Interview mit PPG-Entwickler Wolfgang Palm

"So fing Alles an"

Xound: Zu der Zeit, als du den PPG entwickelt hast, gab es lediglich Synthesizer, die mit einfachen Wellenform-Oszillatoren arbeiteten. Wie ist dir die Idee für den neuen Weg der Klangerzeugung gekommen?

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W. Palm: Stimmt, damals gab es nur die analogen Wellenformen Sägezahn, Puls und Dreieck.
Die analogen Synths hatten allerdings einige grundsätzliche Probleme wie Tonhöhen-Instabilität - besonders bei Temperaturschwankungen führte das zu unsauberen Scales - und dann die Monophonie, also dass man nur einstimmig spielen konnte. Als drittes fehlte dann noch die Möglichkeit, Einstellungen speichern zu können. Man konnte also eine mühsam gefundene Einstellung nie wieder genau reproduzieren.
Nachdem ich von ca. 1974 an auch solche Analog-Systeme gebaut hatte, habe ich dann 1977 einen teilweise digitalen Synthesizer entwickelt, den PPG 1020, der digitale Oszillatoren und ein digitales Keyboard hatte. Dadurch war er absolut stimmstabil und duophonisch, also 2-stimmig. Und weil es sich in der Digitaltechnik so anbietet, hatten die Oszillatoren auch schon eine Wellenform, die es vorher bei den Analogsynthesizern nicht gab. Es war eine Welle, die innerhalb der Periode viele kleine Sprünge hat. Das lieferte einen interessanten Klang in Richtung Spinett.
Nun war da immer noch das Problem der Nicht-Speicherbarkeit, was ich dann 1978 mit dem PPG 1003 löste. Das Gerät war allerdings ein regelrechtes Monster, einmal von der Größe her, aber auch in Bezug auf den immensen Aufwand an Digitaltechnik.

Xound: Es war zu dieser Zeit sicherlich schwierig, an Bauteile heranzukommen?

W. Palm: Das war zu einer Zeit, als der Mikroprozessor noch weitgehend unbekannt war.
Der 1003 war aus einer Unmenge kleiner Einzelchips zusammengestellt, was natürlich sehr aufwendig und auch fehleranfällig war. Es war damals die große Zeit der Oberheim 4- und 8-Voice-Modelle. Diese waren  4- bzw. 8-stimmig spielbar und bestanden im Wesentlichen aus 4 bzw. 8 gleichen Modulen, die jeweils in etwa einem Mini-Moog entsprachen. Es war ein gigantischer Hardware-Aufwand, und die Preise fielen entsprechend aus.

Xound: Ab wann kamen die Mikroprozessoren ins Spiel?

W. Palm: Als ich dann 1978 anfing, mich mit Mikroprozessoren zu beschäftigen, sah ich, was für eine Vereinfachung der Hardware diese Technologie mit sich brachte. Es gab kein Halten mehr, und ich fing an, mir Gedanken über polyphone Digital-Synthesizer zu machen.
Wie schon gesagt, hatte ich mit dem 1020 bereits einige Erfahrung gesammelt und wusste, wie man grundsätzlich einen digitalen Oszillator aufbauen kann.
Ich hatte nun die Vorstellung, die Oszillatoren nicht wie bisher mit statischen Wellenformen auszustatten, sondern mit dynamischen! Die Wellenform sollte sich also innerhalb des gespielten Tons verändern.  Ich dachte mir, dass auch der typische Lowpass-Filter-Effekt durchaus zu erzielen sei, wenn ich die richtigen Wellen nacheinander abspielen würde.
Dadurch könnten die analogen Filter entfallen, und das Gerät würde wesentlich kompakter.
Nun war es nur noch ein kleiner Schritt zur Entwicklung des "Wavetable"-Prinzips.

Xound: Was steckt dahinter?

W. Palm: Es funktioniert ähnlich wie beim Film. Der Film besteht aus Einzelbildern, die dann schnell nacheinander auf der Leinwand erscheinen. Dadurch entsteht der Effekt des "bewegten Bildes". So überlegte ich mir das auch für meinen „Audio-Generator“. Es sollte einen Speicher geben, der 64 Wellenformen speichern konnte, und wenn man diese Wellen der Reihe nach abspielte, sollte ein dynamischer Klang entstehen.
Die große Frage war nun, wie ich diese Wellen berechnen sollte. Man muss immer bedenken, dass es zu dieser Zeit (1979) noch nichts von dem gab, was wir heute als selbstverständlich ansehen. Es gab zwar an den Unis Großrechner, aber sonst nichts - außer der elektrischen Schreibmaschine. Ich hatte lediglich ein ganz simples "Ein-Platinen-Entwicklungssystem"  für Mikroprozessoren, was nur im Maschinencode des Prozessors zu programmieren war.
Die ersten Wellen entstanden dann durch Zusammensetzen von Sinuswellen - den ersten digitalen Sägezahn in dem System konstruierte ich also aus einer Anzahl von Sinustönen mit Amplituden, wie ich sie noch aus einem Akustik-Lehrbuch aus meiner Studienzeit kannte. Um den "Lowpass"-Effekt zu erzielen, musste ich nun 64 Wellen berechnen, die jeweils immer weniger Obertöne hatten. Der typische Klangablauf begann also mit einem Sägezahn mit 32 Obertönen, gefolgt von einem mit 31 Obertönen, dann mit 30 usw., bis am Ende nur ein Sinus übrig bleibt.

