musiker die „Gefäße“ kennen lernen. Das Publikum (!!) reagiert auf bestimmte Gefäßformen und das sind diese Harmoniekombinationen. Die großen Publika erkennen sofort, in welchem Harmonieschema und in welchem Bereich du bist. Die Kunst des Pupular-Musikers besteht vor allem da drin – ob uns das als Musiker jetzt passt oder nicht – diese Gefäßformen anzuwenden. Wenn du diese noch mit den richtigen Sounds kombinierst und dann auch noch richtig singen kannst, bist du plötzlich so weit, dass alle sagen: ah, das finde ich interessant.

Was ebenfalls Viele verkennen ist, dass der Text in der Popular-Musik völlig unwichtig ist. Der Text hat keine Priorität, die wirklich entscheidend ist. Wenn die Harmonie-Kombination funktioniert, wird alles schön gefärbt, ganz gleich ob der Sänger singt: Baby, Baby, ich lieb dich oder ich lieb dich nicht, oder was auch immer. Das ist dem Hörer egal.

Xound: Du weißt, ich habe in meinem Leben schon ein paar Hits gehabt. Ich habe mich dann im nach hinein immer gefragt, wie der eine oder andere Song entstanden ist. Ich habe versucht, mich an das Gefühl des ersten Augenblicks zu erinnern, habe ebenso versucht diese Stimmung gezielt noch mal zu erleben, und ähnliche Harmoniefolgen zu verwenden, um weiter Hits zu schreiben. Doch ich musste feststellen, das funktioniert einfach nicht.

Die Stimmung im Augenblick der Entstehung des Songs, diese Magie die plötzlich im Raum stand, wenn gerade einer der später erfolgreichen Songs geboren wurde, lässt sich nicht nach Belieben aufrufen. Das haben mir auch andere Pop-Komponisten und Produzenten bestätigt.

V.K.: Nichts für ungut: Zum einen beruhen gerade deine Hits sehr wohl auf Formeln, und zum anderen gehört natürlich auch die richtige Magie, die richtige Energie dazu. Nochmal: Der typische Hit basiert üblicherweise auf standardisierten Formeln – aber erst die ganz eigene, höchst perönlich-individuelle geistige Energie gibt ihm den letzten und entscheidenden Dreh, um ihn aus der Masse der – wie wir Musikwissenschaftler sagen – ,selbstähnlichen Wiederholungen´ herauszuheben.

Xound: Wenn man dein Buch liest, wird einem suggeriert, als hätten alle erfolgreichen Produzenten nach deinen Formeln gearbeitet. Letzten Endes hast du ja nur das analysiert, was diese Leute intuitiv gemacht haben.

Selbst in den Interviews , die in deinem Buch zu finden sind kommt ja rüber, dass die interviewten Produzenten beim Arbeiten halt nichts von deinen Formeln verstehen und sich keine Gedanken um Harmonielehre machen.

V.K.: Ganz so hart sehe ich das nicht: Zum einen habe ich vielleicht ,nur´ analysiert, aber immer habe ich sie analysiert! Und zum anderen: Für meine Begriffe kokettieren viele Produzenten-Cracks auch mit dem ,von Musiktheorie habe ich keine Ahnung, das kommt bei mir alles aus dem Bauch heraus!` Nicht zuletzt ein Produzent wie der Beatles-Macher George Martin kannte sie genau. Und Timbaland, Dr. Dre oder auch hier bei uns Beatlefield und Beathovenz haben zumindest Erfahrungswerte oder vielleicht die richtigen Berater. Auf jeden Fall ist bei der Analyse von Hits das Ergebnis immer das Gleiche: Es gibt keine Ausnahme. Solange Popular-Musik erfolgreich ist, beruht sie auf dem Formeldenken, sonst ist es keine Popular-Musik. Das ist ja die spannende These.

 

www.voggenreiter.de

Die HipHop-Formeln

Ein Buch von Volkmar Kramarz, erschienen im Voggenreiter Verlag

DIN A4, 160 Seiten, inkl. CD

ISBN 978-3-8024-0660-7

EUR 22,95

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Kommentare (1)add comment

Frank said:

0
...
das kann der Kramarz doch nicht ernst meinen
Dezember 17, 2011

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