Xound: Wie waren denn die ersten Hörtests?

W. Palm: Ich muss gestehen: Als ich das erste Mal diesen Klangablauf im Synthesizer hörte, war ich enttäuscht. Es klang ganz anders, als wenn man einen Sägezahn über einen Moog-Filter abklingen lässt. Zwar war der Anfang recht ähnlich, aber dann, wenn beim Moog der Klang weich und dumpf wurde, klang es bei mir immer noch recht hell und irgendwie "digital". Besonders in den Basslagen hatten alle Sounds immer so ein typisches "Sirren". Später wurde mir klar, dass das an der geringen Auflösung der Wellenformen lag.
Egal - ich begann nun, mit anderen Wellenformen zu experimentieren. Besonders die "gläsern" klingenden Resonanzen waren einzigartig und von bezaubernder Ästhetik.
Diese ersten Wavetables sind bis heute noch aktuell, die PPG-Fans sind nach wie vor begeistert davon. Diese Wavetables sind auch nach wie vor in den aktuellen Waldorf-Produkten enthalten.

Xound: Wie wurde aus der Idee ein Produkt, eine Firma?

W. Palm: Die Firma gab es schon lange vor dem ersten Wavetable-Produkt. Es gab im Verlauf der Firmengeschichte viele Höhen und Tiefen, aber der "Wave Computer" - wie der erste digitale PPG hieß - war der Beginn des großen PPG-Erfolgs.
Zuerst war es ein rein digitaler Synth, und ich verkaufte davon einige in der Hamburger Szene. Ebenso verkaufte Wolfgang Düren, der den Vertrieb machte (Anmerkung d. Red.: später Gründer von Waldorf Music), einige Geräte. Aber der große Durchbruch war das nicht.
Zu dieser Zeit kam auch der Prophet 5 heraus. Dieser war von der Klangerzeugung her klassisch analog und lieferte den typischen satten Sound, den damals alle haben wollten. Mein Wave Computer hatte definitiv nicht diesen satten Sound, dafür aber jede Menge neuer Klänge. Die Musiker, die ihn einsetzten, kamen daher eher aus der experimentellen Ecke, allen voran Tangerine Dream.
Um nun auch den "Mainstream-Musiker“ zu beglücken, baute ich ein Nachfolgemodell, den Wave 2. Der hatte nun zusätzlich zur digitalen Klangerzeugung noch die typischen Analog-Filter. Nun stellte sich langsam der internationale Erfolg ein.

Xound: Welchen Einfluss hatten die Filter auf den typischen PPG-Klang?

W. Palm: Auf den typischen PPG-Klang wohl eher keinen. Der bestand hauptsächlich aus den neuen Sounds, teils harmonisch und zart, aber auch klirrend abstrakt und brutal.
Natürlich haben die PPG-Liebhaber ihre bevorzugten Filter. Es war so, dass wir damals Filter-Chips von amerikanischen Lieferanten bezogen, die auch Oberheim und Sequential Circuits belieferten. Später mussten wir jedoch wechseln, da die erste Firma nicht mehr liefern konnte.

Xound: Ließ sich das PPG-Konzept problemlos auf das Plugin übertragen, oder musste man große Kompromisse in Kauf nehmen?

W. Palm: Es ist halt immer die Frage, wie genau man es annähern will - hundertprozentig wird es wohl auf einem PC nie gehen, da das Original eine sehr hohe Taktrate zur Berechnung der Wellen hatte. Das lässt sich auch auf heutigen PCs nicht 1:1 nachbilden, also muss man durch Simulation versuchen, eine gute Annäherung zu erzielen.
Aber das aktuelle Waldorf-Produkt "PPG Wave 3.V" kommt dem Original schon sehr nahe.
Und ehrlich gesagt, wenn man die Sounds in einer Produktion im Mix hört, glaube ich kaum, dass man sie unterscheiden kann. Wenn man natürlich vor so einem Original Wave 2.2 sitzt und an den Knöpfen dreht, ist das ein anderes Ding.

Xound: Wie siehst du die Zukunft von "echten" Hardware-Synthesizern im Vergleich zu den Plugins?

W. Palm: Ich denke, es wird immer beides seine Berechtigung haben. Wer Hardware besitzt, wird diese immer bevorzugen. Wer sich die Original-Geräte nicht leisten kann oder den damit verbundenen Aufwand scheut, wird mit Plugins gut bedient sein. Letzten Endes hängt die Qualität guter Musik von anderen Dingen ab.

Xound: Vielen Dank für das Gespräch.



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